Das Gold-Mysterium: Geständnisse eines Mainstream-Ökonomen

Wenn die Masse der Sparer merkt, dass sich ihr Vermögen gerade in Luft auflöst, wird´s ungemütlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Mal ein Ronald Reagan und ein Paul Volcker vorbeikommen, um das Ruder herumzureißen, soll sich mal jeder schön selbst ausrechnen

Andre Sharon, Goldseek.com, 15.02.2012

Es gibt wahrscheinlich kein Investment, über das im Rahmen allgemeiner Diskussionen mehr Unsinn verbreitet wurde als über Gold. Ja selbst von mir – bis ich mein Erweckungserlebnis hatte.

Die zwei Extreme

Zwei Extreme lassen sich beobachten. Auf der einen Seite gibt es die wahren Goldgläubigen, die sich dem gelben Metall in fast fanatischer Zuwendung widmen. Die Inkas wurden sogar lyrisch, wenn es ums Gold ging und nannten es „die Tränen der Götter“. Die alten Ägypter nannten es „die Haut Gottes“.

Seit Menschengedenken jagt man dem Gold hinterher, und zwar um jeden Preis. Dabei gehen auch schon mal moralische Erwägungen den Bach runter. Die Anhänger huldigen dem Metall, Dichter und Musiker besingen es, und die meisten Menschen bringen mit ihm vorzügliche Leistungen in Zusammenhang.

Auf der anderen Seite finden sich die nicht minder leidenschaftlichen Goldkritiker. Keynesianer nennen das Metall ein „barbarisches Relikt“. Charlie Munger drückte sich prägnanter aus und nannte es einfach nur „bescheuert“. Und auch Warren Buffett war in einem seiner jüngsten Briefe an die Anteilseigner von Berkshire Hathaway sehr deutlich, als er darauf hinwies, dass „Gold überhaupt nichts produziert.“ Buffett wiederholte auch die weithin bekannten Beobachtung:

„Gold wird aus dem Boden geholt, dann eingeschmolzen, dann gräbt man ein neues Loch, um es darin wieder zu vergraben, und bezahlt Leute, die herumstehen, um es zu bewachen. Es hat keinen Nutzen. Jeder, der das Ganze vom Mars aus mitverfolgen würde, würde sich nur an den Kopf fassen.“

Ja, Buffett hat Recht. Gold ist unproduktiv. Es zahlt keine Zinsen. Man kann es weder essen noch trinken. Es ist vielleicht schön anzusehen, aber als Industriemetall findet es kaum Verwendung. Und im Vergleich zu anderen Vermögenswerten lässt es sich auch noch schlecht bewerten.

Also, warum bin ich nun zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Buffetts dieser Welt, ja selbst mein Held Milton Friedman, bezüglich Gold völlig daneben liegen?

Wie man Gold schätzen lernt

Um meine Frage zu verstehen, muss man erst einmal begreifen, wo ich herkomme. Ich bin Ökonom mit einem Diplom in Geld- und Bankenwirtschaft der London School of Economics. Ich weiß alles über den Goldstandard und den börslichen Goldhandel. Ich habe die Goldminenbranche von Kanada bis nach Australien analysiert und bin auch 800 Meter tief in südafrikanische Goldminen hinabgestiegen.

Im Laufe der Zeit bin ich mit den Aspekten der Goldversorgung und der Nachfrage genauso wie mit Fragen der Nebenkosten und Umsatzkurven der Minen immer vertrauter geworden. Und ebenso wie Keynes und Buffett habe ich gerne gelehrt (wenngleich ahnungslos) über den Wert von Gold referiert, während die entscheidenden Kernpunkte von mir völlig übersehen wurden.

Meine ganze Bildung bescherte mir letztlich weniger Einblick, als mir dank einer einzigen Konversation zuteil wurde, die ich mit dem verstorbenen Dr. Bernard Pacella, dem damaligen Präsidenten der American Psychoanalytic Society, führte.

Obwohl Pacella ein ruhiger und besonnener Mann war, merkte ich im Verlauf des Gesprächs recht schnell, dass es sich bei ihm um einen außerordentlich auffassungsreichen Geist handelte. Und als unser Gespräch vorbei war, hatte ich das Gefühl, Gold das erste Mal in meinem Leben richtig verstanden zu haben.

