Euro-Crash: Wahlen sind die größte Gefahr für den Euro

Daniel Amerman, Danielamerman.com, 23.04.2015

Es gibt eine beträchtliche Chance, dass der Euro irgendwann in den nächsten Jahren zusammenbrechen wird, und das wird weltweite Auswirkungen auf die Beschäftigung, das Wirtschaftswachstum und die Investmentmärkte haben. Und die größte direkte Gefahr ist dabei nicht einmal das Geld, die Schulden, eine potentiell immer schneller herannahende Pleite Griechenlands oder ein Scheitern der Geldpolitik der EZB – sondern es ist etwas viel einfacheres.

Das Risiko sind die Wahlen in der Eurozone. Das ist die mittelfristig existentielle Bedrohung für den Euro und das weltweite Finanzsystem. Also wenn die Wähler nicht mehr das tun, was die Status-Quo-Politiker, die Medien und die Banker von ihnen verlangen.

Und es ist genau das, was wir derzeit bei der aktuellen Folge der Griechenland-Krise beobachten können.

Der griechische Staat hat jetzt die Finanzreserven der griechischen Gemeinden eingezogen. Es ist ein letzter verzweifelter Versuch, Geld aufzutreiben, und laut der New York Times könnte die Europäische Zentralbank sogar eine Liquiditätskrise auslösen, indem sie bei den Notkrediten für griechische Banken die Anforderungen für die Kreditsicherheiten erhöht.

Es waren aber nicht die enormen Schulden Griechenlands oder die aus den Austeritätsprogrammen resultierende wirtschaftlichen Schäden, die diese Krise ausgelöst haben. Diese Probleme bestanden schließlich schon seit Jahren und die Lage war mehr oder weniger stabil gewesen.

Die Krise wurde durch die Wähler in Griechenland ausgelöst, die sich dazu entschlossen, eine links außen stehende Partei zu wählen, da sie von der Austeritätspolitik die Nase voll hatten.

Die Hauptgefahren sind daher politischer Natur, und diese Risiken brauen sich derzeit in vielen Ländern Europas zusammen, und es könnte sein, dass wir diesbezüglich erst am Anfang stehen.

Die Achillesferse des Establishments

Was im Hinblick auf den Euro allzu oft vergessen wird, ist, dass der Euro keine „normale“ Währung ist, sondern ein riesiges wirtschaftliches und politisches Experiment. Eine Wirtschaftsunion die keine echte politische Union ist, ist von Natur aus instabil, und das wusste man auch schon bei der Schaffung des Euros. Man ist jedoch davon ausgegangen, dass es einen fortwährenden, irreversiblen und unvermeidlichen Prozess in Richtung einer politischen Union geben würde, wodurch die Wirtschaftsunion weiter zementiert würde und ein „normaler“ Euro entstünde, der mit dem US-Dollar um den Status der Weltreservewährung in Wettstreit treten könnte.

Ich hatte ja in der Vergangenheit bereits ausgeführt, dass eine griechische Staatspleite oder ein Austritt aus der Eurozone keineswegs in Stein gemeißelt sind. Wir müssen hier ja bedenken, dass Veränderungen bei dem Bankwesen, den Buchhaltungsstandards, den monetären Regeln und den Gesetzen zur Vermeidung eines Zusammenbruchs beträchtlich leichter zu realisieren sind, als sich um die Folgen eines Zusammenbruchs zu kümmern, nachdem er tatsächlich eingetreten ist.

Und es ist auch sehr wichtig, dass wir uns hier noch einmal in Erinnerung rufen, dass die Zentralbanken dank der Fähigkeit, Geld zu schaffen, über eine im Grunde unbegrenzte Menge an Geld verfügen, mit der sie arbeiten können.

Dank dieser Fähigkeiten ist das aktuelle Narrativ der Massenmedien ja auch, dass die Schutzmechanismen mehr als ausreichend sind, sollte das „kleine“ Griechenland die Zahlungsunfähigkeit ausrufen. Das ist auch der Grund, warum die verschiedenen Marktteilnehmer eine bedeutende Finanzkrise bisher nicht eingepreist haben.

Ob diese Schutzmechanismen auch mit einem Spanien klarkämen, dass sich bei den bevorstehenden Wahlen für Pablo Iglesias von der Partei Podemos entscheidet (deren Version des griechischen Tsipras), steht aber auf einem ganz anderen Blatt.

