Peter Schiff: Die Phantomerholung in den USA

Peter Schiff, Euro Pacific Capital, 08.06.2010

Die Zahlen des Bruttosozialprodukts (BSP) haben sich in den letzten Monaten erholt – hauptsächlich ein Ergebnis der niedrigen Zinssätze, welche den Kreditmarkt wieder liquide machten, und des Konjunkturprogramms der Regierung, das den Verbraucherausgaben einen Schub gab. Obwohl das „positive Wachstum“ den ökonomischen Beraterstab von Obama erfreute, hat es wenig zum Wohle der allgemeinen Bevölkerung beigetragen. Ich habe es bereits oft gesagt, durch das BSP werden zum überwiegenden Teil die Ausgaben und nicht das Wachstum gemessen.

Vergangenen Freitag erhielten wir den jüngsten Hinweis darauf, dass die wirkliche Wirtschaft nicht im Geringsten zunimmt. Das US-Arbeitsministerium berichtete, dass die nichtlandwirtschaftlichen Beschäftigungen im Mai um 431.000 Arbeitsplätze zunahmen. In einer Pressemitteilung brüstet sich der Präsident mit den Nachrichten und merkt an, dass die offizielle Arbeitslosenrate von 9,9% auf 9,7% gefallen ist. Nur wenige Zeilen unterhalb der Überschrift finden sich jedoch überall die Alarmsignale. Der private Sektor schuf nur 41.000 dieser Arbeitsplätze – weit unter der mittleren Schätzung von 180.000 Stellen. Noch besorgniserregender war die Tatsache, dass die US-Behörde für Volkszählungen alleine für einen Zuwachs von 411.000 Stellen verantwortlich war, wobei es sich bei diesen Anstellungen fast ausschließlich um befristete Arbeitsplätze handelt.

Anstatt auf eine Erholung, deuten die Arbeitsmarktdaten vielmehr darauf hin, dass wir uns immer noch in der ersten Wirtschaftsdepression seit den 30er Jahren befinden. Damals im Jahre 1931, zwei Jahre nach dem Zusammenbruch von 1929, gab es immer noch sehr wenige Menschen, die der Meinung waren, dass die anhaltende Rezession eines Tages Große Depression genannt würde. Lesen Sie hierzu auch meinen Kommentar vom 01.05.2010 mit dem Titel „Setzen Sie nicht auf eine Erholung“.

Mit einer beispiellosen Kreditaufnahme finanzierte Ausgabenerhöhungen werden sich als ebenso vorübergehend herausstellen wie die Arbeitsplätze des US-Zensus (außer Obama entscheidet sich dazu die „Volkszählung“ im Namen des Konjunkturpakets zu einer dauerhaften Einrichtung der US-Regierung zu machen). Wenn die Zeche dafür gezahlt werden muss, wird der nächste Einbruch sogar noch gravierender sein als der Letzte.

Die anschwellende Zahl auf der Gehaltsliste der Regierung stehender Bediensteter und die schrumpfende Zahl privater Steuerzahler, welche die Zeche bezahlen, werden in den nächsten Jahren für größere Defizite und eine schwächere Wirtschaft sorgen. Daneben haben die künstlichen Ausgaben auch verhindert, dass eine dringend benötigte Restrukturierung stattfindet, was unsere Wirtschaft noch weniger effizient zurücklässt, als dies zu Beginn der Krise der Fall war. Mit anderen Worten haben wir uns selber in ein noch viel tieferes Loch gegraben, während wir jämmerlich dabei versagen irgendwelche Mittel aufzubauen, mit denen wir wieder herauskommen.

Ein Grund dafür, dass uns die volle Wucht der armseligen Entscheidungen Washingtons bis jetzt erspart geblieben ist, besteht darin, dass wir immer noch von den Problemen im Ausland, im Besonderen von den Problemen in der Eurozone profitieren. Da die Probleme der Staatsschulden für eine vorübergehende Flucht in den Dollar sorgten, profitierte unsere Wirtschaft von den niedrigeren Zinssätzen und den im Zaum gehaltenen Verbraucherpreisen.

