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Strom in Gottes Hand

Preußische Allgemeine Zeitung, 04.11.2012

Millionen Menschen ohne Strom. Eine Metropole im Dunkeln. Teile der führenden Industrienation der Welt zum Stillstand verurteilt. Seit Anfang der Woche beherrschen diese Bilder aus den USA die Nachrichten. In einer Intensität vermittelt, als spielte sich das nicht jenseits des Atlantik, sondern direkt vor der eigenen Haustür ab. Mit wohligem Entsetzen lehnt sich der deutsche Michel angesichts dieser Bilder zurück, beruhigt von dem Gedanken, dass so etwas hierzulande nicht vorkommen kann.

Die Frage ist, wie lange noch. Wirbelstürme haben wir ebenso wenig zu fürchten wie ein Erdbeben. Und eine deutsche Großstadt ohne Strom ist etwa so selten wie ein sinnvoller politischer Vorschlag zur Lösung der Euro-Krise. Weil die Energiewende trotz aller goldenen Worte der Kanzlerin nicht recht in Gange kommt, könnte sich das allerdings schon in den kommenden Winterwochen ändern. Nachdem acht Kernkraftwerke vom Netz genommen und mehr alte Kohlekraftwerke stillgelegt als neue in Betrieb genommen wurden, ist die deutsche Erzeugungskapazität „keinesfalls beruhigend auskömmlich, sondern bestenfalls knapp ausreichend“, wie die Bundesnetzagentur etwas verschroben formuliert. Zudem ist der Ausbau des Stromnetzes ins Stocken geraten. Da mag der Wind an der Küste noch so kräftig wehen, ohne Leitungen kommt der Strom nicht dort an, wo er gebraucht wird. Schon im letzten Winter ist die Stromversorgung mehrfach am Limit gewesen. Nun fehlen laut Bundesnetzagentur allein in Süddeutschland im Vergleich zu damals weitere rund 500 Megawatt, was etwa dem Strombedarf einer Großstadt entspricht.

Ein langer, strenger Winter würde die Energieversorgung zusammenbrechen lassen. Strom aus dem Ausland würde nur bedingt zur Verfügung stehen, denn ein stabiles europäisches Verbundnetz ist bislang nur eine Vision. Die Folgen eines mehrtägigen lan­desweiten Black­outs wären fatal. Dann würden in Deutschland mehr als nur die Lichter ausgehen. Unser Leben würde verlöschen. Keine Heizung, keine Lebensmittelversorgung, kein Krankenhausbetrieb, kein Verkehr. Der wirtschaftliche Schaden wäre gar nicht zu beziffern, „ein Kollaps der gesamten Gesellschaft kaum zu verhindern“, wie das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag in einem Gutachten feststellt.

Es gibt gute Gründe für einen Atomausstieg. Fukushima war gewiss keiner. Als die Bundesregierung die abrupte Energiewende beschlossen hat, hat sie sich unrealistischen Träumen hingegeben und keinen Gedanken an ihre Pflicht zur Daseinsvorsorge für die Bürger verschwendet. Die Energiewende könnte gut und richtig sein, hätte man sie vom Ende her bedacht und schrittweise umgesetzt. So aber hängt alles vom Wetter und damit, wie EU-Energiekommissar Günther Oettinger einmal bemerkte, „vom lieben Gott“ ab. Der aber ist der Richtlinienkompetenz der Kanzlerin entzogen.