Mini-Crash am Goldmarkt: Warum Gold endlich mal etwas Stärke zeigen müsste

Wer steckt hinter den Abverkäufen vom Montag und Dienstag? Zentralbanken, Investmentbanken? Der Mini-Crash am Goldmarkt zu Beginn dieser Woche zeigt jedenfalls, wie anfällig das gelbe Metall zurzeit ist. Die Short-Covering-Rally aufgrund der Flugzeugkatastrophe vom Donnerstag ändert daran wenig

David Chapman, MGI Securities, 18.07.2014

Es war ein ziemlicher Schreck, als ich am Montag den 14.07.2014 aufwachte und feststellen musste, dass Gold im Übernachthandel um rund USD 30 pro Unze gefallen war – das war der größte Tagesrückgang bei Gold in 2014. Und der Rückgang setzte genau zu dem Zeitpunkt ein, wo es so aussah, als würde Gold das Niveau von USD 1.340/1.350 pro Unze knacken und die März-Hochs im Bereich von USD 1.380 pro Unze testen. Aber es kam anders.

Was geschah? Der Tageschart von Gold war leicht überkauft, aber auf Wochenbasis gab es noch bedeutend Raum nach oben. Am Wochenende gab es keinerlei besondere Meldungen oder Ereignisse, die den Abverkauf ausgelöst haben könnten. Der Preisrutsch setzte 02:00 Uhr morgens (New Yorker Zeit) ein, als in London ein Verkäufer von Gold-Futures in den Markt einstieg und den Goldpreis von USD 1.330 auf USD 1.320 pro Unze drückte. Später, kurz vor Handelsbeginn in New York, gab es noch einen größeren Preisrutsch, als irgendwer rund USD 1,37 Milliarden an Gold-Futures auf den Markt warf und den Goldpreis dadurch auf fast USD 1.300 pro Unze drückte. Das Handelsvolumen schoss bei jedem dieser Preisrücksetzer in die Höhe.

Es gab nur wenige Erklärungen dafür. Sicher, die Probleme in Portugal rund um die Banco Espirito Santo schienen unter Kontrolle und sie versuchten auch gerade, einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas zu erzielen – aber im Grunde gab es keine bedeutenden Meldungen, die den Markt so stark in die Tiefe treiben würden. Es gab keinen anderen Markt, der ähnliche Kursbewegungen vollzog.

Und es ging weiter: Am Dienstag den 15.07.2014 erklärte die Fed-Vorsitzende Janet Yellen allen, dass die US-Wirtschaft „okay“ sei. Sie wollte aber nicht zu viel Enthusiasmus verbreiten und deutete an, dass die US-Notenbank ihre lockere Geldpolitik beibehalten würde und die Zinssätze auf absehbare Zeit unten blieben. Und während sich das alle in Ruhe anhörten, wurden weitere 17.000 Gold-Futures im Wert von rund USD 2,3 Milliarden auf den Markt geworfen. Das geschah um 11:00 Uhr New Yorker Zeit und sorgte für einen Goldpreisrückgang auf rund USD 1.290 pro Unze.

Und wie üblich erfolgte auch dieser Abverkauf zu einem Zeitpunkt, wo das Handelsvolumen gering war und der Markt nur wenig Widerstand leistete. Dass der Markt nur um USD 16 bis USD 20 pro Unze fiel, dürfte hingegen als Überraschung zu werten sein, wenn man bedenkt, dass dieser Abverkauf noch größer ausfiel als der vom Vortag.

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Die Kommentatoren in den Medien begründeten den Abverkauf am Dienstag wenig überraschend damit, dass Yellen keine so lockere Geldpolitik nahegelegt hätte, wie erwartet worden war. Aber wenn man über diese Erklärung nachdenkt, merkt man schnell, dass das Schwachsinn ist. 5 Jahre nach einem der schwersten Finanz-Zusammenbrüche der Geschichte ist die Weltwirtschaft bestenfalls schwach und steht schlimmstenfalls schon wieder vor der nächsten Krise. Das konnte den US-Aktienmarkt aber nicht davon abhalten, auf Allzeithochs zu steigen – angeheizt durch abnormal niedrige Zinssätze und getragen von einer Flut an Liquidität, die von der US-Notenbank und anderen Zentralbanken in Europa und der Bank von Japan bereitgestellt wurde.

