Im Haifischbecken: Preistreiber im Silbermarkt

Die Investmentnachfrage explodiert. In den vergangenen Jahren ist sie zur zweitstärksten Nachfragequelle im Silbermarkt geworden. Indien, China, die USA und Deutschland gehören zu den Ländern mit den nachfragestärksten Silberinvestoren

Louis James, Casey Research, 21.11.2011

Thomson Reuters GFMS nimmt sich in einem neuen Bericht der aktuellen Nachfragetrends im Silbermarkt an. In diesem Bericht finden sich verschiedene Beobachtungen und Prognosen, die wir als sehr nützlich erachten, wenn es darum geht, näheres über die Nachfrageseite im Silbermarkt und die daraus in Zukunft resultierende Preisentwicklung in Erfahrung zu bringen.

In dem Bericht werden die wichtigsten Silberinvestoren in drei unterschiedliche Gruppen aufgeteilt:

Jede Gruppe hat ihre ganz eigenen Motive, warum sie in Silber investiert, weshalb die Investmentnachfrage einer jeden Gruppe auch andere Auswirkungen auf den Silbermarkt hat.

Institutionelle Investoren

Die institutionellen Investoren im Silbermarkt sind Hedge-Fonds und Vermögensverwalter. Sie gehören seit ein paar Jahren zu den wichtigsten Preistreibern im Silbermarkt, was zu Beginn dieses Jahres wieder anschaulich beobachtet werden konnte.

Diese institutionellen Investoren sind in der Lage, große Geldbeträge zu generieren – die sich, wie wir im Jahre 2008 gesehen haben, aber auch schnell wieder in große Geldabflüsse verwandeln können, nämlich dann, wenn die institutionellen Anleger gezwungen sind, ihre Vermögenswerte zu liquidieren, um an Bargeld zu kommen. Letzteres fand auch wieder im September dieses Jahres statt.

Ende 2009, als es erste Hinweise auf eine Erholung der Weltwirtschaft gab, gingen die institutionellen Investoren erneut in den Silbermarkt, da das weiße Metall aufgrund seiner industriellen Verwendungsmöglichkeiten immer dann besonders attraktiv erscheint, wenn die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt. Die positive Stimmung hielt aber nicht lange an, weshalb in 2010 und 2011 der Status von Silber als sicherem Hafen wieder die Investmentnachfrage dominierte.

Im Großen Ganzen kann man festhalten, dass es sich bei den im Silbermarkt aktiven institutionellen Investoren im Gegensatz zu den institutionellen Anlegern im Goldmarkt nicht um konservative ausgerichtete Pensionsfonds handelt, die langfristig orientierte Gold-Investments tätigen, sondern vielmehr um Hedge-Fonds und Vermögensverwalter, die auf kurzfristige Gewinnmitnahmen aus sind.

Und genau das ist es auch, was wir im April und Mai dieses Jahres mitverfolgen konnten, als Silber einen Kurshöhepunkt erreichte: Die institutionellen Investoren strichen die Gewinne ein und verließen den Markt.

Privatinvestoren

Die Privatinvestoren konzentrieren sich vornehmlich auf physisches Silber und börsennotierte Silberfonds (Silber-ETFs). Silbergedeckte ETFs konnten seit dem Jahre 2006 ein erstaunliches Wachstum verzeichnen. Bis Ende 2010 hatten sie rund 600 Millionen Unzen (MU) Silber angehäuft. Im April 2011 erreichten die ETF-Silberbestände mit 621 MU ein Rekordhoch, wobei diese Bestände bis Ende Oktober wieder um 44 MU auf 577 MU zurück gingen.

