Geldflut der Zentralbanken: Böses Erwachen ist vorprogrammiert

Die Zentralbanker scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, dass, haben sie das Geld erst einmal in Umlauf gebracht, sie überhaupt keinen Einfluss darauf haben, wo es letztlich landen wird. Rohstoffe und Bodenschätze dürften jedoch zu den Top-Favoriten zählen

Axel G. Merk, Merk Funds, 26.09.2012

Die weltweiten Zentralbanker mögen die Finanzmärkte nun zwar gestützt haben, so wie es einst Greenspan während seiner sorglosen goldenen Jahre tat, aber wenn sich die kurzfristige Euphorie erst einmal gelegt hat, werden die negativen Auswirkungen dann tiefgreifender ausfallen?

Bernankes Federal Reserve (Fed) scheint als Teil ihrer Strategie, die Arbeitslosenrate zu senken, speziell die Preisanstiege beim Aktienmarkt im Blick zu haben. Und die Erwartungen sind hoch: Jedes Mal, wenn es an den Märkten zu Abverkäufen kommt, könnte die Fed ja einfach Geld drucken. Wir befürchten, dass sich die Zentralbanker damit überhoben haben und die Auswirkungen ihrer geldpolitischen Maßnahmen wesentlich schlimmer ausfallen könnten als die erwarteten Vorteile.

Die aktuellen geldpolitischen Strategien ähneln dem „Greenspan Put“ (nach dem früheren Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan benannt) der Jahre, die der Krise vorangingen. Und die heutigen Zentralbanker sind überaus offen, wenn es darum geht, ihren Standpunkt zu kommunizieren: Sie scheinen bereit zu sein, mit noch mehr Liquidität zu Hilfe zu eilen, sollte die Weltwirtschaft irgendwelche weiteren Anzeichen der Abschwächung aufweisen.

Und die US-Notenbank ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen: Die Fed hat erklärt, dass ihre Lockerungspolitik auch „nach der Stärkung der wirtschaftlichen Erholung über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg entsprechend aufrecht erhalten wird“. Mit anderen Worten: Die Finanzmärkte werden langfristig mit Liquidität geflutet, selbst wenn Hinweise auf eine nachhaltige Erholung erkennbar werden.

Auf den ersten Blick mag das für Investoren, die Aktien und andere risikoreiche Vermögenswerte halten, ja eine positive Entwicklung sein – schließlich scheint Bernanke gewillt, ihre Investments auf absehbare Zeit zu stützen. Und in der Tat scheint Bernanke speziell die Preisanstiege beim Aktienmarkt im Blick zu haben, da er bei vielen Gelegenheiten anmerkte, dass einer der Vorteile der quantitativen Lockerung (QE) der Anstieg der Aktienpreise gewesen sei.

Bemerkenswert ist, dass – während Bernanke glaubt, dass die QE-Maßnahmen der Fed einen positiven Einfluss auf die Aktienpreise hatten – er davon ausgeht, dass sie nicht zu einem Anstieg der Inflationserwartungen oder der Rohstoffpreise geführt haben. Wir stimmen dieser Einschätzung nicht zu und werden im Folgenden noch darauf zu sprechen kommen.

Letztlich dürfte die Fed übers Ziel hinausgeschossen sein, wodurch sie die wirtschaftliche Stabilität gefährdet und eine erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten verursacht; die vollumfänglichen Auswirkungen dieser Maßnahmen dürften trostlos sein.

Egal, ob es sich nun um die Bank von Japan, die chinesische Zentralbank, die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank von England (BoE) oder die Fed handelt – entweder lassen die Zentralbanker ihren Worten bereits Taten folgen oder sie weisen ausdrücklich darauf hin, dass eine fortwährende Lockerungspolitik notwendig ist, um weitere bedeutende Abschwächungen der weltweiten Wirtschaftsaktivitäten zu verhindern.

Ungeachtet der Fragestellung, ob all die überschüssigen frisch gedruckten Gelder im Hinblick auf die Belebung der Weltwirtschaft die gewünschten Effekte erzielen werden oder nicht, muss das Geld letztlich irgendwohin – und bedauerlicherweise scheinen die meisten Zentralbanker nicht zu begreifen, dass sie überhaupt nicht kontrollieren können, wo das Geld am Ende landet.

Seit Ausbruch der Finanzkrise ist die US-Immobilienbranche die Achillesferse des Fed-Vorsitzenden gewesen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Fed seit 2009 hypothekarisch besicherte Wertpapiere (MBS) im Wert von über USD 1 Billion gekauft hat: Um die Eigenheimpreise zu reflationieren und auf diese Weise alle Hypotheken, die sich unter Wasser befinden, zu retten.

Das Problem ist nur, dass es nicht funktioniert hat. Die Eigenheimpreise sind nach wie vor schwach und stagnieren bis heute. Die Fed hat nun ein weiteres MBS-Aufkaufprogramm angekündigt, dieses Mal jedoch unbefristet und unter dem Titel „QE3“. Glauben sie, dass es jetzt an der Zeit für MBS-Aufkäufe ist, um den Eigenheimmarkt und somit auch die Wirtschaft positiv zu beeinflussen? Bedauerlicherweise ist das erste MBS-Aufkaufprogramm dabei gescheitert, diese Wirkungen zu entfalten; wir können uns nicht vorstellen, wie QE3 bezüglich der gewünschten Preisanstiege im Eigenheimmarkt bessere Ergebnisse erzielen könnte.