Aber vielleicht handelte es sich beim Gold-Abverkauf ja um „Manipulation“? Nein, die jüngsten Abverkäufe waren nicht so massiv wie die Abverkäufe vom 12.04.2013 und 15.04.2013, als Gold-Futures im Wert von über USD 23 Milliarden auf den Markt geworfen wurden, woraufhin eine Panik einsetzte, die Gold USD 200 pro Unze in die Tiefe trieb. Dennoch gehören die Abverkäufe von Anfang dieser Woche mit zu den dramatischsten der Goldgeschichte.

Ich habe auch nirgends eine vollständige Erklärung gesehen, wer das damals gewesen war und warum. Die Tatsache, dass die Verkäufe im April 2013 und auch die jüngsten Verkäufe zu Beginn dieser Woche in großen Blöcken erfolgten, und das in einem Markt mit geringen Handelsvolumen, deutet darauf hin, dass es sich um einen einzelnen Verkäufer gehandelt hat. Kein Marktteilnehmer, der so groß ist, dass er einen Markt bewegen kann, würde normalerweise so handeln und eine Panik auslösen, außer es wäre Absicht.

„Manipulation“ ist natürlich ein problembeladenes Wort, was Finanzmärkte anbelangt. Die Anleger wiegen sich ja gerne in dem Glauben, dass der Markt nicht zum Wohle einiger weniger und zum Schaden der meisten manipuliert wird. Aber die „Manipulation“ scheint allgegenwärtig zu sein, ganz gleich, ob wir uns den Aktienmarkt, die Rohstoffmärkte oder den Goldmarkt anschauen.

Einige der größten und bekanntesten Investmentbanken der Welt mussten für die Manipulation des LIBOR-Markts, der Währungsmärkte, des Energiemarkts und des Subprime-Hypothekenmarkts Strafzahlungen in Milliardenhöhe leisten. Und wie üblich kommt es dabei nie zu Geständnissen oder Verhaftungen – stattdessen werden einfach nur Strafen in Milliardenhöhe gezahlt. Die Strafen sind aber oftmals nur ein Bruchteil der von ihnen realisierten Gewinne, und das legt nahe, dass die Strafzahlungen im Grunde wie „Betriebskosten“ behandelt werden.

Also: Steckt eine große Investmentbank hinter dem jüngsten Abverkauf bei Gold? Ich weiß es nicht. Ein Name fällt ständig: JP Morgan Chase. Es wird davon ausgegangen, dass diese Bank am Gold-Futures-Markt riesige Short-Positionen hält. Aber warum sollten sie oder andere Marktteilnehmer das tun?

Eine mögliche Erklärung, die in der Vergangenheit immer wieder angeführt wurde, ist, dass sie so physisches Gold zu niedrigeren Preisen kaufen können, um ihre Positionen bei Gold-Leasing-Geschäften einzudecken. Es hieß bereits vor Jahren, dass es bei den Zentralbanken aufgrund von Gold-Leasing-Geschäften riesige Short-Positionen geben könnte. Könnte es sein, dass die Zentralbanken ihr Gold zurückverlangen und jetzt versucht wird, das physische Gold für kleines Geld zurückzukaufen?

Es gibt noch weitere Gerüchte, die um die US-Notenbank selbst kreisen, obwohl es eigentlich wahrscheinlicher wäre, dass die Fed über Stellvertreter handeln würde. Man hat herausgefunden, dass die Fed im Ausland über Stellvertreter als riesiger Käufer von US-Staatsanleihen auftritt, und das obwohl aktuell geldpolitische Straffungsmaßnahmen durchgeführt werden. Im Ergebnis hat die US-Notenbank in 2014 rund 80% aller neu ausgegebenen US-Staatsanleihen aufgekauft.

Ja und wenn sie für ihre Anleihekäufe Stellvertreter nutzt, könnte sie ja auch für den Abverkauf von Gold-Futures Stellvertreter nutzen. Und auch andere Zentralbanken könnten involviert sein.

