Die Ruhe vor dem Sturm: Gold hat immer noch einen weiten Weg vor sich

Die Stimmung an den Märkten ist gedrückt. Die Goldpreisentwicklung ist enttäuschend, und es scheint, als würde die gesamte Welt auf weitere Gelddruckmaßnahmen warten. Anleger und Sparer sollten die Ruhe bewahren und sich auf die langfristige Entwicklung und das große Ganze konzentrieren, denn es steht außer Frage, dass die Wirtschaft gegenwärtig vor die Hunde geht und Gold immer noch einen weiten Weg vor sich hat

Jan Skoyles, The Real Asset, 16.08.2012

Die Märkte warten nach wie vor auf weitere quantitative Lockerungsmaßnahmen. Jeden Tag kommen Meldungen herein, dass sich der Goldpreis immer noch in der engen „Handelsspanne“ des letzten Monats hält. Fakt ist, dass Gold seit Mai dieses Jahres diese USD 100 breite Handelsspanne nicht mehr verlassen hat.

Und die Lage scheint nicht besser zu werden. Die Märkte fordern immer noch weitere Lockerungsmaßnahmen, die Banken fordern mehr Liquidität, Rettungspakete scheinen die einzige Medizin für die PIIGS Länder zu sein und die Zentralbanken sinnieren darüber, was wohl als nächstes zu tun sei.

Also, warum ist der Goldpreis noch nicht durch die Decke geschossen? Ist es für Gold nicht an der Zeit zu glänzen, gerade jetzt, wo so viele mit weiteren QE-Maßnahmen rechnen und sich die Märkte in Erwartung der nächsten Ankündigung fast schon in einem Stillstand befinden?

Die Implementierung weiterer Lockerungsmaßnahmen – ob nun in Großbritannien, den USA oder in der Europäischen Union – ist aber keineswegs beschlossene Sache, ungeachtet all der Erklärungen der Gouverneure, Vorsitzenden und Präsidenten der Zentralbanken, alles in ihrer Macht stehende zu tun, was für die meisten Banker und Ökonomen heutzutage bedeutet, dass die Zentralbanken Geld drucken, um Staatsanleihen zu kaufen.

Wenn die Vorteile physischer Goldinvestments beschrieben werden, wird oft angeführt, dass es sich Gold um den ultimativen Inflationsschutz handelt. Ja, die Zentralbanker hatten bereits eine ordentliche Inflationssause – nichtsdestotrotz ist die Inflation, vor der so viele warnten, als die Druckerpressen angeschmissen wurden, bis heute nicht eingetreten.

Der US-Verbraucherpreisindex ist diese Woche auf seinen niedrigsten Stand seit 2010 gesunken. In Großbritannien und der Eurozone ist er zwar leicht gestiegen, aber nicht stark genug, um den Märkten Sorge zu bereiten.

Wo ist die vorhergesagte Inflation? Hatten die Zentralbanker mit ihrer Deflations-Paranoia also doch Recht? Bedeutet keine Inflation, dass es bei Gold nun doch keine Preisexplosionen geben wird? Ist das alles, worüber wir uns Sorgen machen sollten?

Im Folgenden werden wir noch einmal auf die Tatsache eingehen, dass physische Edelmetallinvestment ungeachtet der Entscheidungen der Zentralbanker auch in Zukunft von Vorteil sein werden.

Gold und Deflation

Das Wachstum der Weltwirtschaft hat sich seit dem Ausbruch der Eurozonenkrise mehr oder minder dramatisch abgeschwächt, was für die Märkte deflationäre Folgen hatte. Und da Gold als der ultimative Inflationsschutz erachtet wird, fragen sich jetzt natürlich viele, ob diese Entwicklung nun den langsamen Tod des Goldbullenmarkts herbeiführen würde.

Das World Gold Council geht davon aus, dass Gold seine Kaufkraft in allen wirtschaftlichen Phasen – in inflationären wie auch deflationären – bewahren kann. Ein diese Woche veröffentlichter Bericht legt nahe, dass eine deflationäre Entwicklung für den Goldpreis sogar noch positiver sein könnte als eine Inflation.

Rhona O´Connell schreibt unter Bezugnahme auf Roy Jastram’s „The Golden Constant“, dass die Wertentwicklung von Gold speziell in deflationären Perioden besonders stark ausfiel: „In den Vereinigten Staaten sind drei deflationäre Phasen erfasst worden, und Gold konnte seine Kaufkraft in jeder dieser Phasen um 44% (1929 – 1933) bis 100% (1814 – 1830) erhöhen.“

Es könnte sich also kontraproduktiv erweisen, seine Goldinvestments vor dem Einsetzen deflationärer Ereignisse abzuverkaufen und die Gelder stattdessen in hochriskanten Investments wie Aktien und Anleihen zu lassen, die durch eine deflationäre Entwicklung in Mitleidenschaft gezogen würden.

Geht es nur um quantitative Lockerungsmaßnahmen?

Wir gehen nicht davon aus, dass die Zentralbanken zulassen werden, dass wir in einer Deflationsphase versinken. Die Zentralbanker fürchten nichts mehr als die Deflation. Fakt ist aber, dass die Märkte aktuell buchstäblich vor sich hindösen und auf weitere Liquiditätsinjektionen warten. Sie sind richtiggehend hungrig nach neuem Geld. Und obschon sich die Zentralbanker gegenwärtig noch zurückhaltend geben, rechnen wir für die kommenden Monate mit weiteren Lockerungsmaßnahmen, in welcher Form auch immer.

