EU-Staatsschuldendebakel: Die Realität stellt sich ein

Michael Snyder, The Economic Collapse, 01.11.2011

Hören Sie das Geräusch? Das ist die kalte Brise der Finanz-Realität, die den Europäern gerade ins Gesicht weht. Die Luft ist raus, und die weltweiten Investoren fangen langsam an zu begreifen, dass in Europa praktisch überhaupt nichts gelöst wurde.

Die von den europäischen Politikern eingebrachten Lösungsvorschläge verschlimmern die Eurokrise in Wirklichkeit nur noch. Ein Schuldenproblem löst man nicht, indem man das Vertrauen in Staatsschulden vernichtet, aber das ist genau das, was sie mit ihrem „freiwilligen 50%igen Haircut“ erreicht haben. Eine Staatsschuldenkrise löst man auch nicht, indem man seinen „Rettungsfonds“ mit Geldern aus Russland, China und Brasilien auffüllt. Noch mehr Schulden verschlimmern die Situation ebenfalls.

Und genausowenig lässt sich eine Staatsschuldenkrise lösen, indem man eine massive Kreditkrise heraufbeschwört. Die Entscheidung, den europäischen Banken gerade einmal bis Juni 2012 Zeit zu geben, um ihre Eigenkapitalbasis massiv zu erhöhen, wird zur Folge haben, dass viele von ihnen gezwungen sein werden, ihre Kreditvergabe massiv einzuschränken.

Eine enorme Kreditverknappung würde in Europa aber zu einem erheblichen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität führen – und das ist wirklich das Letzte, was die Europäer jetzt noch brauchen.

Sollten die Regelungen der EU-Führer von vergangener Woche das Beste gewesen sein, was sie vorzuweisen haben, dann befinden wir uns allesamt auf dem Weg in die Katastrophe.

Am Montag fingen die Investoren überall auf dem Planeten langsam an zu begreifen, womit wir hier eigentlich zu tun haben. Der Dow Jones brach 276 Punkte ein und die Euphorie von Ende letzter Woche ist mittlerweile praktisch komplett verflogen.

Viel wichtiger ist aber, was sich zurzeit an den europäischen Anleihenmärkten abspielt. Die Investoren reagierten auf die europäische Schuldenregelung extrem negativ und verlangen für europäische Staatsanleihen nun immer höhere Renditen.

Die Rendite für die 10-jährige italienische Staatsanleihe ist zurzeit der vielleicht wichtigste Finanzindikator auf dem Planeten. Sie liegt aktuell bei über 6%. 6% ist die entscheidende psychologische Grenze. Verharrt die Rendite über 6% oder geht sogar noch höher, bedeutet dies für Italien jede Menge Probleme.

Die italienische Regierung kann es sich schlicht nicht leisten, dass die Schulden so teuer werden. Umso stärker die Rendite der 10-jährigen italienischen Staatsanleihen steigt, desto schlimmer werden die finanziellen Auswirkungen für Italien.

Das Ganze war natürlich vorauszusehen. Es war völlig klar, dass der „freiwillige 50%ige Haircut“, der den privaten Haltern von griechischen Staatsanleihen nun aufgezwungen werden soll, genau diese Folgen zeitigen würde – doch die europäischen Politiker scherte das wenig, sie machten es trotzdem.

Italienische Banken mussten am Montag bereits schwere Schläge einstecken. CNN beschrieb das Gemetzel mit den Worten:

„Aktien von UniCredit, Italiens größter Bank, sanken in Mailand am Freitag um mehr als 4% und gingen am Montag noch einmal um weitere 6% nach unten. Intesa, die zweitgrößte italienische Bank, brach am Montag um 7% ein, während Mediobanka, Italiens drittgrößte Finanzinstitution, um rund 4% fiel.“

Mit einem Zusammenbruch Griechenlands kann die Finanzwelt schon irgendwie fertig werden, aber ein Zusammenbruch von Italien würde für Europa im Grunde einem Finanz-Armageddon gleichkommen. Das ist der Grund, warum Italien so wichtig ist.

