EU-Staatsschuldendebakel: Jetzt geht’s nur noch ums Zeitschinden

Nach dem achtzehnten Gipfel seit Beginn der europäischen Schuldenkrise sollte jedem klar sein, dass den Schulden-Junkies das Zeitschinden zunehmend schwerer fällt. Das Erwachen wird grausam sein

Michael Snyder, The Economic Collapse, 02.07.2012

Ist Europa jetzt endlich gerettet worden? Ist die europäische Schuldenkrise mit dem jüngsten „Durchbruch“ gelöst worden? Natürlich nicht, und das sollte zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich auch jeder begriffen haben!

Die politischen Führer Europas haben seit Ausbruch der Schuldenkrise 18 Gipfel abgehalten. Und nach den meisten dieser Treffen jubelten die weltweiten Finanzmärkte vor Freude, weil die europäischen Führer eine „Vereinbarung“ erzielt hatten, mit der die Krise angeblich gelöst worden sei.

Wenige Wochen nach diesen Treffen stellte sich dann aber ein ums andere mal heraus, dass überhaupt nichts gelöst wurde und sich die Finanzkrise in Wirklichkeit sogar noch weiter verschlimmert hatte. Was glauben diese Typen eigentlich, wie oft wir auf diese jämmerliche Routine noch hereinfallen!

In Europa wurde rein Garnichts gelöst. Es ist nicht möglich, ein Schuldenproblem zu lösen, indem man es mit noch mehr Schulden bewirft. Das Einzige, was die Europäer tun, ist Zeitschinden. Mit noch mehr Schulden ist man zwar in der Lage, den Druck kurzfristig etwas abzumildern, doch wird in ein paar Wochen wieder offen zutage treten, dass die der Krise zugrunde liegenden Probleme nur noch größer geworden sind.

Und bedauerlicherweise stehen der Europäischen Union auch keine unbegrenzten Beträge an Rettungsgeldern zur Verfügung, was heißt, dass, sind die „Finanz-Geschosse“ von den europäischen Führern erst einmal abgefeuert worden, sie ziemlich schnell herausfinden werden, dass es heutzutage garnicht mehr so einfach ist, Zeit zu schinden.

Die Wahrheit ist, dass die Finanzkrise in Europa nach wie vor voll intakt ist. Das Einzige, was erreicht wurde, ist, dass man sie wieder einmal für ein paar Wochen oder Monate auf Sparflamme gesetzt hat.

Kann man die Probleme eines Menschen, der süchtig nach Kreditkartenschulden ist, dadurch lösen, dass man ihm eine weitere Kreditkarte aushändigt? Natürlich nicht! Die finanziellen Probleme des Schuldensüchtigen lassen sich zwar kurzfristig hinausschieben, indem man ihm eine weitere Kreditkarte gibt, aber langfristig gesehen macht man die Probleme dadurch nur noch schlimmer.

Und genau das lässt sich in Europa zurzeit beobachten. Die europäischen Regierungen und das europäische Finanzsystem sind mittlerweile absolut süchtig nach Schulden. Und wenn man den europäischen Schulden-Junkies noch ein paar „Schüsse“ verpasst, werden deren kurzfristige Leiden zwar abgemildert, langfristig wird dadurch jedoch überhaupt nichts gelöst.

Denken Sie doch einfach mal darüber nach. Hat das erste Rettungspaket die Probleme Griechenlands gelöst? Nein. Hat das zweite Rettungspaket die Probleme in Griechenland gelöst? Nein. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Das griechische Finanzsystems ist heute ein vollständiger Albtraum und die griechischen Politiker haben bereits erklärt, dass sie wohl ein drittes Rettungspaket benötigen werden.

Viele behaupten nun, dass Italien und Spanien mit der jüngsten Vereinbarung „gerettet“ worden seien, aber das ist ein Witz.

Sicher, da man sich nun darauf geeinigt hat, die in Schwierigkeiten befindlichen Banken direkt mit Rettungsgeldern vollzupumpen, dürften sie in der Tat ein wenig länger über Wasser gehalten werden – aber die Vereinbarung verlangt auch, dass eine Institution geschaffen wird, die diese Banken kontrolliert. Wird diese Kontrollinstanz schnell genug geschaffen werden, um die notwendige Hilfe derart kurzfristig überhaupt bereitstellen zu können?

Ja sicher, indem die Rettungsgelder dafür genutzt werden, spanische und italienische Staatsschulden zu kaufen, wird man die Renditen für gewisse Zeit künstlich unten halten können. Das kennen wir ja bereits. Und was passierte? Nachdem das Anleihe-Aufkaufprogramm gestoppt wurde, schossen die Renditen erneut in die Höhe.

Haben die Europäer vielleicht vor, die Renditen für Staatsanleihen auf immer und ewig unten zu halten? Natürlich nicht, es gibt garnicht genügend Rettungsgelder, um das zu bewerkstelligen.

Schauen wir uns im Folgenden noch einmal eine Gleichung an, die ich bereits in einem früheren Artikel vorgestellt habe:

Brutale Austeritätsmaßnahmen + toxische Staatsschuldenniveaus + steigende Zinsen bei den Staatsanleihen + Vertrauensverlust im Finanzsystem + völlig überschuldete Banken + massive Kreditkrise = Finanzzusammenbruch historischen Ausmaßes.