Goldpreis auf Eurobasis. Zum Vergrößern anklicken. (Chart: Netdania.com)

Kurzfristig scheint es tatsächlich so, als würden wir es mit Deflationsängsten und einem stagnierenden Goldpreis zu tun bekommen, aber langfristig gesehen darf keinesfalls ignoriert werden, dass die Märkte bereits eine riesige Liquiditätsinjektion erhalten haben. Und obwohl die Zentralbanken in der Lage sind, Geld zu schaffen, haben sie nur wenig Kontrolle darüber, was mit dem Geld geschieht, nachdem es erst einmal in Umlauf gelangt ist.

Gold ist ein bedeutend besserer und schnellerer Indikator für die Geldinflation als die Verbraucherpreise. Während sich der Goldpreis gemeinsam mit der Größe der Zentralbankbilanzen verdoppelt hat, ist dies bei den Verbraucherpreisen nicht der Fall gewesen.

Die Fundamentaldaten von Gold

Egal, ob es nun weitere quantitative Lockerungsmaßnahmen oder Deflation geben wird – das sind mit Sicherheit nicht die einzigen Faktoren, die den Goldpreis treiben.

Die anderen Faktoren, die den Goldpreis treiben, sind nach wie vor intakt. Es sind genau dieselben Faktoren, die dafür sorgten, dass Gold auf Allzeithochs kletterte, noch bevor an die erste Runde der quantitativen Lockerung überhaupt zu denken war.

Die Zinssätze befinden sich immer noch auf historisch niedrigen Niveaus, und es deutet kaum etwas darauf hin, dass sie in nächster Zeit steigen werden. Und obschon die staatlich vermeldete Inflation gering ist, deutet die reale Inflationsrate auf eine ganz andere Entwicklung und zeigt unzweideutig, dass die bei den Banken gehaltenen Sparguthaben sukzessive vernichtet werden. Vergangenen Monat erklärten Bernanke und andere Zentralbanker, dass sie die langfristigen Zinssätze weiterhin unten halten werden.

Diese Woche meldete das World Gold Council, dass die Zentralbankkäufe im zweiten Quartal dieses Jahres so stark gewesen seien wie seit 2009 nicht mehr. Es ist völlig offenkundig, dass die Zentralbanken zurzeit das Vertrauen in den Euro und den US-Dollar verlieren und bereits frühzeitig Barrikaden errichten, noch bevor der vollumfängliche Angriff auf die zwei Währungen einsetzt.

Und obwohl die Wirtschaftsdaten aus den USA und Europa in der Tat ein klein wenig besser gewesen sind, als erwartet, gibt es im Hinblick auf China, Indien und Brasilien nach wie vor Befürchtungen. Die zarten Pflänzchen der nächsten finanziellen Wachstumsphase scheinen zu verwelken, und viele rechnen damit, dass sich China dazu gezwungen sehen könnte, eine weitere Runde konjunkturbelebender Maßnahmen einzuleiten. Dies würde natürlich zu einer erhöhten Goldnachfrage der durch die Inflation verängstigten Chinesen führen.

Sicher, die Goldkäufe in China und Indien haben sich im letzten Quartal etwas abgekühlt, aber die Goldnachfrage aus Europa, speziell aus Deutschland, hat alle überrascht. Ich bin mir nicht sicher, warum ausgerechnet die europäische Einheitswährung zur größten Katastrophe überhaupt führen soll. Für die Deutschen ist das nicht die erste Währungskrise und sie sichern sich zurzeit in aller Eile dagegen ab.

Wir haben wiederholt erklärt, dass sich die Menschen in Zeiten der Krise Gold zu wenden. Und obwohl Syrien gegenwärtig mit Sicherheit kein Paradebeispiel für zwischenmenschliches Verhalten darstellt, weist auch die dortige Bevölkerung die menschliche Neigung auf, sich in Zeiten der Krise Gold zuzuwenden. Bloomberg meldete diese Woche, dass der syrische Präsident Assad die Beschränkungen bei Goldimporten aufgehoben hat. Das kommt genau zu einer Zeit, wo es für das Land immer schwieriger wird, mit dem Rest der Welt zu interagieren.

Die langfristige Goldpreisentwicklung ist das Entscheidende

Die Massenmedien scheinen zu glauben, dass sich die Wirtschaft und der Goldpreis wie ein Ei dem anderen gleichen würden. Bedauerlicherweise ist dem aber nicht so. Es braucht seine Zeit, bis sie sich gegenseitig wieder einholen. Daher muss man bei der „großen Korrektur“, deren Zeuge wir gegenwärtig werden, die Investoren, Märkte und die Inflation genau im Auge behalten. Man muss über die Rennbahnen hinwegblicken, um zu erfassen, wo jeder gerade steht.

Inflation oder Deflation – wer weiß das schon. Es ist besser, einen Schritt zurückzutreten und das Vergrößerungsglas beiseite zu legen, um die groben Umrisse des dunklen Bildes, das sich vor uns auftut, zu erfassen. Zurzeit spielt sich eine Vielzahl an Dingen ab, die alle von Bedeutung sind; die Wirtschaft geht vor die Hunde, und Gold hat immer noch einen weiten Weg vor sich.

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