Am Rande des Zusammenbruchs: Märkte preisen Auseinanderbrechen der Eurozone ein

Die EZB ist machtlos: Der Einlagesatz für Übernachteinlagen bei der EZB funktioniert nicht mehr und der Interbankenzins ist irreparabel vernichtet worden. Die Kreditkosten des Privatsektors in den einzelnen Euroländern fungieren jetzt als die wahren Angstindikatoren für das Auseinanderbrechen der Eurozone und haben sich von den Zinssätzen der Zentralplaner längst abgekoppelt. Es ist ein endloser Teufelskreis, der sicherstellt, dass sich die Länder am Ende nicht mehr refinanzieren können

Yanis Varoufakis, yanisvaroufakis.eu, 17.07.2012

Unter normalen Umständen sind die Zinsen, die Sie und ich für eine Hypothek, einen Autokredit, unsere Kreditkartenschulden und die Unternehmenskredite zahlen müssen, an zwei bedeutende Zinssätze gekoppelt. Der erste Zinssatz ist der Interbankenzins – der Zinssatz, zu dem sich die Banken untereinander Kredite geben. Und der zweite Zinssatz ist der Einlagesatz – der Zins, den Privatbanken für Übernachteinlagen bei den Zentralbanken erhalten. Beide Zinssätze funktionieren in der aktuellen Krise aber nicht mehr.

Während die „offiziellen“ Zinssätze dazu neigen, nahe 0% zu liegen – da die Zentralbanken zurzeit versuchen, die Kreditkosten in Luft aufzulösen – sind die Zinsen, die Privatpersonen und Firmen für Kredite zu entrichten haben, bedeutend höher. Die Zinsen im Privatsektor sind mittlerweile zum wirklichen Angstindikator geworden; zur subjektiven Markteinschätzung bezüglich des Auseinanderbrechens der Eurozone.

Nach dem Finanz-Crash in 2008 haben die Banken damit aufgehört, sich untereinander Geld zu leihen, denn es herrscht die Angst vor, dass sie ihr Geld nie wiedersehen werden, da der überwiegende Teil der Banken im Grunde insolvent wurde.

Der Interbankenzins, also der Preis, zu dem sich die Banken untereinander Geld leihen, ist seit diesem Zeitpunkt genauso sinnlos wie die Preise für besicherte Schuldverschreibungen (CDOs) nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, wo CDOs nicht mehr gehandelt wurden.

Das wirklich Skandalöse am Libor-Skandal der vergangenen Wochen ist, dass die Banken weiterhin eine Zinsschätzung zur Ermittlung des Interbankenzinses vornehmen (alle anderen Zinssätze wie Hypothekenzinsen und Kreditkartenzinsen leiten sich dann davon ab), obwohl sie sich untereinander überhaupt kein Geld mehr leihen …

Der Niedergang des Libor und der Verfall anderer Interbankenzinssätze sorgten dafür, dass nur noch die offiziellen Zinssätze der Zentralbanken wie der Leitzins der Europäischen Zentralbank übrig blieben.

Die EZB gestand jüngst ein, dass sie den Fehler gemacht hatte, die austeritätsgetriebene Rezession durch ihre Maßnahmen weiter anzuheizen, und senkte ihren Leitzins auf 0,75% – das ist das niedrigste Zinsniveau seit der Einführung des Euros. Zur selben Zeit hat die EZB aber auch noch etwas anderes getan, das ebenfalls beispiellos ist: Sie senkte den Einlagesatz, also den Zins, den Privatbanken für ihre bei der EZB geparkten Gelder erhalten, auf 0%.

Unter normalen Umständen würde man davon ausgehen, dass eine derart aggressive Zinssenkung dafür sorgt, dass alle Zinssätze nach unten gezogen werden, da die Privatbanken ja in der Lage sind, sich das Geld für lächerliche 0,75% bei der EZB zu besorgen und es dann an den Privatsektor weiterzuverleihen. Die Privatbanken haben ja kein Interesse daran, ihr Kapital einfach so herumliegen zu lassen, weshalb sie – wie EZB-Präsident Mario Draghi mit Sicherheit gehofft hat – bereit sein würden, zu niedrigeren Zinssätzen Kredite zu vergeben.

