Im Nebel stochern: Goldanalysten blenden 40% des Markts einfach aus

In fünf von sieben aktuellen Goldpreisprognosen renommierter Investmentbanken und Beratungshäuser kommen die Worte „China“ oder „Indien“ noch nicht einmal vor. Nur eine Bank erwähnte die beiden Länder als stützenden Preisfaktor – und das obwohl China und Indien 40% des physischen Goldmarkts stellen

Clyde Russell, Mineweb.com, 13.12.2012

Wenn man sich sieben aktuelle Goldpreisprognosen renommierter Investmentbanken und Beratungshäuser durchliest, stellt man fest, dass diese Analysen alle eine Gemeinsamkeit aufweisen: China und Indien werden praktisch überhaupt nicht erwähnt.

Das ist atemberaubend, wenn man bedenkt, dass diese beiden Länder 40% des gesamten physischen Goldmarkts stellen.

Jeder Ölanalyst, der die Nachfrage der vier größten Ölimporteure – namentlich die Vereinigten Staaten, China, Japan und Indien – bei seinem Preisausblick einfach übergehen würde, hätte erheblich damit zu kämpfen, ernstgenommen zu werden.

Aber das ist genau das, was die Goldanalysten tun, wenn sie eine Marktbeurteilung durchführen und versuchen, die Preisrichtung des Goldmarkts zu bestimmen.

Von den sieben Berichten, die für diesen Artikel gelesen wurden und die unter anderem von Goldman Sachs, Morgan Stanley, der Deutschen Bank, Barclays und der ANZ Banking Group stammen, enthielten fünf noch nicht einmal die Worte China und Indien. In einem Bericht wurde China erwähnt, Indien aber nicht, und in einem weiteren Bericht wurden beide Länder kurz angesprochen.

Nicht in einer dieser Goldpreisprojektionen wurde angedeutet, dass die Goldnachfrage von China und/oder Indien einer der entscheidenden Preistreiber im Goldmarkt gewesen ist. Fand die Nachfrage dieser Länder doch einmal Erwähnung, dann nur als stützender Faktor.

Stattdessen hatte man sich in allen Prognosen massiv auf die quantitativen Lockerungsmaßnahmen in den Vereinigten Staaten und die Möglichkeit der Ausweitung dieser Maßnahmen in 2013 konzentriert.

Die potenziellen Auswirkungen der sogenannten Fiskalklippe in den USA – bei der es Anfang nächsten Jahres zu automatischen Steuererhöhungen und Ausgabeneinsparungen kommen könnte –  waren ebenso eines der Hauptthemen wie die Schuldenkrise in Europa.

Fakt ist aber, dass es ziemlich solide Beweise dafür gibt, dass der Goldpreis in 2012 maßgeblich durch den physischen Goldmarkt beeinflusst wurde, und das heißt zu weiten Teilen durch Indien und China.

Gold notierte zu Beginn dieses Jahres bei USD 1.565 pro Unze, kletterte bis Februar auf USD 1.785 pro Unze und sank dann sukzessive bis Mitte des Jahres auf rund USD 1.530 pro Unze ab, bevor es bis Oktober wieder auf rund USD 1.790 pro Unze stieg und dann auf das aktuelle Preisniveau im Bereich von rund USD 1.700 pro Unze abfiel.

Mit anderen Worten: Der Goldpreis hatte sich die meiste Zeit über in einer Handelsspanne festgesetzt und nachdem die US-Notenbank Federal Reserve angekündigt hatte, dass sie eine dritte Runde quantitativer Lockerung auflegen würde, einen leichten Aufwärtsschub erhalten, der jedoch nicht nachhaltig gewesen ist.

Die lockere Geldpolitik der USA ist in 2012 aber nicht der einzige positive Aspekt für den Goldpreis gewesen. Die Goldkäufe der Zentralbanken hielten in diesem Jahr weiter an, obschon sie geringer ausfielen als in 2011, und die Goldbestände der börsennotierten Fonds (ETFs) sind seit Anfang dieses Jahres um 10% gestiegen.