Ja selbst Länder wie China und Russland, deren Zentralbanken als große Goldkäufer aufgetreten sind, sind verdächtigt worden. Ein niedriger Goldpreis würde es ihnen erlauben, noch mehr physisches Gold zu niedrigen Preisen zu kaufen.

Es könnte sogar sein, dass das US-Finanzministerium über verschiedene Stellvertreter und den Exchange Stabilization Fund (ESF – das sogenannte „Plunge Protection Team“) dahintersteckt. Zu zeigen, dass Gold ein sinnloses Investment und ein barbarisches Relikt ist, würde den USA schon gut in den Kram passen, wo einige derzeit ja eine neue goldgedeckte Reservewährung fordern.

Könnte der Goldpreis noch weiter fallen? Ja. Ein Goldpreisrückgang auf USD 1.280 pro Unze würde nahelegen, dass ein abermaliger Test des Niveaus von USD 1.240/USD 1.250 pro Unze folgt. Würde Gold unter dieses Niveau absinken, speziell unter USD 1.220 pro Unze, wäre ein Test des Juni- und Dezember-Tiefs des Vorjahres die Folge. Ein drastischer Einbruch unter die Marke von USD 1.180 pro Unze könnte eine Panik und einen Abverkauf auslösen, der das gelbe Metall auf USD 1.100 oder gar USD 1.000 pro Unze treibt.

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All das fällt natürlich in die „könnte passieren“-Kategorie. Ob es tatsächlich passieren wird, ist eine andere Frage. Das weiß niemand. Die Zyklen legen jedenfalls nahe, dass das finale Tief bei Gold eigentlich schon etabliert sein müsste.

Bin ich bärisch bezüglich Gold? Nun ja, kurzfristig muss man auf alle Fälle vorsichtig sein, denn es könnte zu einem weiteren Debakel im Stile von April 2013 kommen. Vielleicht bedeutet aber bereits die Angst vor einem weiteren Einbruch wie im April 2013, dass es dazu nicht mehr kommen wird. Das könnte sich aber auch als Wunschdenken herausstellen. Langfristig bin ich bezüglich Gold ziemlich bullisch, weil viele Makrofaktoren, die Gold 2011 auf USD 1.900 pro Unze trieben, in Wirklichkeit immer noch da sind. Diese Faktoren sind nicht verschwunden, sondern stattdessen nur noch schlimmer geworden.

Der Aktienmarkt ist laut verschiedener Gradmesser überbewertet. Viele glauben, dass die heutigen Bewertungen an den Aktienmärkten höher sind als vor dem Finanzcrash von 2008. In einigen Fällen geht man sogar davon aus, dass die Aktienbewertungen bereits das Niveau des Jahres 2000 vor dem Crash der Internet- und Technologieblase erreicht haben. Und es scheint, als würde selbst Warren Buffet den Markt für überbewertet halten.

Die Kommentare der Fed-Vorsitzenden Janet Yellen zum Aktienmarkt hören sich verdächtig nach den Kommentaren von Alan Greenspan an, der 1996 von „irrationalem Überschwang“ sprach. Und während es Hinweise darauf gibt, dass das Smart Money aus dem Aktienmarkt aussteigt, fließen nach wie vor große Summen in den Aktienmarkt, weil die Leute glauben, dass sie dort involviert sein müssen oder ansonsten weitere Anstiege verpassen.

Die weltweite Verschuldung ist heute höher als vor der Finanzkrise von 2008. Das Schulden/BIP-Verhältnis der Staaten, das Schulden/Staatseinnahmen-Verhältnis und das Gesamtverschuldungs/BIP-Verhältnis (Staatsschulden, Unternehmensschulden und Privatschulden) sind heute höher als in 2007. Japan ist am schlimmsten, aber die USA sind auch nicht allzu weit dahinter. In der Europäischen Union kommt es ganz darauf an, welches der einzelnen Länder man sich anschaut. Großbritannien weist aber die höchste Verschuldung auf – dort ist die Verschuldung noch höher als in Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal. Aber Großbritannien kann die Schulden besser absorbieren. Ist doch so oder?