Diese Hoffnungen stellten sich jedoch als völlig unbegründet heraus. In Wirklichkeit sind die Zinsen, die die Haushalte und Unternehmen für Kredite entrichten müssen, immer noch hoch, die Refinanzierungskosten der Banken steigen weiter und der normale „geldpolitische Übertragungsmechanismus“ – also das System, das niedrigere Leitzinsen der Zentralbanken in einen Anstieg der Geldmenge übersetzt – ist irreparabel zerstört worden.

Die Frage, die sich hier stellt, ist: Warum? Die Antwort darauf liefert uns Christian Noyer, der Chef der französischen Notenbank. Noyer erklärte in einem Interview mit dem Handelsblatt:

„Wir haben ein klares Problem der Übertragung der Geldpolitik auf die Finanzierungskosten der Banken. Für die Märkte hängt der Zinssatz, den einzelne Banken zahlen müssen, von den Kreditkosten ihres Staates ab und nicht von den Sätzen, die die Zentralbank festsetzt. Das heißt, dass die Übertragung unserer Geldpolitik nicht funktioniert …“

Das ist ein Eingeständnis, das in Europa normalerweise für Schlagzeilen sorgen müsste, wenn man bedenkt, dass es vom Zentralbank-Chef der zweitgrößten Wirtschaft Europas kommt. Dieses Eingeständnis ist ungefähr so, als würde ein Pilot eine Durchsage machen und seinen Fluggästen erklären: „Das Fahrgestell lässt sich nicht ausfahren.“

Noyer führte weiter aus, dass die Zentralbanker alles in ihrer Macht stehende getan hätten, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, man den Banken aber nicht auf immer und ewig Liquidität bereitstellen könne, während die Zentralbankbilanz explodiert.

Damit sind offenkundig die LTRO-Programme der EZB gemeint – also die jüngsten Versuche der Europäischen Zentralbank, den „Übertragungsmechanismus“ zu reparieren, indem sie EUR 1 Billion an Liquidität in die Eurozonen-Banken pumpte. Liest man bei dem Interview zwischen den Zeilen, wird deutlich, dass dieser Plan, zumindest laut Noyer, gescheitert ist, genauso wie es einige von uns die ganze Zeit vorausgesagt haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kreditkosten in der Eurozone ihre beiden Anker verloren haben: Der Interbankenzins funktioniert nicht mehr – was schlicht auf die traurige Wahrheit zurückzuführen ist, dass sich die Banken untereinander kein Geld mehr leihen – und der Einlagesatz für Übernachteinlagen bei der EZB wird von den Banken bei ihrer Kreditvergabe einfach ignoriert.

Das Entscheidende, was man hier verstehen muss, findet sich im oben aufgeführten Eingeständnis von Noyer: Die Zinssätze der Privatbanken hängen mittlerweile von den Kreditkosten der Länder ab, wo diese Banken beheimatet sind. Die Zinsen für Übernachteinlagen bei der EZB spielen überhaupt keine Rolle mehr.

Kurzum: Die Angst vor dem Auseinanderbrechen der Eurozone – die durch das Gerede über den Ausstieg von Griechenland und Portugal nur noch befeuert wird – hat die Nabelschnur durchtrennt, welche die Kreditkosten des Privatsektors normalerweise an den Einlagesatz der EZB koppelt.

Die Kreditkosten des Privatsektors spiegeln jetzt die Angst wider, dass der entsprechende Mitgliedsstaat, in welchem das Unternehmen oder der Haushalt beheimatet ist, nicht in der Lage sein wird, sich zu refinanzieren.

Es ist ein endloser Teufelskreis, bei dem durch diese Angst sichergestellt wird, dass die besagten Mitgliedsstaaten tatsächlich nicht in der Lage sein werden, sich zu refinanzieren, und, noch wichtiger, es garantiert, dass die Zinssenkungen der EZB zum Scheitern verdammt sind, selbst wenn sie Zinsen auf 0% drückt. So sieht es aus, wenn sich eine Währungsunion am Rande des Zusammenbruchs befindet.

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