Europa & die Derivatebombe: Die größte Finanzmarkt-Story, über die sich alle ausschweigen

Der nominelle Wert der weltweiten Finanzderivate beläuft sich auf rund USD 700 Billionen. Diese Derivate werden mit Staatsanleihen besichert! Wenn die Staatsanleihen suspekt werden, geht die Finanzbombe hoch. Das ist auch der wirkliche Grund für die EU-Rettungspakete und all die anderen Maßnahmen der weltweiten Zentralbanken

Graham Summers, Gainspainscapital.com, 14.11.2012

Die moderne Finanztheorie besagt, dass Staatanleihen die Vermögenswerte mit den geringsten Risiken im gesamten Finanzsystem sind. Aktien, Gemeindeanleihen, Unternehmensanleihen und ähnliches rangieren weit unter Staatsanleihen, was das Risikoprofil anbelangt. Der Grund dafür ist, dass es bei einem Unternehmen bedeutend wahrscheinlicher ist, dass es in die Pleite abrutscht, als es bei einem Land der Fall ist.

Und weil dem so ist, hat das gesamte westliche Finanzsystem Staatsanleihen – also US-Staatsanleihen, deutsche Bundesanleihen, japanische Staatsanleihen usw. – als die wichtigsten Kreditsicherheiten für Geschäfte im Wert von hunderten Billionen an Dollars hinterlegt.

Diese „hunderte Billionen“ an Dollars an Geschäften sind darauf zurückzuführen, dass die US-Börsenaufsicht SEC es den Finanzinstitutionen mit einem Eigenkapital von mehr als USD 5 Milliarden (denken Sie an Goldman Sachs, JPMorgan usw.) ab dem Jahre 2004 erlaubte, ihren Fremdkapitalhebel weit über das zuvor zulässige Niveau auszuweiten, während gleichzeitig das Prinzip der Marktpreisbewertung aufgeben wurde. Bei der Marktpreisbewertung muss ein Vermögenswert nach dem Preis bewertet werden, den ein anderer Marktteilnehmer dafür zahlen würde.

Nach diesen Änderungen des Jahres 2004 waren die großen Broker also in der Lage, ihren Fremdkapitalhebel dramatisch auszuweiten. Und weil sie ihre Geschäfte mit ihren eigenen hausinternen Bewertungsmodellen nach Gutdünken mit irgendeinem Preis bewerten konnten – Und wie stehen die Chancen, dass diese Modelle konservativ gewesen sind? –, sitzen die Broker und die Wall Street Banken heute auf Finanzderivaten im Wert von USD 700 Billionen.

Jede große Bank weiß natürlich, dass die anderen Banken und Broker den Wert ihrer Vermögenswerte aufgebauscht haben. Deshalb muss beim Derivatehandel (genauso wie das bei allen anderen Finanzinstrumenten auch der Fall ist) eine Sicherheit hinterlegt werden, auf die die Gegenpartei Zugriff hat, um die Verluste zu kompensieren, sollte ein Geschäft platzen.

Und die ultimative Absicherung dieser USD 700 Milliarden an Derivaten sind … Staatsanleihen.

Und wenn man das weiß, wird einem sofort klar, was die Zentralbanken die letzten fünf Jahre eigentlich getrieben habe. Jede einzelne Maßnahme der Zentralbanken zielte darauf ab, eines der nachfolgenden zwei Dinge zu erreichen:

1. Um den viel zu stark gehebelten Banken Zugang zu Geld zu verschaffen, damit diese ihre unmittelbaren Forderungen bedienen können. Dafür brauchte man QE1, QE2, LTRO1, LTRO2 usw.

2. Um den Banken die Möglichkeit zu geben, Sicherheiten geringerer Qualität (hypothekarisch besicherte Wertpapiere (MBSs) und andere Ramschpapiere) gegen Geld einzutauschen, das dann genutzt werden kann, um höherwertige Sicherheiten zu erwerben. Dazu dienten die MBS-Aufkäufe bei QE1, Operation Twist 2 (wo die Banken ihre langlaufenden US-Staatsanliehen gegen kurzlaufende eintauschen konnten), QE3 usw.

Um uns das Ganze noch einmal an einem Beispiel zu verdeutlichen, werden wir uns im Folgenden Griechenland anschauen.

