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Schizophrenes Europa – extreme Unterschiede innerhalb der Eurozone

John R. Taylor, Jr., MARKET INSIGHT REPORT, 10.06.2010

In Europa kann einen das Verwalten eines Investmentportfolios recht schnell ins Irrenhaus bringen. Nur ein Bühnenautor wie Luigi Pirandello, der mit einer schizophrenen Frau zusammenlebte und Bühnenstücke wie Henry IV schrieb, bei denen es verschiedene Wirklichkeitsebenen gibt, könnten an die Finanzlandschaft des heutigen Europas heranreichen. Unglücklicherweise hat sich die mächtige politische Elite dem Fortbestand der europäischen Währungszone, den sie als entscheidend für das Überleben der Europäischen Union ansieht, felsenfest verschrieben, so dass die wirtschaftlichen Verwerfungen nur noch gravierender werden. Am Ende wird es so oder so böse enden, wie bei Henry IV mit Gewalt und Tod, oder auch mit einer Neuordnung und Verschmelzung der europäischen Nationalstaaten. Ich gehe davon aus, dass ich noch den Rest meines Lebens über diesen faszinierenden Prozess schreiben werde – und ich hoffe noch lange Zeit zu leben.

Die Unterschiede innerhalb der Eurozone sind extrem. Irland erlebte im letzten Jahr einen Rückgang des Bruttosozialprodukts von 10,2%, ein Wert, der dem während der Großen Depression entspricht, während Deutschlands Wirtschaft jüngst nominal um 3% zulegte. Ein unabhängiger Ökonom berechnete, dass sich der Wert des Euros auf USD 0,31 belaufen müsste um Griechenlands internationale Position widerzuspiegeln. Bei Spanien sind es USD 0,34, wohingegen Deutschland praktisch mit einem Eurokurs von über USD 1,80 auf den internationalen Märkten noch mithalten könnte. Obwohl die EZB den Refinanzierungssatz auf 1,00% festgesetzt hat, beläuft sich der Zinsatz für zweijährige deutsche Anleihen auf 0,48%, wohingegen Griechenland mit 7,91%, Irland mit 3,37% und Spanien mit 3,20% jedoch wesentlich darüber liegen. Irland lebt nun seit den letzten 16 Monaten mit Deflation, während sich die Gesetzgeber in Deutschland Sorgen um die Inflation machen.

All diese Unterschiede sind in den vergangenen Monaten noch gravierender geworden und die überwiegende Zahl unabhängiger Beobachter sagt voraus, dass dieser Trend anhalten wird. Nach jedem Maßstab eines Ökonomen handelt es sich hier nicht um eine optimale Währungszone. Aber die Ökonomen sind nicht in der Verantwortung, sondern es sind die Politiker und diese Politiker haben ihre ganze Karriere investiert ihrem Konzept der europäischen Währung zu folgen. Ihre Reputationen und der europäische Mythos hängen vom Überleben des Euros ab und Jene, die seine Lebensfähigkeit anzweifeln, sind Feinde, die es verdienen in der Versenkung zu verschwinden. Es gibt hierbei jedoch ein alles überragendes Problem, das die Verteidiger des Euros nicht überwinden können: In seiner gegenwärtigen Form ist es für den Euro unmöglich zu überleben. Vor der Griechenlandkrise war das dem Markt nicht klar, aber jetzt versteht er es. Diesen Geist bekommt man jetzt nicht mehr in die Flasche zurück.

Wenn ein Teil des Euros USD 1,80 Wert ist und ein anderer Teil USD 0,31, wie bewertet man diese Währung dann heute, wo sie immer noch eine Einheitswährung ist? Das ist die Krux an der Angelegenheit. Die Unsicherheit, die um dieses Problem kreist, sorgte dafür, dass Milliarden an Euro in die Sicherheit des Schweizer Franken flohen. Die schweizerischen Behörden griffen ein und kaufen aktuell so viele Euros, dass ihre Währungsreserven seit Beginn dieses Jahres bis auf 45% ihres Bruttosozialprodukts anstiegen. Trotz der massiven Interventionen hat der Schweizer Franken seit Mitte Dezember 10% gegen den Euro zugelegt und es ist keine Veränderung in Sicht.

Da die Politiker vollständig in Kontrolle sind, könnte der schizophrene Euro noch Jahre weitergehen, während sich die wirtschaftlichen Verwerfungen immer weiter intensivieren würden. Kleine Explosionen sind wahrscheinlich. Sicher, die Schweiz befindet sich in einer schrecklichen Position (lesen Sie hierzu auch den Artikel „Die Schweiz ist wieder umzingelt“ v. 29.04.2010), da der Euro auch weiterhin in Land kommen wird. Es könnte durchaus sein, dass der Schweizer Franken weitere 10% gegenüber dem Euro zulegt und damit die Exportgrundlage des Landes vernichtet, aber die Schweiz könnte die Regeln ändern um sich davor zu schützen.

Obwohl die europäischen Eliten sich dem Euro felsenfest verschrieben haben, ist das beim Mann auf der Straße anders. Der politische Friede in Europa ist ein Kompromiss zwischen den etablierten Eliten und den anspruchsberechtigten Massen, wie es von Bismarck vor 120 Jahren erstmals ausformuliert wurde. Durch die Rücknahme dieser Ansprüche zur Rettung des Euros, wäre es ein Leichtes diese historische Vereinbarung zu kippen. Wenn Diejenigen, die sich aktuell an der Macht befinden, die Bedürfnisse der Menschen ignorieren, werden weder der Euro noch die gegenwärtige politische Struktur in ihren jetzigen Form überleben.

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