Finanz-Armageddon: Rückt der Tag der Abrechnung unaufhaltsam näher?

Ja sicher, wir dürften alle ein wenig krisenmüde geworden sein – nichtsdestotrotz durchleben wir gegenwärtig ein der spannendsten Phasen der Finanzgeschichte, und es wäre töricht, die Entwicklungen nicht mit höchster Aufmerksamkeit mitzuverfolgen, um herauszufinden, welche der beiden gegensätzlichen Wirtschaftsschulen am Ende Recht behalten wird. Schließlich steht einiges auf dem Spiel: Die Zukunft, die Arbeitsplätze und der Lebensstandard von uns allen

Will Bancroft, The Real Asset Company, 20.09.2012

Letzte Woche bekräftigte der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke seine interventionistische Ausrichtung und gab QE3 bekannt. Die bedeutendste Zentralbank der Welt wird von nun an bereits zuvor ins Visier genommene Wertpapiere mit einer Rate von USD 40 Milliarden pro Monat kaufen.

Wahrscheinlich fühlte sich die Fed durch die jüngsten Versprechungen der Europäischen Zentralbank und die absichtsvolle Schockwirkung, die „Super“-Mario Draghi damit erzielte, zu dieser Entscheidung veranlasst. Die systemisch wichtigsten Zentralbanken der Welt weiten gegenwärtig also ihre Bilanzen aus und mischen sich immer stärker in die wichtigsten Finanzmärkte der Welt ein.

Das Finanzsystem wird Tag für Tag zunehmend stärker „kontrolliert“, während die am Ruder stehenden Protagonisten ihre geldpolitischen Strategien und Ideologien implementieren.

Worum geht es bei der Debatte eigentlich?

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise in 2008 hat sich eine anhaltende und hitzige Debatte über die wirklichen Ursachen, die Symptome und die notwendigen Lösungen entwickelt.

Die neoklassischen Ökonomen – die im Bildungsbereich, in den Forschungseinrichtungen, Zentralbankausschüssen und politischen Zirkeln in der absoluten Überzahl sind – sind überzeugt davon, dass wir mehr Schulden aufnehmen und mehr Geld ausgeben müssen, um eine Katastrophe zu verhindern, die Gesamtnachfrage wie auch die Geldumlaufgeschwindigkeit zu erhöhen und, ganz allgemein, Arbeitsplätze zu schützen und zu schaffen und Wachstum herbeizuführen.

Das ist die durch den Keynesianismus geprägte Mainstream-Auffassung, die in der Regel in Journalistenkreisen und von den Massenmedien wiedergekäut wird – und es ist immer noch die Ansicht der Wählerschaften der westlichen Welt, die darauf hoffen, dass das Politestablishment und das Finanzestablishment in der Lage sein werden, ihre ständig weiter zunehmenden Versprechungen auch einzulösen.

Die klassische Wirtschaftsschule geht davon aus, dass es sich bei den Auffassungen der Keynesianer um einen Betrug handelt und der Crash des Jahres 2008 ein unzweideutiger Beweis dafür gewesen ist, dass der intellektuelle Kaiser nackt ist. Der Hedge-Fonds-Manger Kyle Bass hat diese Auffassung treffend in Worte gefasst, als er sagte: „Alan Greenspan hat die Technologieblase gegen die Eigenheimblase eingetauscht.“

Die Sorgen, dass die Zentralbanken immer größere und weniger kontrollierbare Finanzblasen schaffen, kommen vornehmlich aus einem intellektuellen Lager, von dem Sie bereits unter dem Namen Österreichische Wirtschaftsschule gehört haben dürften.

Diese Verfechter der Österreichischen Wirtschaftsschule behaupten, dass die Multiplikationseffekte von Keynes im allgemeinen Unsinn und seine Theorien spezieller und nicht allgemeiner Natur seien. Sie behaupten, dass die Geldumlaufgeschwindigkeit das Entscheidende sei und diese nicht kontrolliert werden könne, so wie es sich die Monetaristen wie Milton Friedman wünschen würden.

Diese Denkschule – die davon ausgeht, dass reales Vermögen durch harte Arbeit und Unternehmen geschaffen wird und nicht durch Schulden und Ausgaben – hat massive Probleme mit den aktuellen Handlungsstrategien des politischen Establishments und der Zentralbanker.

Jim Rickards behauptet in seinem Bestseller „Currency Wars“, dass sich die US-Notenbank am „größten Glücksspiel der Finanzgeschichte [beteiligt] … indem sie Dollars in Billionenhöhe druckt.“

Zu den Herrschern der Finanzwelt aufblicken

Für den Normalbürger hört sich das alles befremdlich und extrem beunruhigend an.

Die Alternativen, die von beiden Seiten als Lösung angeboten werden, um „Wachstum“ und „Prosperität“ zu schaffen, klingen allesamt nicht sonderlich wünschenswert, und die Unterschiede bei den Meinungsbildern – beispielsweise zum Thema Gold und Geld – werden zur Kenntnis genommen.