Die ETF-Goldbestände belaufen sich zurzeit auf 2.156 Tonnen, nachdem im dritten Quartal dieses Jahres ein starker Zufluss in Höhe von 136 Tonnen verzeichnet werden konnte.

Doch diese positiven Faktoren – die in der Regel auch ein zentraler Bestandteil der Analysen der Investmentbanken sind – müssen den schwächeren Nachfragedaten aus Indien und China gegenübergestellt werden.

Indien, immer noch der weltgrößte Goldnachfrager, hatte in der ersten Jahreshälfte eine schwache Nachfrage zu verzeichnen, während die indischen Goldkäufe jüngst wieder an Fahrt aufnahmen.

Die Nachfrage Indiens ist zwischen September 2011 und September 2012 im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 28% zurückgegangen, was unter Verwendung der Kalkulationen des World Gold Council enormen 305,9 Tonnen entspricht.

Und auch die chinesische Nachfrage war enttäuschend. Sie ist im dritten Quartal auf 176,8 Tonnen gefallen, was gegenüber dem Vorjahresquartal einem Rückgang von 8% entspricht. In den ersten drei Quartalen 2012 ist die Nachfrage gegenüber dem Vorjahreszeitraum gerade einmal um 1% gestiegen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Goldpreis dieses Jahr durch seine positiven und negativen Einflussfaktoren in einer fixen Handelsspanne gehalten wurde.

Und diese Tatsache hat einige Analysten durcheinandergebracht. In einem Bericht heißt es, dass es ein lustloses Goldjahr war, obwohl für Zugewinne die „perfekte Ausgangslage“ da gewesen sei. Logisch, dass das aus einer der Goldpreisprognosen stammt, die China oder Indien und die physische Nachfrage dieser beiden Länder völlig ausgeblendet hatten.

Es scheint, als würden die geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen in den USA, die Zentralbankkäufe und das Investoreninteresse an den börsennotierten Goldfonds nicht ausreichen, um eine neue Goldrally anzuheizen.

Ein neues Kaufinteresse aus China und Indien würde mit Sicherheit hilfreich sein, doch ironischerweise ist es so, dass ein niedriger Goldpreis nötig sein könnte, um genau dieses Kaufinteresse anzufachen.

Die indische Goldnachfrage scheint preissensibel zu sein. Sie ist erheblich zurückgegangen, als der Goldpreis in indischer Rupie auf ein Allzeithoch schnellte, hat sich jüngst jedoch wieder erholt, als der Goldpreis nachgab und sich die Rupie wieder stabilisierte.

Bei den chinesischen Anlegern sieht es so aus, als würden sie es vorziehen, Gold während eines Aufwärtstrends zu kaufen oder immer dann, wenn sie sich über die inländische Inflation Sorgen machen.

Aktuell ist jedoch nichts dergleichen zu beobachten. Doch sollte es Gold gelingen, ein paar Monate an Zugewinnen auszuweisen, und eine stärkere chinesische Wirtschaft wieder die Inflationssorgen anfachen, könnte sich dieses Segment abermals als Stützung für das Edelmetall herausstellen.

Und, wie sieht es mit den Preisprognosen unserer sieben Goldanalysen aus?

In sechs der sieben Goldpreisprognosen wird mit höheren Preisen gerechnet, obwohl die erwarteten Zugewinne in 2013 laut Auffassung der Analysten eher moderat ausfallen werden. Im Grunde liegt das Preisziel im Bereich von USD 1.800 pro Unze.

Unter den Berichten findet sich eine ultrabullische Preisprognose, doch stammt sie von Analysten, die in der Vergangenheit über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg fortwährend danebenlagen. Sie rechnen mit einem Goldpreis von USD 2.000 pro Unze, wofür es aber eine von ihnen vorhergesagte US-amerikanische und europäische Währungsentwertung bedarf.

In einer Goldpreisprognose wird für 2013 mit einem leichten Rückgang gerechnet. Das war übrigens auch die einzige Bank, die beide Länder, China und Indien, als Preisfaktor erwähnte.

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