Bei all dem Brimborium, das rund um die Austeritätsmaßnahmen und das Schulden/BSP-Verhältnis Griechenlands gemacht wird, ist die Hauptsorge, die die EU-Banken und die EU-Regulierungsbehörden in Wirklichkeit umtreibt: Was passiert mit Geschäften, die mit griechischen Staatsanleihen besichert worden sind?

Noch einmal:

1. Im Rahmen des zweiten griechischen Rettungspakets hatte die Europäische Zentralbank all ihre alten griechischen Staatsanleihen gegen neue eingetauscht, bei denen es nicht zu einem Haircut kommen würde.

2. Rund 80% der Rettungsgelder für Griechenland gingen an EU-Banken, die griechische Staatsanleihen hielten, und nicht etwa an die griechische Wirtschaft.

Zu Punkt 1 ist anzumerken, dass die Euroländer ja kürzlich über USD 1 Billion an Staatsanleihen in der Bilanz der EZB versenken durften und im Gegenzug dafür mittels LTRO1 (Dezember 2011)und LTRO2 (Februar2012) Gelder für ihre aktuellen Verbindlichkeiten erhielten.

Dadurch, dass die EZB während des zweiten griechischen Rettungspakets ihre alten griechischen Staatsanleihen gegen neue griechische Staatsanleihen eintauschte, stellte sie sicher, dass bei den griechischen Anleihen in ihrer Bilanz keine Verluste anfallen. Diese Anleihen konnten daher weiterhin als hochwertige Sicherheiten der Banken genutzt werden, die diese Papiere bei der EZB hinterlegt hatten.

Im Grunde hat die Europäische Zentralbank den Banken also erlaubt, griechische Staatsanleihen bei ihr abzuladen und dadurch Verluste zu vermeiden … und die Banken brauchten für ihre Portfolien somit auch keine neuen Sicherheiten zu hinterlegen.

Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären: Die Tatsache, dass 80% der Rettungsgelder für Griechenland an die EU-Banken ging, die griechische Staatsanleihen hielten, anstatt in Richtung der griechischen Wirtschaft.

Noch einmal: Es ging ausschließlich darum, den Banken, die griechische Staatsanleihen als Sicherheiten einsetzten, Geld zur Verfügung zu stellen, um sicher zu gehen, dass sie genügend Kapital an der Hand haben.

Nimmt man all das zusammen, wird klar, dass es bei der Griechenland-Rettung überhaupt nicht darum geht, den Griechen zu helfen. Vergessen Sie all die griechischen Schuldenprobleme, die Proteste oder die politischen Entscheidungen – bei der echten Story geht es nur darum, mit allen erdenklichen Mitteln sicherzustellen, dass die EU-Banken, die griechische Staatsanleihen als Sicherheit nutzen, über Wasser gehalten werden.

Und Griechenland ist bei diesem Schlamassel von Anfang an ein kleiner Fisch gewesen. Der Staatsanleihemarkt Griechenlands beläuft sich ja gerade einmal auf EUR 300 Milliarden.

Spanien und Italien hingegen haben externe Schulden von EUR 1,78 Billionen bzw. EUR 1,87 Billionen.

Ich habe keine genauen Daten darüber, wie stark die Finanzderivate mit spanischen und italienischen Staatsanleihen besichert werden, aber wir können zumindest mithilfe der Daten des US-Finanzmarkts eine grobe Schätzung anstellen.

In den USA, so viel wissen wir, halten die vier größten Banken Derivate im Nominalwert von USD 222 Billionen, verfügen aber lediglich über ein Eigenkapital in Höhe von USD 7 Billionen. Der Hebel liegt also bei 31:1.

Wenn man diesen Hebel zugrunde legt, ist es durchaus möglich, dass mit den spanischen und italienischen Staatsanleihen weit über EUR 100 Billionen an Derivaten besichert worden sind (EUR 1,78 Billionen x 31 + EUR 1,87 Billionen x 31).

Und das ist auch der Grund, warum Spanien den formellen Rettungsantrag weiter hinauszögert: Der Schlamassel, die um das Thema Kreditsicherheit kreisenden Fragen für Schulden im Wert von EUR 1,78 Billionen – die wohlmöglich zur Besicherung von Derivategeschäften im Wert von zig Billionen von Euros eingesetzt werden – im Einzelnen auszuklamüsern, könnte zu einem systemischen Kollaps führen. Wer sich auf den kommenden Monster-Crash in Europa noch nicht vorbereitet hat, sollte jetzt besser damit anfangen.

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