US-Wirtschaftserholung: Mittelschicht wird ausradiert, Armut explodiert, Ausgaben werden zusammengestrichen

Wolf Richter, Testosteronepit.com, 11.09.2012

Es ist ein erbarmungsloser Prozess. Eine Untersuchung nach der anderen – die jüngste heißt „Das verlorene Jahrzehnt der Mittelschicht“ – hat gezeigt, dass die Gehälter in den USA seit dem Höhepunkt der Einkommensentwicklung im Jahre 2000 nicht mehr mit der Inflation mithalten können. Die Phasen realer Einkommenszuwächse, beispielsweise die deflationäre Phase von März bis Oktober 2009 – die für die Arbeitnehmer ein Geschenk des Himmels war –, wurden von der US-Notenbank umgehend im Keim erstickt.

Die amerikanischen Familien standen daher Ende des letzten Jahrzehnts mit weniger da als zu Anfang desselbigen – ein Phänomen, das in den USA zuletzt im Zweiten Weltkrieg beobachtet werden konnte. Und die mittlere Einkommensschicht wurde kleiner. Es handelt sich hierbei schlicht um den Aushöhlungsprozess der amerikanischen Mittelschicht.

Aber es gibt auch ein neues Phänomen: Eine immer weiter ausufernde Unterschicht, die sich mittlerweile auf 32% aller Erwachsenen erstreckt. In Amerika! Wo die Unterschicht die unaussprechliche Gesellschaftsschicht darstellt, die Schicht, die eigentlich garnicht existiert, genauso wie die Oberschicht nicht existiert, aber aus anderen Gründen.

Die politischen Kandidaten überschlagen sich, wenn es darum geht, der „Mittelschicht“ schuldenfinanzierte Zuwendungen und Steuersenkungen – seien sie nun real oder frei erfunden – zu versprechen. Sie behaupten, dass eine prosperierende Mittelschicht die Grundlage der amerikanischen Wirtschaft sei. Die Mittelschicht hat das Sagen!

„Jeder ist in der Mittelschicht“, erklärte mir in der Highschool der Vater des Mädchens, mit dem ich verabredet war. Das war in den 70er Jahren. Heute finden sich 32% aller amerikanischen Erwachsenen in der unaussprechlichen Unterschicht wieder, so eine Umfrage des Pew Research Center. In 2008 lag diese Zahl noch bei 25%. Und keiner der Präsidentschaftskandidaten hat die Unterschicht auch nur erwähnt.

In Europa lässt sich zurzeit ein ähnliches Phänomen beobachten, wobei die dort mitschwingenden Zwischentöne bereits deutlicher ausfallen. „Die Armut kehrt nach Europa zurück“, so Jan Zijderveld, der Europachef von Unilever. Der drittgrößte Verbrauchsgüterhersteller der Welt erklärte, dass man die wirtschaftlichen Strategien dieser neuen Realität anpassen würde, indem man, so Zijderveld, in Europa nun Verkaufsstrategien implementiert, die auch in Entwicklungsländern prima funktionierten. Andere Lichtgestalten der Einzelhandelsbranche bestätigten diesen Trend. Jean-Paul Agon von L’Oréal nennt es „Die Logik der Verarmung.“

In Amerika trifft es die jungen Erwachsenen am härtesten. Atemberaubende 39% von ihnen verorten sich selbst in der Unterschicht. In 2008 waren es noch 25%. Sollte sich dieser Trend die nächsten paar Jahre weiter fortsetzen, wird die Unterschicht – die politisch unaussprechliche Gruppe – bereits die Hälfte aller jungen Erwachsenen stellen.

Der Bildungsgrad macht noch etwas aus, ist aber auch keine Garantie mehr: 41% aller Jugendlichen, die über einen Highschool-Abschluss oder einen geringeren Bildungsgrad verfügen, enden in der Unterschicht. Doch selbst bei den Hochschulabsolventen zeichnet sich ein düsterer Trend ab: 17% sind der Meinung, dass sie der Unterschicht angehören, in 2008 waren es noch 12%.

Und obschon die Aufwärtsmobilität ungeachtet all des Gegenwinds überlebt hat, gibt es eine bösartige Gegenströmung: Die „Abwärtsmobilität“. Die Mitteschicht ist von 53% in 2008 auf 49% zurückgegangen, während die obere Mittelschicht von 19% auf 15% gefallen ist. Nur die Oberschicht konnte sich bei stabilen 2% halten. Diese Verschiebungen führten zu einer entsetzlichen Zahl: 38% aller Menschen in der Unterschicht sind Neuankömmlinge.

Und die politische Einstellung ist dabei völlig unerheblich: Von denjenigen, die sich in der Unterschicht wiederfinden, sind 32% konservativ, 30% moderat und 33% progressiv eingestellt.

Es scheint, als wäre es dem System tatsächlich gelungen, den Enthusiasmus all jener, die damit zu kämpfen haben, die vor ihnen liegenden Hürden zu meistern, vollständig auszumerzen – und das obwohl Zuversicht ein essentieller Bestandteil wirtschaftlichen Erfolges ist:

„Die Amerikaner in der Unterschicht sind bezüglich ihres aktuellen finanziellen Status negativer und bezüglich ihrer wirtschaftlichen Zukunft pessimistischer eingestellt als Erwachsene, die sich selbst in der Mittel- oder Oberschicht verorten. Bei den Angehörigen der Unterschicht ist es überdies bedeutend wahrscheinlicher als bei anderen Amerikanern, dass sie daran zweifeln, dass harte Arbeit zum Erfolg führt.“

Und diese Entwicklung hat massive Auswirkungen auf die Wirtschaft: 84% der Menschen der Unterschicht haben ihre Ausgaben im vergangenen Jahr eingeschränkt. Ja selbst 62% derjenigen, die mehr Glück hatten – also all jene, die in der Mittelschicht verblieben –, und 41% der mit noch mehr Glück gesegneten oberen Schichten schraubten ihre Ausgaben zurück. Das ist ein sicherer Hinweis darauf, dass die harten Zeiten deutliche Spuren hinterlassen haben.

Und dennoch gibt es zurzeit Hoffnung an den Finanzmärkten. Die US-Notenbank hängt ihnen QE3 vor die Nase und die Europäische Zentralbank hat bereits ihre eigene saftige Karotte aus dem Hut gezaubert. Und gerade als die Märkte auf neue Jahreshochs gestiegen waren … nun ja, da kamen die jüngsten US-Arbeitsmarktzahlen und die Realität stellte sich wieder ein.

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