Die Austeritätsmaßnahmen in Großbritannien und in anderen Ländern sind nicht akzeptiert worden und es kommt zu immer mehr sozialen Unruhen und einem Anstieg bei fremdenfeindlichen rechten Parteien – das sind die Nebenwirkungen der weltweiten Finanzkrise. Das BIP-Wachstum basierte seit dem Jahr 2000 (oder noch früher) praktisch ausschließlich auf den riesigen Schuldenanstiegen und geht nicht etwa auf eine gute Performance der einzelnen Wirtschaften zurück.

China ist hier die einzige Ausnahme, aber selbst China und andere Schwellenmärkte haben sich im Hinblick auf das Wachstum ihrer Wirtschaften mittlerweile auf das Schuldenmachen zurückgezogen. Die weltweiten Schuldenniveaus sind so stark gestiegen, dass einige Behördenvertreter bereits davon sprechen, dass ein weiterer Zusammenbruch im Stile von Lehman Brothers einsetzen könnte.

Und dann haben wir ja noch den Finanzderivatemarkt, der sich auf über USD 1 Billiarde belaufen dürfte. Der Finanzderivatemarkt bleibt weiterhin ein undurchschaubarer Faktor, der das globale Bankenwesen zu Fall bringen könnte. Ein teilweiser Zusammenbruch des Derivatemarkts könnte bereits ausreichen, um das Kapital zahlreicher globaler Banken auszulöschen.

Die Hebel der globalen Großbanken liegen nach wie vor 20%, 30% oder noch stärker über den Niveaus, die vor dem Finanzcrash von 2008 verzeichnet wurden. Die großen Investmentbanken, die die Ursache für den Finanzcrash von 2008 waren und dann mit Steuerzahlergeldern gerettet wurden, haben sich bisher erfolgreich gegen Reformen gewehrt.

Die weltweite geopolitische Lage ist weiterhin fragil. Die Kriege und Streitigkeiten können zwar wieder von den Titelseiten verschwinden, werden dann im Hintergrund aber einfach weitergehen. Russland/Ukraine, Israel/Palästina, Syrien/Irak, Libyen und China/Japan/USA sind aktuell die schlimmsten Unruheherde. Die Angst ist, dass sich die Kriege und Streitigkeiten weiter ausbreiten oder irgendwo ein Ereignis eintritt, das einen größeren Konflikt ins Rollen bringt.

Die Sanktionen gegen Russland weiter zu verschärfen, mag in den USA und in der EU vielleicht gut ankommen, aber andere Länder weigern sich, bei diesem Spiel mitzumachen. Russland ist die achtgrößte Wirtschaft auf dem Planeten und verfügt mit China und den anderen BRICS-Ländern über die Fähigkeit, den USA und dem Westen wirtschaftliche Probleme zu bereiten.

Aber wie gesagt, die geopolitischen Konflikte müssen einfach nur von der Titelseite verschwinden und schon haben alle vergessen, dass sie überhaupt stattfinden – bis sie dann wieder hochkochen.

Bei Gold kam es zu einem Mini-Crash, der aus unbekannten Gründen von unbekannten Parteien initiiert wurde. Ein Ereignis wie der Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs über der Ostukraine am Donnerstag könnte für eine Short-Covering-Rally sorgen. Aber danach könnte es wieder zu einem weiteren „Abverkauf“ kommen. Das ist auch der Grund, warum es für Gold so wichtig ist, dass es die entscheidenden Widerstandsmarken durchbricht und die Bären richtig in die Flucht schlägt.

Die entscheidenden Widerstandslinien verlaufen bei USD 1.380 pro Unze (das März-Hoch), USD 1.430 pro Unze (das August-Hoch von 2013) und USD 1.550 pro Unze (dem Preisniveau vor dem Einbruch im April 2013). Solange diese Widerstände nicht geknackt werden, befindet sich Gold in einem Bärenmarkt und es besteht das Risiko, dass Gold von unbekannten Marktteilnehmer nach unten „manipuliert“ wird.

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