Es fühlt sich so an, als seien wir bloß Ameisen, die zu den riesenhaften Protagonisten im US-Kongress, im Europaparlament oder im britischen Abgeordnetenhaus blicken, während der Sturm über uns hinweg zieht.

Es lässt sich aber kaum ignorieren, dass die Staatsverschuldung unaufhörlich wächst – selbst wenn es unterdessen im Privatsektor zu einem gewissen Fremdkapitalabbau kommt –, die Währungen durch fortwährendes Drucken weiter entwertet werden, das Vertrauen schwach ist, die Banken nach wie vor eine sehr hohe Verschuldung aufweisen, die Zentralbanken ganz offen Strategien der Finanzrepression verfolgen, das Wirtschaftswachstum und die wirtschaftliche Aktivität besorgniserregend schwach sind (mit Rückgängen bei den Ein- und Ausfuhren), die Arbeitslosenniveaus hoch sind und der Goldpreis weiter steigt.

Diese Debatte muss daher ganz einfach die größte und drängendste aller Debatten sein – schlicht weil die Auswirkungen, sollte man hier falsch liegen, so enorm sind. Die Zukunft, die Arbeitsplätze und der Lebensstandard aller stehen auf dem Spiel.

Die nächsten Jahre, vielleicht Jahrzehnte, werden bezüglich des Ausgangs von entscheidender Bedeutung sein. Es fühlt sich so an, als würden sich die Wirtschaften nun immer stärker dem Tag der Abrechnung nähern – und wir sollten zur Kenntnis nehmen, was beide Seiten seit 2008 behauptet haben (man kann auch weiter zurückblicken, vielleicht auf das Jahr 1971), gegenwärtig behaupten und behaupten werden, während sich die Finanzkrise weiter zuspitzen wird.

Wir haben unsere eigene Meinung zu diesem Thema in vorangegangenen Artikeln bereits hinlänglich dargelegt, weshalb wir sie an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholen werden. Wir wollen nur soviel sagen: Eine der beiden Wirtschaftsschulen hat sich in der Vergangenheit als richtiger erwiesen.

Die Wirtschaftswissenschaft ist eine Sozialwissenschaft, die sich mit Themen und Aktivitäten beschäftigt, die nur sehr schlecht messbar sind, und das heißt natürlich auch, dass es keine Seite geben wird, die am Ende unanfechtbar richtig liegt. Ökonomie hat nichts mit Mathematik zu tun, wo Berechnungen einfach richtig oder falsch sind.

Welche Schneeflocke wird den Lawinenabgang auslösen?

Nichtsdestotrotz wird eines dieser Paradigmen des wirtschaftlichen Denkens zu Grabe getragen werden.

Die Schulden und die Geldmenge nehmen zurzeit in atemberaubender Geschwindigkeit zu. Die klassischen Ökonomen könnten das auch mit fallenden Schneeflocken vergleichen, die vor dem Lawinenabgang Schicht um Schicht aufbauen.

Im Gegensatz dazu würden Ihnen neoklassische Vertreter wie Bernanke, Draghi und King vielleicht versichern, dass diese Entwicklung praktisch auf immer und ewig anhalten kann, bis die Wirtschaftserholung und das Wachstum wieder einsetzen, die Steuereinnahmen sich verbessern und die Staatsbilanzen wieder rosiger aussehen.

Und während es in der Tat nicht besonders angenehm sein dürfte, diese Ära zu durchleben, werden die Resultate und Veränderungen, wie wir unsere Wirtschaft künftig managen, faszinierend sein. Werden die Währungen kollabieren, während sich das Vertrauen in Luft auflöst? Wird es zu den vorhergesagten wirtschaftlichen Erholungsprozessen und Wachstumsraten kommen? Sind die Grundlagen, auf denen unser Finanzsystem beruht, unwiederbringlich geschädigt worden?

Logisch, dass wir bezüglich dieser Fragen mittlerweile die Nase voll haben und daher auch dazu neigen, einfach abzuschalten, wenn die „Moderatoren“ diese Themen aufgreifen, und uns stattdessen vielleicht lieber auf den Weg der Apathie und des Zynismus begeben. Dennoch sollte man sich einen Augenblick Zeit nehmen, um noch einmal im Detail nachzuvollziehen, was einem die Verfechter der Debatte eigentlich glauben machen wollen.

Wir befinden uns jetzt allesamt auf einer Achterbahnfahrt – und das dürfte noch eine ganze Weile so weitergehen. Wir durchleben gegenwärtig einen wahrhaft einzigartigen Moment in der Finanzgeschichte. Die Kräfte der inflationären Konjunkturmaßnahmen kämpfen gegen den offenkundigen Wunsch des Finanzsystems, die Schulden zu vernichten und die Deflation einzuleiten. Der Ausgang dieser Schlacht könnte schockierend sein – aber Sie sollten auf alle Fälle wachsam bleiben, um herauszufinden, wer größtenteils Recht behalten wird … oder am wenigsten falsch liegt.

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