Ökoasche

Welche Gesetze man brechen darf, wie wir endlich wieder Barbaren werden, und wo Antonis Samaras das ganze Geld herhat – der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Hans Heckel, Preußische Allgemeine Zeitung, 31.08.2012

Das „Erneuerbare-Energien-Gesetz“, kurz EEG, entwickelt sich zur heißen Kartoffel. Eben noch war es die stolze Jahrhundertleistung der rot-grünen Ära, welche die energiegewendete schwarze Kanzlerin nur zu gern geerbt hat.

Nun die Ernüchterung: Offenbar hat man die Reformidee aus der Büchse gelassen, ohne den Beipackzettel zu lesen. Na und? Macht man bei Medikamenten ja auch nicht, also warum jetzt? Weil interessierte Kreise den Zettel mit einer sagenhaften Kostenexplosion vollgekritzelt haben, welche die Milliarden aus den Taschen der Bürger in die Kassen jener Kreise nur so sprudelt lässt. Doch wie wir Deutsche so sind, kümmern wir uns um Spätfolgen immer erst, wenn sie uns brutal um die Ohren fliegen. Bis dahin vertrauen wir auf die Weisheit der Politik und nennen jeden Menschen einen rückwärtsgewandten Panikmacher, der an diesem Vertrauen kratzen will.

Mittlerweile erreichen unsere Ohren den Siedepunkt, da wir hören müssen, dass der Strompreis bis 2020 um 30 Prozent steigen soll. Der Beitrag, den ein Durchschnittshaushalt allein für die Bezuschussung der Ökostrom-Produzenten zahlen muss, steigt schon 2013 von jetzt 144 auf dann 200 Euro, inklusive Mehrwertsteuer.

Das wird ein Fest für Windbauer und Co.! Für die Politik ist das weniger lustig, denn die ist nun in der hässlichen Lage, den Deutschen diese Absahnerei erklären zu müssen – selbstverständlich, ohne ihnen dabei die schmutzige Wahrheit zu sagen.

Zunächst einmal gilt es, ein Legendengebilde zu bauen, hinter dem man sich verstecken kann. Dieses Gebilde lautet, dass man das EEG leider gar nicht mehr grundlegend verändern kann (geschweige denn abschaffen), weil man nun mal Jahrzehnte währende Verpflichtungen eingegangen sei. Die Absahner hätten schließlich ein Anrecht auf Vertragserfüllung, wir sind ja ein Rechtsstaat.

Ach ja? Als im vergangenen Sommer mit der „Energiewende“ ein ganzer Stoß Gesetze und Verpflichtungen zur Vertragserfüllung über die Wupper geworfen wurden, da war der Rechtsstaat wohl gerade in den Ferien. Vielleicht sollte die Bundesregierung ihre Juristen beauftragen, dass sie uns ein „Gesetzes-Gesetzbuch“ verfassen, in dem drinsteht, welche Gesetze problemlos gebrochen werden dürfen und welche nicht.

Die Politiker haben sich darauf verlegt, die Energiewende und das EEG wie ein vom Himmel gesandtes Naturereignis zu behandeln, mit dem wir zurechtkommen müssten, koste es (wen?), was es wolle. Kurzum, diese Leute reden wie der Lehrer in dem alten Pennälerwitz: Sie helfen uns, Probleme zu lösen, die wir ohne sie nie gehabt hätten.

Hatte ich gefragt, „wen“ es kosten soll, was es wolle? Gewerkschaften und Sozialverbände haben da eine Idee, die sie  immer haben, wenn’s ums Bezahlen geht: Die Mittelschicht soll das tragen, indem sie über Zusatzabgaben Sozialtarife für Menschen mit geringem Einkommen bezuschusst. Mit anderen Worten: Der Mittelschichtler soll künftig nicht allein dem reichen Windbauern den Hintern vergolden, sondern dazu noch die Rechnung seines ärmeren Nachbarn übernehmen. Auf die freche Frage, ob man stattdessen nicht den Windmillionär ein bisschen weniger mästen könnte, bevor Geringverdiener wegen der Stromrechnung im Dunkeln sitzen, auf die kommt seltsamerweise niemand. Ach ja, die „Vertragsverpflichtungen“.

Und die Zukunft unseres Planeten! Schließlich werden die Ökostromeinspeiser nicht nur um ihrer selbst willen reich, ihr Konto füllt sich mit unserem Geld zu unser aller Nutzen: das Klima! Fürs Klima lassen selbst die misstrauischsten Deutschen gern ihren Verstand fahren. Wie die „taz“ meldet, verfolgt uns das schlechte Gewissen bereits bis in den Tod: Ökobestattungen seien schwer im Trend: Särge aus Pappe, Letzte Hemden aus Naturfaser oder Urnen aus Kartoffelstärke.