Pacellas Ansicht

Dr. Pacella wies zunächst einmal darauf hin, dass die bedeutendste Triebkraft in der Natur der Überlebenswille ist. Das Überleben, zuerst eines Körpers und dann der eigenen Spezies, steht über allen anderen Dingen. Wenn man diesen Gedanken erweitert, so Pacella, gehört dazu auch der Schutz der Ersparnisse, der Früchte der eigenen mühevollen Arbeit, wie auch die Erwartung, dass man am Ende für all den Konsumverzicht belohnt werden würde.

Und genauso wie Eichhörnchen Eicheln sammeln, mit denen sie den Winter überleben können, werden Menschen, wenn sie sich in der Lage dazu sehen, sparen, damit es ihnen in Zukunft besser geht. Das Medium, das sie zum Sparen nutzen, ist dabei von entscheidender Bedeutung: Niemand wird sich absichtlich für ein Medium entscheiden, von dem bekannt ist, dass es an Wert verliert oder gar gänzlich verschwinden kann.

Und hier kommt die Bedeutung von Gold zum Tragen. Nehmen wir die folgenden Eigenschaften des gelben Metalls:

Nicht eines der vorgenannten Attribute lässt sich ausschließlich Gold zuschreiben. Was Gold so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass das gelbe Metall die einzige Form von Geld ist, welche alle diese Eigenschaften in sich vereint.

Und während die monetären Eigenschaften von Gold seine kurzfristige Bewertung in der Tat zu einer echten Herausforderung machen, bedeuten sie auch, dass sich ein Investor auf lange Sicher einer Sache sicher sein kann: Der Wert ändert sich nicht. Gold spiegelt lediglich den Kaufkraftverlust der Fiatwährungen wider. Beispielsweise ist der US-Dollar in einem relativ kurzen Zeitraum von 40 Jahren – also seitdem der US-Dollar von seinem Goldanker abgekoppelt wurde – auf USD 0,18 seines ursprünglichen Werts abgesunken.

Der Wert von Gold

Im Hinblick auf den Wert von Gold geht es also garnicht so sehr um die Angebots- und Nachfragesituation. Weltweit ist genügend Gold vorhanden, um die gewöhnliche gewerbliche Goldnachfrage der nächsten 65 Jahre zu befriedigen.

Nein, Gold steigt vielmehr dann im Wert, wenn Kräfte am Werk sind oder mit Kräften zu rechnen ist, die eine Dezimierung der Ersparnisse zur Folge haben. Die allerbedeutendste Wechselbeziehung des Goldpreises ist seine negative Korrelation zu den Realzinsen bei Spareinlagen.

In diese Sinne haben Keynes und Buffett völlig Recht: Wenn man in der Lage ist, für seine Ersparnisse positive Realzinsen zu bekommen, macht das Kaufen und Halten von Gold in der Tat wenig Sinn. Die Sache ist nur, dass das garnicht immer möglich ist.

Aber was könnte die Realzinsen auf Spareinlagen denn zunichte machen? Die Antwort beinhaltet nicht nur die Inflation, vielmehr kommen hier auch noch weitere Aspekte wie politische und gesellschaftliche Unsicherheiten, hohe Steuern, ein armseliger rechtlicher Schutz von Vermögenswerten und Krieg hinzu.

Der Zukunftsforscher Herman Kahn hatte einst festgestellt, dass die gesamte Menschheit an Gold glaubt, es bei der „nordwestlichen Gruppe“ (also den skandinavischen Ländern, den britischen Inseln, Nordamerika usw.) jedoch eines stärkeren Auslösers bedarf, um den Drang nach Gold zu aktivieren.

Und das ist kein Zufall. Was diesen Ländern gemeinsam ist, ist die Tatsache, dass sie allesamt eine relativ längere und stärkere Geschichte der Begünstigung von Vermögensbildung aufweisen können (Rechtsstaat, Finanzinstitutionen, Demokratie, politische Stabilität), als dies beim Rest der Welt der Fall ist.

Warum ein Goldstandard notwendig ist

Im Zentrum des historischen Goldstandards herrschte eine allesüberragende Prämisse vor: Eine Regierung, die Defizite macht, weil sie über ihre Verhältnisse lebt, verliert dadurch Gold und muss somit auch den Schmerz wirtschaftlicher Kontraktion ertragen, um die Exzesse wieder zu beseitigen.

Der Goldstandard fungierte als objektive Disziplinierung – völlig losgelöst von irgendwelchen politischen oder gesellschaftlichen Erwägungen. Weder utopische Theoretiker noch korrupte Politikern, faule Bürokraten oder eine verweichlichte Wählerschaft waren in der Lage, ihn zu leugnen oder zu manipulieren.