Indien und China beherrschen den physischen Silbermarkt und weisen bei Silberbarren und Silbermünzen die höchsten Umsätze auf. In der westlichen Welt sind es die USA und Deutschland, wo die meiste Aktivität herrscht. Im Bericht heißt es dazu:

„Während die westlichen Einzelhandelsmärkte erfolgreiche Zuwächse verbuchen konnten, war die Nachfrage Indiens – mit einer Rekordnachfrage während des Jahres 2008, die dann in 2009 massiven Verkäufen Platz machte – bei Weitem schwankungsfreudiger, was hauptsächlich auf die Erwartungen beim Verbraucherpreis zurückzuführen ist. Im Kontrast dazu konnten die Chinesen seit der Liberalisierung [des Silberhandels] in 2009 bei der physischen Nachfrage wie auch bei den Futures-Umsätzen an der Shanghai Gold Exchange im Jahresvergleich ein robustes Wachstum erzielen.“

High-Net-Worth Investoren

Die High-Net-Worth Investoren haben ihre Silberkäufe ebenfalls ausgeweitet. Gewöhnlich handeln sie mit nicht regulierten Silber-Papieren und sind an ETFs interessiert. Ihr Kaufmotiv besteht vornehmlich darin, mithilfe einer Anlagediversifikation ihr Vermögen zu schützen und am Aufwärtspotenzial von Silber teilzuhaben.

Diese drei Gruppen sind die treibenden Kräfte auf der Investmentseite, und ihr Interesse an dem weißen Metall steigt zusehends. Schauen wir uns nun an, wie wichtig diese Nachfrage eigentlich ist.

Nachfragestruktur

Die Nachfragestruktur im Silbermarkt unterliegt gegenwärtig bedeutsamen Veränderungen. Wie Sie in der nachfolgenden Grafik sehen können, ist die Investmentnachfrage als prozentualer Anteil der Gesamtnachfrage in den vergangenen zwei Jahren beträchtlich gestiegen und hat mittlerweile einen Gesamtanteil in Höhe von 26,4% (279 MU) erreicht. Zum Vergleich: Zwischen 2001 und 2008 lag die Investmentnachfrage im Schnitt gerade einmal bei rund 7%.

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Und obwohl die industriellen Anwendungen bei Silber immer noch die Nachfragestruktur dominieren und sich aktuell auf knapp die Hälfte der Gesamtnachfrage (46% in 2010) belaufen, kam es bei der Investmentnachfrage zu raschen Zuwächsen, so dass die Silberinvestoren mittlerweile zur zweitstärkten Nachfragequelle geworden sind, während traditionelle Nachfragequellen wie die Schmuck- und Silberwarenherstellung und die Fotografie Rückgänge verzeichneten:

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Die Investmentnachfrage hatte in den letzten Jahren also einen immer größeren Einfluss auf die Silberpreisentwicklung.

Schlussfolgerung

Wenn wir auf die Zukunft blicken, lässt sich festhalten, dass es eine ganze Reihe von Faktoren gibt, welche die Silbernachfrage und letztlich auch die Entwicklung des Silberpreises stützen dürften.

Der wichtigste dieser Faktoren ist der negative Wirtschaftsausblick: Während in den in Schwierigkeiten befindlichen weltweiten Wirtschaften ein steigender Goldpreis dafür sorgen dürfte, dass ein bedeutender Teil der Privatinvestoren aus dem Goldmarkt getrieben wird – speziell in Indien und China – werden sich die Menschen zunehmend dem Silbermarkt zuwenden. So geht man davon aus, dass die physische Investmentnachfrage nach Silber alleine in Indien in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um weitere 55% auf insgesamt 45 MU ansteigen wird.

Ein negativer Ausblick für die weltwirtschaftliche Entwicklung ist zugleich aber auch der wichtigste Grund, warum es eben nicht zu einem Ansturm auf Silber als sicherem Hafen kommen könnte. Das Metall wird immer noch als ein Industriemetall wahrgenommen: In 2010 war die Übereinstimmung der Silberpreisentwicklung mit der Kupferpreisentwicklung höher als im Vergleich zu Gold (0,64 gegenüber 0,58). Das ist zwar kein großer Unterschied, aber es ist dennoch von Bedeutung.

Genauso gut könnte man aber auch argumentieren, dass der Silberpreis aufgrund der Vielzahl von Nachfragequellen in Zukunft stärker durch die Investmentnachfrage, also die Flucht in Richtung sichere Häfen geprägt sein wird.

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