Die EU-Mitgliedsstaaten haben jedoch ein gewisses Maß an Bereitschaft gezeigt ihre Probleme durch Einsparungen bei den Regierungsausgaben anzugehen und richtigerweise die Vorschläge der US-Regierung ignoriert, dass sie das Gegenteil tun sollen.

Erst heute bereitete der neu gewählte Premierminister Großbritanniens, David Cameron, seine Wählerschaft auf Austerität vor. Er führte dabei ein Budgetdefizit an, das sich aktuell auf 11% des BSP beläuft und wies darauf hin, dass die Regierungsausgaben sinken müssten um die Zahlungsfähigkeit und den hohen Lebensstandard aufrecht zu erhalten.

Weiter führte Cameron aus: „Griechenland ist ein Zeichen der Warnung, was mit Ländern passiert die ihre Glaubwürdigkeit verlieren oder deren Regierungen vorgeben, dass schwierige Entscheidungen irgendwie vermieden werden können.“

Diese Art realistischer Einschätzung fehlt bei unserer aktuellen Führerschaft in Washington völlig, und das, obwohl sich das US-Defizit auf 9,9% des BSP beläuft und weiter anwächst. In der Zwischenzeit werden die harten Entscheidungen der europäischen Regierung damit anfangen bei den Investoren das Vertrauen in den Euro wiederherzustellen.

Wenn sich der Euro schließlich gegenüber dem Dollar stabilisiert hat, gehe ich davon aus, dass die Preise für Verbrauchsgüter wieder anziehen werden, das gilt besonders für den Ölpreis. Normalerweise hätten die durch den verheerenden Ölteppich im Golf von Mexiko und das in der Folge erlassene Moratorium für Tiefseebohrungen verursachten Unsicherheiten dafür sorgen müssen, dass die Preise für Rohöl explodieren. Die Ängste vor einer weiteren weltweiten Abschwächung, die Euroschwäche und die allgemeine Risikoscheue haben die Preise jedoch unten gehalten. Da sich das Wachstum in Asien fortsetzt und Europa seinen Halt wiedergewinnt, rechne ich mit einem nach hinten verlagerten Anziehen des Ölpreises, der für die USA auf dem Weg der Erholung ein weiteres Hindernis darstellen wird.

Die letzte uns verbliebene Stütze bestand in der Aktivität der asiatischen Zentralbanken, die ihre Herkulesanstrengungen fortsetzten um dem Dollar und der Rettung der Amerikaner mit niedrigen Zinssätzen und billigen Importen beizuspringen. Wenn die Staatsschuldenkrise in Amerika jedoch wieder in den Mittelpunkt rückt, sollten Sie darauf gefasst sein, dass die politischen Entscheidungsträger in Asien endgültig daraus schlau geworden sind. Wenn diese Stütze erst einmal weg ist, wird die Ernsthaftigkeit unserer Situation nicht mehr zur Diskussion stehen und es wird dann auch nur noch wenig Streit darüber geben, dass es sich hier um eine Depression handelt.

Wirklich gefährlich wird es, wenn wir unserem eigenen irrsinnigen Ratschlag folgen, der von den Europäern zurückgewiesen wurde. Der US-Finanzminister Timothy Geithner hat den europäischen Regierungen unverhohlen empfohlen, sie sollten mehr Geld drucken und mehr davon ausgeben um ihre Wirtschaften vor einer Rezession zu bewahren. In Wirklichkeit handelt es sich bei Einsparungen von Regierungsausgaben jedoch um ein wesentlich besseres Konjunkturprogramm. Die Aufrechterhaltung verschwenderischer Haushaltsausgaben unter Verwendung der Druckerpresse wird einzig und allein zu einer Katastrophe führen. Nicht nur, dass solche Maßnahmen dabei versagen werden eine Rezession mit doppelter Talsohle zu vermeiden, sie werden gewissermaßen sicherstellen, dass die Situation in eine inflationäre Depression ausartet.

Wie ich bereits zuvor sagte, können wir nicht gleichzeitig ein Anwachsen der Wirtschaft und ein Anwachsen der Regierung haben. Der jüngste Arbeitsmarktbericht zeigt, dass wir nur die Regierung anwachsen lassen. Sollte dieser Trend sich nicht bald umkehren, dann werden die Investoren damit beginnen auf den Zusammenbruch der Dollarzone zu wetten.

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