Ein weiteres EU-Land, das man genau im Auge behalten sollte, ist Portugal. Die Rendite für 2-jährige portugiesische Staatsanleihen liegt aktuell bei über 18%. Vor einem Jahr rentierten diese Papiere noch mit 4%.

Portugal ist in vielerlei Hinsicht in einer noch schlechteren Verfassung als Griechenland. In einem jüngst von Ambrose Evans-Pritchard veröffentlichten Artikel werden die Schuldenprobleme von Portugal im Detail erörtert. In dem Artikel heißt es sehr aufschlussreich: „Portugals öffentliche und private Verschuldung wird bis nächstes Jahr 360% des BSP erreichen, das ist wesentlich höher als in Griechenland.“

Genauso wie Griechenland ist Portugal im Grunde heute bereits pleite. Die aktuelle Finanzsituation in Portugal ist völlig unhaltbar und die portugiesischen Politiker fragen bereits nach, ob sie nicht eine ebenso herzerweichende Vereinbarung wie die Griechen bekommen könnten.

Hieran kann man sehr schön sehen, dass mit der jüngsten Schuldenvereinbarung in Wirklichkeit die Büchse der Pandora geöffnet wurde. Die europäischen Länder, die sich finanziell in der schlimmsten Situation wiederfinden, wollen am Ende allesamt so seine „Vereinbarung“ haben, und es ist genau diese Unsicherheit, die die Investoren in den Wahnsinn treibt.

In der Tat gibt es praktisch so gut wie nichts Positives, was sich über die Schuldenvereinbarung der EU-Führer sagen ließe. Europa hat sich damit vielleicht ein paar Monate Zeit erkauft, aber das war es dann auch schon. Bereits zu Beginn dieser Woche hagelte es massive Kritik seitens der weltweiten Finanzexperten.

Charles Biderman, der Geschäftsführer von TrimTabs Investment Research, sagte beispielswiese, dass die Ursachen der EU-Schuldenkrise überhaupt nicht adressiert wurden: „Die Euphorie über die jüngste Eurozonen-Rettung wird schnell verfliegen, da die Investoren begreifen, dass die zu Grunde liegenden Solvenz-Probleme nicht andressiert worden sind.“

Bob Janjuah von Nomura Securities International in London ging mit seiner Kritik noch weiter und bezeichnete das Ganze sogar als ein „Schneeballsystem“:

„Die jüngste Runde des Eurozonen-Schockers ist meines Erachtens nichts weiter als Bauernfängerei und hat einem noch schlimmeren finalen Ausgang wohlmöglich erst den Weg bereitet … Diese jüngste Rettung beruht doch darauf, dass der Markt das, was er sieht, nicht einen riesigen ´Bluff` nennt, weil, sollte der Markt es so nennen, die Rettung ganz einfach nicht glaubwürdig, ja nicht einmal durchführbar ist.

Stattdessen ist es wie eine Art von auf sich selbst bezogenem Schneeballsystem – und ich kann nicht glauben, dass die politischen Entscheidungsträger in Europa auch nur darüber nachgedacht haben, diesen Weg einzuschlagen, schließlich verfügen wir ja alle noch über die jüngsten Erfahrungen, wie derartige Schneeballsysteme enden, und wir sollten uns auch alle daran erinnern, wie oft die Vertreter der Eurozone die US-amerikanischen Entscheidungsträger für ihre Rolle bei der US-Eigenheim/CDO/SIV-Finanzblase niedermachten und beschimpften.“

Carl Weinberg, der Chefökonom von High Frequency Economics, nannte die europäische Schuldenregelung einen Plan „Madoff´schen Ausmaßes“:

„Sie [die EU-Führer] sind jetzt darauf aus, Mittel anzuzapfen, die nicht ihre eigenen sind, um ihre verrückten Garantiepläne zu finanzieren und mit gehebelten Garantien zu arbeiten, um so Anleihen und Bankaktien zu verkaufen, die wohlmöglich gar keiner haben will, mit dem Ziel, den Wert des Bankensystems wiederherzustellen, der durch andere Anleihen, die aktuell keiner haben will, zerstört wurde. Das ist ein Konstrukt Madoff’schen Ausmaßes.“

Ja selbst George Soros kritisierte die Vereinbarungen und erklärte, dass die europäische Schuldenregelung maximal für drei Monate Ruhe sorgen würde.