Eines der Dinge, die durch diese Maßnahmen angekurbelt werden, dürften nach unserem Dafürhalten die Inflationserwartungen sein – und der Anstieg der marktbasierten künftigen Inflationserwartungen in Reaktion auf die QE3-Entscheidung der Fed waren in der Tat bereits recht bemerkenswert:

Im Gegensatz zur Auffassung von Bernanke, dass die quantitative Lockerung im Rohstoffsektor keine Preisanstiege zur Folge haben wird, gehen wir davon aus, dass ein bedeutender Teil des frisch gedruckten Geldes lediglich dazu dienen wird, den Wert genau jener Vermögenswerte zu erhöhen, die die größte monetäre Sensibilität aufweisen: Rohstoffe und Bodenschätze.

Rohstoffe und Bodenschätze sind bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen, die vom US-Verbraucher Tag für Tag gekauft werden, von essentieller Bedeutung. Und daher werden aufgeblähte Preise für Rohstoffe und Bodenschätze am Ende auch die Verbraucherpreisinflation anheizen, da der „Einkaufswagen mit alltäglichen Gütern“ für den Verbraucher immer teurer werden wird.

Die anhaltende USD-Dollarschwäche verstärkt diesen inflationären Druck nur noch. Wir glauben, dass ein schwächerer Dollar Teil von Bernankes Strategie ist, die US-Wirtschaft zu beleben, da dadurch die US-Exporte angekurbelt werden. Und während wir nicht der Meinung sind, dass es sich dabei um eine solide Geldpolitik handelt, sind die inflationären Auswirkungen unstreitig: Für die US-Exporte ist es eine großartige Sache – aber jedes Mal, wenn der Dollar gegenüber der Währung eines Landes abwertet, aus dem die USA Importe einführen, verteuern sich die Preise für diese Güter.

Und die Fed hat ja nicht nur die inflationären Risiken erhöht, sondern wir gehen überdies davon aus, dass sie implizit auch das Risiko erhöht hat, dass ihre Geldpolitik insgesamt nach hinten losgeht. Beispielsweise ist der Fed-Vorsitzende der Auffassung, dass die seit 2008 ergriffenen unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen der US-Notenbank mit dafür verantwortlich gewesen sind, dass die Rendite für die 10-jährige Staatsanleihe um über 1,5% absank.

Doch mit diesen Maßnahmen hat die Fed auch einen entscheidenden Indikator vernichtet, mit dem die Wirtschaft gemessen und die Geldpolitik entsprechend ausgerichtet werden kann: Die Zinssätze des freien Markts. Historisch gesehen war die Fed immer auf die langfristigen Renditen wie die der 10-jährigen und 30-jährigen US-Staatsanleihen angewiesen, um sich ein Gesamtbild vom Zustand der Wirtschaft zu verschaffen. Und wenn sie jetzt genau diese Renditen manipuliert, kann sie auf diese Werte als vertrauenswürdige Indikatoren bezüglich des Zustands und Ausblicks der Wirtschaft nicht mehr zurückgreifen.

Mit anderen Worten: Umso mehr die Fed mittels unkonventioneller geldpolitischer Maßnahmen in den Märkten herumfingert, desto mehr steht sie im Hinblick auf die Einschätzung der Angemessenheit ihrer Geldpolitik im Dunkeln. Eine solche Situation führt ganz zwangsläufig dazu, dass die Unsicherheiten bezüglich der US-Wirtschaft und der US-Geldpolitik weiter zunehmen, was die Schwäche des US-Dollars künftig weiter verstärken könnte.

Die riesigen Mengen an Liquidität, die die Fed mithilfe ihrer quantitativen Lockerungsprogramme bereitgestellt hat, werden an irgendeinem Punkt wieder zurückgefahren werden müssen. Ob dies nun aufgrund des Inflationsdrucks oder einer nachhaltigen Erholung der Fall sein wird, kann nur die Zeit sagen, aber die Notwendigkeit, der Liquidität wieder Einhalt zu gebieten, dürfte künftig noch für erhebliche Kopfschmerzen sorgen.

Angesichts des anhaltend hohen Niveaus an Fremdkapital, das in der der Wirtschaft zum Einsatz kommt, laufen derartige geldpolitische Straffungsmaßnahmen jedoch Gefahr, jedwede Anzeichen einer Wirtschaftserholung zu untergraben und wohlmöglich sogar einen erneuten Crash auszulösen. Überdies besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die geldpolitische Straffung die Verbraucherausgaben negativ beeinflussen könnte.

Wir haben es immer noch mit einem stark verschuldeten Verbraucher zu tun, und die steigenden Zinssätze könnten sich als überaus schmerzlich herausstellen und die Verbraucherausgaben und somit auch die Wirtschaft drastisch abschwächen. Vor dem Hintergrund, dass die Verbraucherausgaben 70% des US-BSP ausmachen, könnten derartige Prozesse enorme Auswirkungen auf die US-Wirtschaft haben.

All das unterstreicht unsere Auffassung, dass bedeutende Risiken bestehen, dass die US-Notenbank mit ihrer Geldpolitik falsch liegt. Wir gehen davon aus, dass die Maßnahmen der Fed nicht nur die Inflationsrisiken erhöhen, sondern gleichzeitig auch noch künftige angemessene geldpolitische Maßnahmen in Gefahr bringen. Diese beiden Aspekte werden wahrscheinlich dazu beitragen, dass es an den Märkten weiterhin eine anhaltend hohe Volatilität geben wird.

Und da zurzeit weltweit derart viele bedeutende Prozesse immer noch nicht abgeschlossen sind und angesichts der Tatsache, dass sich die Zentralbanker immer stärker in die weltweiten wirtschaftlichen Prozesse einmischen, sind Anleger gut beraten, darüber nachzudenken, ob sie sich nicht besser auf die Auswirkungen einer solchen Politik vorbereiten …

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