Und wenn wir uns so umschauen, stellen wir fest, dass diese Verteidigungsmechanismen eine klaffende Lücke aufweisen – eine Lücke, die direkt bis zum Kern der Prämissen führt, die der Schaffung des Euros zu Grunde liegen.

Es gibt die Annahme, dass die Welt dem politischen Weg folgen wird, der dem Narrativ entspricht, das derzeit von der vorherrschenden Machstruktur der Medien, der Politik und der Finanzwelt verbreitet wird. Bei diesem Narrativ geht es darum, dass die politische Mitte Europas immer halten wird – denn über eine Alternative dazu braucht man nicht einmal nachdenken.

Wie wir derzeit jedoch in Echtzeit mitverfolgen können, scheinen die Entwicklungen in Wahrheit in die andere Richtung zu gehen. Gegenwärtig findet bei der europäischen Politik eine Polarisierung statt und es ist ein schneller Machtaufsteig bei den rechts- wie auch linksradikalen Parteien zu beobachten – und zwar auf Kosten der politischen Mitte.

Die aktuelle Krise in Griechenland ist ein Beispiel dafür, aber sie ist nur ein Aspekt des Problems. Es brauchte nur eine politische Wahl einer linksradikalen Partei eines winzigen Landes – und schon verwandelte es sich direkt zu einer Krise für die Eurozone. Und dies könnte zu etwas führen, das ja als unmöglich galt – dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone, dem sogenannten Grexit.

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So, und nun stellen Sie sich mal vor, was passiert, wenn der Front National in Frankreich eine Wahl gewinnt oder irgendwie in die Regierung kommt, oder wenn eine andere „rechtsradikale“ Partei irgendeines anderen Eurolandes derartige Erfolge erzielen sollte. Und dann haben wir ja noch eine linksradikale Partei in Griechenland (oder Spanien), die im Grunde einen Schuldenerlass fordert, damit der Euro nicht vernichtet wird. Und auf der anderen Seite des Verhandlungstischs sitzt dann ein neu eingesetzter Führer ein Rechtsaußen-Partei, der gewählt wurde, damit sein Land aus dem Euro austritt und der Flut der Zuwanderer Einhalt geboten wird.

Ja wie würde dieses Szenario im Rahmen des großen Experiments namens Euro ausgehen? Bei der EU-Wahl im Mai 2014 haben die rechts- und linksgerichteten Parteien rund 40% der Stimmen gewonnen, und das war vor der Wahl in Griechenland, vor dem Aufstieg des Islamischen Staats, vor dem drastischen Anstieg der Terroranschläge und vor dem jüngsten starken Anstieg bei den Immigranten, die aus Nordafrika mit Booten übers Mittelmeer kommen. Das Einzige, was es braucht, sind weitere 11% und schon ist die politische Mitte verloren, und zwar mit all ihren weitverbreiteten Annahmen über die Zukunft.

Es braucht nur eine Wahl

Das Wichtigste, was wir aus der aktuellen Griechenland-Krise lernen können, sind weder die unmittelbaren Auswirkungen der Krise noch die Effektivität der Finanz-Verteidigungsmechanismen, die vielleicht tatsächlich in der Lage wären, kurzfristig irgendwelche Schäden abzuwenden.

Worum es wirklich geht, ist, dass die aktuellen Machthaber völlig machtlos sind, die Krise zu stoppen.

Obama, Kerry, Merkel, Hollande und Cameron hatten keinerlei Möglichkeiten, die Wahlergebnisse in Griechenland zu ändern. Und Yellen und Draghi können das auch nicht. Die New York Times und die Washington Post können das ebenfalls nicht. Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Stanley können das auch nicht, genauso wenig wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank.

Wir haben also diese enorm mächtige Gruppe von Finanzinstitutionen, Regierungen, Medien und internationalen Organisationen, und alle sind völlig machtlos, wenn es darum geht, den Auslöser der aktuellen Krise zu stoppen – nämlich einfach bloß ein Land, das Wahlen abhielt. und es passte ja dann auch (egal wie man zu dem Wahlergebnis steht), dass das in dem Land stattfand, wo die Wiege der Demokratie ist.

Und das verrät uns zwei Dinge:

1. Die Schutzmechanismen zur Bewahrung der Finanzstabilität der Eurozone basieren und basierten schon immer auf einem politischen Konsens.
2. Griechenland hat unter Beweis gestellt, dass dieser politische Konsens eine Annahme ist, die sich der Kontrolle entzieht.

Es handelt sich jetzt bewiesenermaßen um eine echte Wild-Card, die das gesamte Kartenhaus zum Einsturz bringen kann.

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