Natürlich steckt hinter allem, was Soros sagt, immer eine Agenda. Man weiß also nie, welche Motive dahinter stecken. Vielleicht ist er im Hinblick auf die Finanzsituation in Europa ja tatsächlich aufrichtig besorgt, vielleicht versucht er aber auch nur die Panik anzufachen, damit Europa noch schneller zusammenbricht. Bei Soros kann man jedenfalls nie so genau wissen.

Wie dem auch sei, die Krise in Europa fordert jetzt jedenfalls auch in den USA ihre ersten Opfer. MF Global, eine Wertpapierfirma, die vom früheren Gouverneur von New Jersey, Jon Corzine, geleitet wurde, ist pleite und reichte am Montag dieser Woche Gläubigerschutz ein. CNBC schreibt, dass die Firma aufgrund von Finanzwetten mit europäischen Staatsschulden in die Pleite abrutschte:

„Die Beantragung des Gläubigerschutzes durch MF Global … verstärkt nur noch das Bewusstsein dafür, dass es immer noch jede Menge Schwierigkeiten gibt. MF Global geriet in Schwierigkeiten, weil Corzine tragischerweise falsche Wetten auf europäische Staatsschulden abgeschlossen hatte, die sich als vernichtend herausstellten, als klar wurde, dass die Halter griechischer Schulden nicht gesunden werden und sich das Land sich nicht aus seinem Finanzschlammassel befreien kann.“

Im Laufe der Zeit werden noch viele weitere Finanzopfer hinzukommen. Die Wahrheit ist, dass einige den Preis für die finanziellen Dummheiten dieser europäischen Länder zu zahlen haben.

Die europäischen Politiker wollen den „Rettungsfond“ erhöhen, ohne dafür eigene Gelder einzusetzen. Deshalb betteln sie nun bei China, Russland und Brasilien, damit ihnen diese Länder gigantische Geldbeträge für die Euro-Rettung zur Verfügung stellen.

Das ist einfach nur absurd, und es steht jetzt schon fest, dass China mit Europa auf die ganz harte Tour spielen wird. China hat Europa jetzt genau dort, wo es den Kontinent haben will. China wird wahrscheinlich alle möglichen völlig verrückten Dinge fordern, bevor es Europa überhaupt irgendwelche Rettungsgelder bereitstellt.

In einem CNN-Artikel wird dazu angemerkt, dass die Eurozone mit enormen Problemen konfrontiert sein dürfte, sollte sie aus China, Russland und Brasilien keine Gelder erhalten:

„Die Hoffnung besteht darin, dass China und andere Staatsfonds in das neue Spezialkonstrukt investieren werden, wodurch der EFSF einen Hebel einsetzen könnte, um die zur Verfügung stehenden Gelder zu erhöhen. Ohne die Hilfe Chinas, Brasiliens, Russlands und anderer stünde Europa wieder ganz am Anfang. Darüber hinaus scheint klar zu sein, dass die stärkeren Länder im Norden Europas nur wenig von der Idee halten, ihre südlichen Brüder und Schwestern vollumfänglich zu retten.“

Was für ein Chaos!

Es ist eine Schmierenkomödie, bei der die europäischen Politiker einen Fehler nach dem anderen begehen. Es scheint wirklich so zu sein, als bekämen sie überhaupt nichts auf die Reihe. Fakt ist, dass alles, was sie tun, den Finanzzusammenbruch in Europa nur noch wahrscheinlicher macht.

Auf alle Fälle sollten Sie die europäischen Anleihen genau im Auge behalten, besonders die 10-jährige italienische Staatsanleihe.

Auf Europa kommt gerade ein massiver Finanzsturm zu, der den gesamten Planeten erschüttern wird. Jetzt ist es an der Zeit, dafür zu sorgen, dass Sie finanziell entsprechend abgesichert sind und nicht auf Sand gebaut haben. Verlagern Sie Ihre Vermögenswerte in sichere Häfen und halten Sie diese dort auch sicher, denn was uns hier bevorsteht, dürfte ziemlich wild werden.

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