Schuldenbombe: Japan am Abgrund

Peter Schiff, Europac.net, 19.04.2013

In den Jahren, die auf die Finanzkrise folgten, sind bei den Ökonomen und Anlegern bezüglich der sehr hohen und anscheinend beharrlichen Staatsverschuldung Ruhe und Zufriedenheit eingezogen. Diese Lässigkeit dürfte durch noch die Auffassung verstärkt worden sein, dass die bedeutendsten Länder, die ihre eigenen Währungen drucken können, einer Schuldenkrise nicht zum Opfer fallen können. Jetzt sieht es aber ganz danach aus, als würde sich Japan gerade darauf vorbereiten, genau diese Auffassung dem ultimativen Stresstest zu unterziehen.

Den überwiegenden Teil der letzten 20 Jahre haben die verschiedenen Regierungen Japans und die japanischen Zentralbanker erfolglos versucht, die geplatzte Blase bei den Vermögenswerten mittels quantitativer Lockerungsmaßnahmen wieder aufzupumpen. Im Großen und Ganzen hat die Wirtschaft darauf nicht reagiert.

Das anhaltende und beeindruckende Wachstum, das Japan während der 45 Jahre, die auf den Zweiten Weltkrieg folgten, vorweisen konnte – und das eines der größten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten aller Zeiten ist –, ist nie zurückgekehrt. Die letzen 20 Jahre hat Japan nur eine „Zombie“-Wirtschaft vorweisen können, die durch schwaches Wirtschaftswachstum, Stagnation und explodierende Staatsschulden geprägt war.

Die japanische Regierung hat mittlerweile rund USD 12 Billionen an Staatsschulden aufgetürmt – das sind mehr als 200% des japanischen BIP. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass diese Zahl bis Jahresende die Marke von 245% erreichen wird. Damit hält Japan unangefochten den Titel des höchsten Staatschulden/BIP-Verhältnisses.

Aber Shinzō Abe, der neue japanische Premierminister, und Haruhiko Kuroda, sein neu ernannter Gouverneur der Bank von Japan, sind der Auffassung, dass noch viel mehr Schulden aufgelegt werden müssten, um bei der Wirtschaft das Ruder herumzureißen.

Die Hoffnung ist, dass Abe eine neue Art von Premierminister ist, der eine neue, mutige Wirtschaftsstrategie verfolgt, die dabei hilft, den japanischen Aktienmarkt wiederzubeleben. Zwischen Mai und November 2012 notierte der Nikkei noch in einer Handelsspanne von 8.200 bis 9.400 Punkten. Als dann damit gerechnet wurde, dass Abe die Wahl gewinnt, begann der Nikkei eine Rally und kletterte bis zu Abes Amtseinführung am 26.12.2013 auf die Marke von 10.000 Punkten. Die Euphorie hielt weiter an und am 02.04.2013 stand der Nikkei bereits bei 12.003 Punkten.

Am 04.04.2013 legte der Gouverneur der japanischen Notenbank, Kuroda, nach und verkündete den Plan, den Jahren leicht sinkender Preise, koste es, was es wolle, ein Ende zu bereiten und eine Inflation von 2% zu schaffen. (In Wirklichkeit waren die Preisrückgänge aber eines der wenigen Dinge, über die sich die japanischen Verbraucher noch freuen konnten.)

Um ihre Ziele zu erreichen, ist die japanische Regierung nun bereit, die Menge an in Umlauf befindlichen Yen zu verdoppeln. Die Aktien stiegen umgehend, und in weniger als einer Woche durchbrach der Nikkei die Marke von 13.000 Punkten und kletterte auf ein Viereinhalb-Jahres-Hoch. Es ist sehr selten, dass große Aktienmärkte in weniger als zwölf Monaten eine Rally von 50% hinlegen können. Aber diese Rally wird Japan sehr teuer zu stehen kommen.

Die japanische Regierung gibt heute bereits 25% aller Steuereinnahmen für den Schuldendienst aus (in den USA sind es 6%). Diese Kosten wirken noch atemberaubender, wenn man bedenkt, dass Japan aktuell extrem niedrige Zinssätze hat. Der Zinssatz für die zehnjährige japanische Staatsanleihe notiert bei knapp über 0.2%.

Wie werden die Kosten für den Schuldendienst aussehen, sollte Abe seine Ziele erreichen und er die Inflation tatsächlich auf 2,0% hieven können? Zinssätze in Höhe von 2% würden die langfristigen Finanzierungskosten der japanischen Regierung verdreifachen. Angesichts des Ausmaßes der Staatsverschuldung könnten Zinsanstiege dieser Größenordnung mit der Gewalt von 10 Godzillas auf Japan einschlagen.

Japan hat eine alternde Bevölkerung, und umso mehr Zeit vergeht, desto stärker geht die Zahl potenzieller Anleihekäufer zurück. Im Gegensatz zu den USA, wo die privaten Sparer im Staatsanleihemarkt praktisch keine Rolle spielen, sind es Japan vornehmlich die Privatanleger, die beim Anleihemarkt bestimmen, wo es langgeht. Es gibt Hinweise, die nahelegen, dass die japanischen Sparer nun in zunehmendem Maße nach renditestarken Auslands-Investments Ausschau halten, um sich vor der Inflation zu schützen, die Abe so händeringend schaffen will.

Und während der Nikkei stieg, schlug der japanische Yen genau die entgegengesetzte Richtung ein. Er ist gegenüber dem US-Dollar seit Anfang 2012 um über 20% gefallen. Allein in diesem Jahr lag der Rückgang bei fast 12%, und gegenüber verschiedenen anderen Währungen fiel der Rückgang sogar noch stärker aus.