Nun ist es aber auch nicht so, dass der wirtschaftliche Aufwärtstrend sanft verlief – weit davon entfernt. Ein Goldstandard ist alles andere als perfekt; angesichts der menschlichen Natur ist er schlicht die am wenigsten schlechte Lösung unter einer ganzen Reihe von Alternativen, da seine objektive Disziplinierungsfunktion eine ehrliche und daher moralische Reaktion abverlangt.

Bricht man es auf den kleinsten und einfachsten Nenner herunter, dann besteht die grundlegende Frage darin, ob eine Gesellschaft nach einer Phase der Exzesse gewillt ist, die Leiden der Deflation (mit Bankrotten, Arbeitslosigkeit, Vollbelastung am Arbeitsplatz, Umstrukturierungen und dem ganzen Rest) über sich ergehen zu lassen oder vielmehr danach strebt, sich aus den Problemen herauszuinflationieren.

Hier stehen sich also das Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ von Schumpeter und Hayek und das Konzept der „animalischen Geister“ von Keynes gegenüber.

Eine neue Goldstandard-Generation?

Blickt man auf die Geschichte, so wird schnell deutlich, dass die Herangehensweise an diese Themen massiv durch die sich zyklisch verändernden Erwägungen der jeweiligen Generation beeinflusst wird.

In den 90er Jahren, als ich in London lebte, fiel mir die Explosion an Emotionen auf, die mit dem Tod von Prinzessin Diana einherging. Ein Ereignis blieb im Gedächtnis hängen. Eine TV-Kamera fing eine ältere Dame mit altmodischer Kleidung und praktischem Schuhwerk ein, die das Geschehen mit offenkundiger Missbilligung verfolgte, während sie sarkastische Bemerkungen über die verweichlichte Menge von sich gab. Der Schwachkopf von der BBC, der sie interviewte, sagte: „Aber Prinzessin Diana hat doch gesagt, dass Liebe alles ist, was es wirklich braucht.“ Daraufhin zischt sie zurück: „In meiner Zeit brauchten wir auch noch Spitfires!“

Ja, Punkt für sie. Man könnte an dieser Stelle auch behaupten, dass es gerade die Opferbereitschaft der Kriegsgeneration gewesen ist, welche die Schwäche ihrer Kinder und Kindeskinder überhaupt erst möglich gemacht hat.

Historiker rufen uns auch ins Gedächtnis, dass Zivilisationen nicht notwendigerweise durch erfolgreiche Angriffe übermächtiger fremdländischer Kräfte vernichtet werden, sondern der Verfall eher auf die Verweichlichung der Menschen im Landesinneren zurückzuführen sein dürfte.

Zu den aktuellen Kräften, mit denen die Finanzmärkte fertig werden müssen, gehört:

Die Geschichte als Leitfaden

Das letze Mal, als sich die USA in einer ähnlich schwierigen Lage befanden, war zu Beginn der 80er Jahre. Zu dieser Zeit tauchten jedoch zwei Kräfte auf, die das Ruder herumrissen. Zum einen war da Ronald Reagan, ein Revolutionär, der die Steuern senkte und den Kalten Krieg ein Ende machte, was dazu führte, dass der Öffentlichkeit und dem Privatsektor auf einmal wieder enorme Ressourcen zur Verfügung standen, und zum anderen war es der Fed-Vorsitzende Paul Volcker, der der Inflation mit Zinssätzen im zweistelligen Prozentbereich das Genick brach.

Es war eine sehr schmerzvolle Phase, aber die positiven Realzinsen kehrten zurück und eine neue Ära des wirtschaftlichen Wohlergehens war geboren. Logischerweise notierte der Goldpreis in der Folgezeit auf niedrigen Niveaus, bis die makroökonomischen Schwierigkeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts erneut ins Rampenlicht rückten.

Das einzige, was sicher ist, ist die Unsicherheit

Und, ist es wahrscheinlich, dass die aktuelle Krise auf so wundersame Weise gelöst werden wird wie in den 80er Jahren? Hierauf muss jeder seine eigenen Antworten finden, und es hängt auch vom persönlichen Ausblick und der Risikobereitschaft ab.

Ein absoluter Optimist würde überhaupt kein Gold halten. Ein echter Pessimist würde jede Menge Gold halten. Und all jene, die sich nicht so sicher sind, würden als Versicherung einen kleinen Prozentsatz Gold halten. Ich denke hier immer wieder gerne an Lektion meines schlauen Kollegen zurück: Gold ist ein Mittel, um unser Vermögen auf sichere Art und Weise zu schützen, und ist somit ein Mittel zum Überleben.

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