Hauptklimakiller ist die Verbrennung, drei Kubikmeter Gas würden dafür verpulvert, „je nachdem, wie Körper und Sarg beschaffen sind“, wie die „taz“ einen Fachmann zitiert. Also: Denken Sie an die Eisbären und machen Sie vor Ihrem Ableben noch eine Diät und vor allem: Trinken Sie in Ihren letzten Stunden nicht zu viel!

Eine viel bessere Lösung als das Verbrennen sei ein neues Verfahren, bei dem die Leiche in eine Lauge eingelegt wird, die den Körper in drei Stunden zersetzt. Danach blieben nur die Knochen, die man leicht zermahlen und als „Ökoasche“ den Hinterbliebenen übergebe. Die Lauge könne getrost als Dünger ausgebracht werden. Vielleicht im heimischen Gemüsegarten? Guten Appetit.

Eine andere Möglichkeit wäre es, die Körper auf minus 200 Grad schockzugefrieren und dann in einer Zentrifuge zu zerlegen. „Allerdings“, zitiert das Blatt die Erfinderin dieses Verfahrens, „haben Tests mit Schweinen gezeigt, dass die Stücke für Urnen zu groß sind.“ Das ist aber schade.

Die Urahnen der Ökobewegung haben einst davon geträumt, die Menschen zurück in die Natur zu bringen, weil wir unser Glück verloren hätten, als wir unseren barbarischen Urzustand aufgaben. Nun geht es endlich zurück ins Paradies: Wer diese Bestattungsvorschläge liest, vor allem den mit der Lauge, der fühlt sich der Barbarei schon ganz nah.

Allerdings kann dieses Verfahren, wo wir uns in Asche und Gemüsedünger und später in Tomaten und Kopfsalat verwandeln, noch deutlich abgekürzt werden, die Pläne liegen seit langem auf dem Tisch. In dem Zukunftsfilm „2022, die überleben wollen“ aus dem Jahre 1973 werden die Leichen gleich nach ihrer Einschläferung zu dem Menschenfutter „Soylent Grün“ verarbeitet, das dann den hungrigen Lebenden gereicht wird. Dies wäre eine wirklich „nachhaltige“ und zugleich „Ressourcen schonende“ Lösung. Aber wir haben ja noch zehn Jahre.

Verfeinern wir erst mal die Schweine-Zentrifuge. Wie Europa im Jahr 2022 aussieht, können wir ohnehin nur raten. Der Optimismus vergangener Zeiten ist den meisten von uns verdorrt, daher ist es Zeit für eine Aufmunterung: Mit der Kampagne „Ich will Europa“ soll uns der alte Traum neu schmackhaft gemacht werden. Alle sind dabei: der Bundespräsident, die Kanzlerin, allerlei Konzern-Stiftungen und viele, viele ganz zufällig zusammengekommene Bürger wie Sie und ich. Nur dass Sie und ich zufälligerweise nicht gefragt wurden.

In der Kampagne werden viele Vorteile des Euro aufgezählt, allerdings finden sich in den Werbeparolen auch einige Floskeln, die Raum für unerwünschtes Weiterdenken lassen. So heißt es etwa: „Der einheitliche Währungsraum verschafft den Unternehmen einfachen Zugang zu über 500 Millionen Verbrauchern.“ Ja, man könnte auch sagen: „ … verschafft schuldengierigen Finanzministern und einer nimmersatten Finanzindustrie Zugang zu den Ersparnissen von 500 Millionen …“ Die Kanzlerin teilt uns in ihrem Grußwort mit: „Europa ist unsere Zukunft. Diese Idee zu schützen und zu wahren, das war und ist jede Mühe und Anstrengung wert.“ Da laut Merkel Europa ohne den Euro scheitert, heißt das: Der Euro ist „jede“ Anstrengung wert. Mit anderen Worten: Und wenn hier alles kaputtgeht, was drei Generationen seit dem Krieg aufgebaut haben, für den Euro opfern wir alles.

Merken Sie, wie Sie nach dieser Klarstellung der neue Optimismus durchströmt? Dann stehen Sie auf der richtigen Seite! So ruft uns die Kampagne wieder in Erinnerung, was die Euro-Zone in Wirklichkeit ist, jenseits all der Nickeligkeiten, an denen wir Kleingeister uns hochziehen: Eine starke Gemeinschaft, wo einer beim anderen im Wort steht.

Auch Griechenlands Premier Antonis Samaras hat uns sein Wort gegeben: Er hafte „persönlich“ dafür, dass Hellas das geliehene Geld zurückgebe. Donnerwetter: Wie lange hat einer schon keine Steuern mehr bezahlt, dass er „persönlich“ für so viele Milliarden einstehen kann!

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