 Und, ist auch nur ein Bestandteil aus der Rechnung herausgefallen? Nein.

Man wird die Anleihezinsen für eine Weile unten halten können, aber das wird auch nicht ewig anhalten, und all die anderen grundlegenden Probleme bestehen nach wie vor. Hier ließe sich noch hinzufügen, dass sich der Rest Europas gerade daran macht, Griechenland in die Wirtschaftsdepression zu folgen.

Die spanische Wirtschaft ist auch im zweiten Quartal dieses Jahres geschrumpft – und dabei hat das Land mit seinen Austeritätsmaßnahmen noch nicht einmal richtig angefangen! CNBC merkte dazu am 01.07.2012 an:

„Die Konservativen, die von der sozialistischen Vorgängerregierung die höchsten Haushaltsdefizite der Eurozone geerbt haben – 8,9% des BSP in 2011 – erklärten, dass sie die Finanzierungslücke dieses Jahr auf 5,3% und in 2013 auf 3% absenken würden.“

In Griechenland hat die Austerität die gesamte Wirtschaft verheert, und jetzt sehen wir, wie sich dasselbe Muster in ganz Europa zu wiederholen beginnt.

Wenn man über Jahrzehnte hinweg bedeutend mehr ausgibt, als man einnimmt, muss man am Ende einen extrem schmerzlichen Anpassungsprozess vornehmen. Was sich gerade in Griechenland abspielt, sollte uns daher allen eine Lehre sein. Die Schulden machen es einem zwar möglich, über seine Verhältnisse zu leben, aber die Konsequenzen, die mit einer zu starken Verschuldung einhergehen, sind absolut entsetzlich.

Durch eine erhöhte Schuldenaufnahme lassen sich die Folgen des Verschuldungsproblems zwar nach hinten verlagern, gelöst wird dadurch aber überhaupt nichts. Jim Rogers erklärte am 29.06.2012 gegenüber CNBC im Hinblick auf den jüngsten EU-Gipfel:

„Nur weil man jetzt über eine Möglichkeit verfügt, ihnen [den Banken] noch mehr Gelder zu leihen, ist das Problem ja noch lange nicht gelöst, sondern es wird dadurch nur schlimmer gemacht … Die Menschen müssen damit aufhören, Geld auszugeben, das sie nicht haben. Die Lösung bei zu viel Schulden sind nicht noch mehr Schulden. Alles, was durch diese kleine Vereinbarung erreicht wird, ist, dass ihnen [den Banken] die Chance eingeräumt wird, ein klein wenig länger noch mehr Schulden zu haben.“

Doch wenn man sich die Schlagzeilen der meisten weltweiten Zeitungen so ansieht, müsste man eigentlich meinen, dass die europäischen Führer nun irgendein Allheilmittel oder etwas Ähnliches gefunden hätten.

Bedauerlicherweise haben sie sich aber in Wirklichkeit lediglich dafür entschieden, ein paar der noch verbliebenen „Finanz-Geschosse“ abzufeuern. In der Washington Post heißt es dazu:

„Den europäischen Rettungsfonds stehen keine unbegrenzten Ressourcen zur Verfügung. Wenn sie USD 125 Milliarden auf spanische Banken werfen und noch ein paar hundert Milliarden auf Italien, dann ist das Geld bald weg. Die einzige Institution, die über unbegrenzte Mengen an Euros verfügt, ist die Europäische Zentralbank. Gegenwärtig gibt es aber überhaupt keine Gespräche darüber, die EZB zur Rettung einzusetzen, was bedeutet, dass die jüngsten Maßnahmen die Krise nur hinausgeschoben haben dürften, anstatt ihr ein dauerhaftes Ende zu bereiten.“

Und, was kommt als nächstes? Bruce Krasting geht davon aus, dass die „Halbwertszeit dieser Rettung in Wochen gemessen werden kann.“ Die nachfolgende Zusammenfassung stammt von ihm und ist ein Ausblick auf die Entwicklung, mit der in den kommenden Wochen zu rechnen ist:

„Sollte ich richtig liegen, dürften die Märkte in ein paar Wochen erneut in den Sinkflug übergehen. Und dann?

Mit anderen Worten: Wenn sich der jüngste Rausch wieder gelegt hat, dürfte das Zeitschinden schon wieder ein wenig schwieriger geworden sein.

Europa befindet sich immer noch auf direktem Wege in die größte Finanzkrise seit der Großen Depression (wenn’s reicht), und die politischen Führer Europas sind völlig hilflos und können nur dabei zusehen. Und natürlich sind auch die USA mit ihrer eigenen Schuldenkrise konfrontiert und kommen ihrem Tag der Abrechnung ebenfalls Stück für Stück näher.

Also ja, die Weltwirtschaft befindet sich immer noch auf dem Weg in den Zusammenbruch, und es gibt eine Vielzahl an Gründen, warum man sich bezüglich der zweiten Jahreshälfte extreme Sorgen machen sollte.

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