Ein solch starker Einbruch – der von den nominellen Zugewinnen am japanischen Aktienmarkt einen riesigen Teil weggefressen hat – ist an den Devisenmärkten äußerst ungewöhnlich, und er drohte, das bereits angeschlagene weltweite Finanzsystem noch stärker zu schwächen.

Aufgrund dessen fand dieses Jahr sogar schon ein heftiger medialer Schlagabtausch statt. Am 16.02.2013 warnten die Teilnehmer des G20-Treffens in einer Erklärung – die ganz eindeutig auf Japan abzielte – vor einem Abwärtswettlauf und Währungskriegen. Einen Tag später erklärte der japanische Finanzminister rundheraus, dass Japan nicht versuchen würde, die eigene Währung zu manipulieren. Nach einigem Zögern hatten die G20-Teilnehmer seine Erklärung dann auch akzeptiert.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sieht es so aus, als wären die internationalen Mächte im Hinblick auf Japan ins Hintertreffen geraten. Die IWF-Chefin Christine Lagarde und Ben Bernanke haben beide die Politik von Shinzō Abe gelobt. Die vorherrschende Auffassung scheint zu sein, dass eine Schwächung der Währung nicht als Manipulation aufzufassen ist, solange man dies in der Absicht tut, die inländische Wirtschaft zu stärken, und dabei nicht absichtsvoll darauf aus ist, Konkurrenten zu schädigen. Derartige Äußerungen dürften jedoch an rhetorischer Schamlosigkeit kaum zu überbieten sein.

Neben seinen inflationären geldpolitischen Plänen versucht Abe, den Krieg auch von finanzpolitischer Seite her zu führen. Seine liberaldemokratische Partei fordert ein staatliches Konjunkturbelebungsprogramm in Höhe von über USD 2,4 Billionen innerhalb der kommenden zehn Jahre. Das entspricht rund 40% des japanischen BIP. Übertragen auf die USA, würde dies jährlichen Staatsausgaben von rund USD 600 Milliarden entsprechen.

Für jeden, der auch nur ein klein wenig selber denken kann, dürfte offenkundig sein, dass die früheren japanischen Experimente mit immer größeren Dosen an quantitativen Lockerungen gescheitert sind. Nichtsdestotrotz setzten die Führer Japans und der USA diesen Kurs unerbittlich fort.

Laut Abe ist den fallenden Verbraucherpreisen, die pro Jahr um 0,1% zurückgehen, die Schuld an allen Problemen der japanischen Wirtschaft anzulasten. Wenn die japanischen Verbraucher nur irgendwie gezwungen werden können, zwei Prozent pro Jahr mehr zu zahlen, um sich die Dinge, die sich möchten, zu kaufen, dann wäre alles wieder in Ordnung.

Aber vielleicht ist Abes Wunsch ja bereits Realität geworden. McDonald´s gab jetzt bekannt, dass man in Japan erstmals seit fünf Jahren die Preise für Hamburger und Cheeseburger um 20% bzw. 25% anheben wird. Mit Sicherheit werden die Japaner jetzt alle in die Restaurants stürmen, um all die Hamburger und Cheeseburger zu essen, die sie eigentlich in 2014 essen wollten, bevor es zu erneuten Preiserhöhungen kommt. Und natürlich macht sich von staatlicher Seite her überhaupt niemand Sorgen darüber, dass die einkommensschwachen Japaner für preiswerte Lebensmittel nun ebenfalls mehr zahlen werden.

Die Abes Plan zu Grunde liegende Idee – dass steigende Preise den Verbraucher dazu veranlassen, die Güter zu kaufen, bevor die Preise abermals steigen – ist äußerst fraglich, da die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten ganz klar dafür sprechen, dass die Nachfrage steigt, wenn die Preise fallen. Jeder Ladenbesitzer kann Ihnen erklären, dass es keine bessere Methode als Preissenkungen gibt, um die Geschäfte anzukurbeln.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie Abe eigentlich darauf kommt, dass die japanischen Verbraucher mehr kaufen, wenn ihre Währung an Kaufkraft verliert und ein größerer Teil ihrer Einkommen dafür aufgewendet werden wird, die Zinsen für die Staatsschulden zu bedienen.

Im Hinblick auf die Fähigkeit, durch Schuldenanhäufung die Wirtschaft wiederzubeleben, dürfte der kühne Plan Abes dem Rest der Welt einen Crash-Kurs bescheren. Die gute Nachricht ist, dass es wohl nicht allzu lange dauern wird, bis die Auswirkungen dieser Politik zum Tragen kommen. Ich gehe davon aus, dass wir schon bald eine lehrreiche Lektion bezüglich der Grenzen der Inflation als wirtschaftlichem Allheilmittel sehen werden.

Hoffentlich wird das Scheitern dieses jüngsten japanischen Experiments die Führer in den USA und Japan davon überzeugen, dass der einzige richtige Weg zu wirtschaftlichem Wohlergehen die freie Marktwirtschaft ist. Anstatt zu versuchen, geplatzte Blasen zu reflationieren und Wirtschaftserholungen im Stile Keynes bis ins kleinste Detail zu steuern, sollten die Politiker und Zentralbanker besser einsehen, dass sie eine erhebliche Rolle bei der Schaffung der Probleme spielen, und einfach aus dem Weg gehen und die Wirtschaft machen lassen.

Weitere Artikel zu diesem Thema