Die nächste große europäische Finanzkrise hat begonnen

Michael Snyder, The Economic Collapse, 16.06.2015
(in Auszügen)

Das griechische Finanzsystem ist gerade dabei, vollständig zu implodieren, und der Rest Europas wird schon bald folgen. Weder die Griechen noch die Deutschen sind bereit, Eingeständnisse zu machen – und das heißt, dass nur sehr wenig Aussicht darauf besteht, dass es bis Ende Juni zu einer Schuldenvereinbarung kommen wird. Und das heißt wiederum, dass wir wahrscheinlich einen Zahlungsausfall bei griechischen Staatsschulden und wohlmöglich sogar einen Austritts Griechenlands aus der Eurozone erleben werden.

Die Kreditausfallversicherungen für griechische Schulden sind seit Anfang dieses Jahres bis heute um 456% gestiegen, und der Markt hat eine 75%ige Chance eingepreist, dass es zu einem Zahlungsausfall Griechenlands kommen wird. Der Zinssatz für die 2-jährige griechische Staatsanleihe ist innerhalb der letzten 30 Tage von 20% auf über 30% in die Höhe geschossen, während der griechische Aktienmarkt allein in den letzten drei Handelstagen über 13% abgeben musste. So sieht ein Finanzkollaps aus – und sollte Griechenland den Euro verlassen, wird es überall in Europa zu dieser Art von Gemetzel kommen.

Europaweit sprechen die Regierungsvertreter mittlerweile offen darüber, dass man sich auf einen „Notstand“ einstellen müsse, nun wo die Verhandlungen in sich zusammengebrochen sind. Einst galt es noch als völlig undenkbar, dass Griechenland den Euro verlässt, aber jetzt scheint es so zu sein, dass genau das passieren wird, sollte nicht irgendein Wunder geschehen:

„Griechenland befindet sich auf dem Weg in einen Notstand und in Richtung eines Euro-Austritts, nachdem die Gespräche, um sich auf einen Rettungs-Deal zu einigen, zusammengebrochen sind, so die Warnung eines leitenden EU-Vertreters letzte Nacht.

Europa müsse sich darauf vorbereiten, einzuschreiten, da die griechische Gesellschaft andernfalls mit einer beispiellosen Krise konfrontiert sein wird, bei der es zu Stromausfällen, Arzneiverknappungen und fehlenden Geldern, um die Gehälter der Polizei zu zahlen, kommt, so der EU-Vertreter.“

In der Vergangenheit hatte Griechenland unter Druck immer nachgegeben. Aber die neue griechische Regierung wurde mit dem Mandat gewählt, der Austerität ein Ende zu bereiten, und bisher haben sie sich diesbezüglich bemerkenswert entschlossen gezeigt. Damit es zu einer Schuldenvereinbarung kommt, muss eine der beiden Verhandlungsseiten nachgeben, und aktuell sieht es nicht so aus, als würden dass die Griechen sein.

„Die weltweiten Finanzmärkte sind nun mit der Aussicht konfrontiert, dass Griechenland schon bald das erste Land werden könnte, dass aus der europäischen Einheitswährung fliegt. Die Gespräche zwischen Athen und den Geldgebern der Eurozone sind verbittert geplatzt – und das nur wenige Tage vor der finalen Deadline für Griechenland, um an die EUR 7,2 Milliarden an Rettungsgelder zu kommen, die benötigt werden, um einen katastrophalen Zahlungsausfall zu vermeiden.

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras beschuldigtet die Geldgeber ´politischer Motive`, wenn sie von Griechenland fordern, weitere Einschnitte bei den staatlichen Rentenzahlungen zu machen, damit das Land Finanzhilfen erhält. `Wir schultern die Würde unseres Volkes und die Hoffnungen der Menschen in Europa`, so Tsipras in einer trotzigen Erklärung. `Wir können diese Verantwortung nicht einfach ignorieren. Das ist keine Frage ideologischer Verbohrtheit – das ist eine Frage der Demokratie.`“

Und während wir uns nun immer stärker dem Punkt annähern, ab dem es kein Zurück mehr gibt, bereiten sich beide Seiten auf das Endspiel vor.

In Griechenland untersuchen die Parlamentsabgeordneten gerade, was sich in Island vor ein paar Jahren abspielte. Viele von ihnen glauben, dass ein griechischer Zahlungsausfall in Verbindung mit der Verstaatlichung der griechischen Banken und einem Austritt Griechenlands aus dem Euro das Land wieder schnell auf den Wachstumspfad führen könnte. Das Folgende stammt aus der britischen Zeitung Telegraph:

„Der radikale Flügel der griechischen Partei Syriza sitzt in den kommenden Tagen über Plänen für einen Zahlungsausfall im Stile Islands und eine Verstaatlichung des griechischen Bankensystems, da man die anhaltenden Gespräche mit den europäischen Geldgebern für sinnlos hält.

Syriza-Quellen sagen, dass derzeit Maßnahmen ausgearbeitet werden, zu denen auch Kapitalverkehrskontrollen und die Schaffung einer souveränen, nationalen Zentralbank gehören, um das neue Finanzsystem zu stützen. Und obwohl es theoretisch auch irgendeine Form von zweigliedriger Währung geben könnte, würde ein solches Design innerhalb der Eurozone nicht möglich sein, sondern vielmehr eine schnelle Rückkehr zur Drachme nahelegen.

Die vertraulichen Pläne zirkulierten übers Wochenende und werden von 30 griechischen Abgeordneten der Aristeri Platforma – also der linken Platform – und anderen Hardliner-Gruppen des Syriza-Spektrums gestützt. Man geht davon aus, dass die nationalistische ANEL-Partei, die sich in der Regierungskoalition befindet, ebenfalls bereit ist, mit den Geldgebern Griechenlands zu brechen, sollte dies notwendig werden.“

Unterdessen wird händeringend versucht, die Griechen im letzten Augenblick doch noch zum Einlenken zu bewegen. Die Geldgeber Griechenlands versuchen mit allen Mitteln, finanziellen Druck auf das Land auszuüben:

„Die Süddeutsche Zeitung meldete, dass die Geldgeber den Griechen ein Ultimatum stellen und drohen, Griechenland den Zugang zu europäischen Zahlsystemen zu verwehren und dem Land bereits dieses Wochenende Kapitalkontrollen aufzuerlegen. Der Plan würde zu einer vorübergehenden Schließung der Banken führen, der danach Restriktionen bei den Bargeldabhebungen folgen.“

Der überwiegende Teil der Finanzwelt ging lange Zeit davon aus, dass es am Ende zu einem Schulden-Deal kommen würde. Aber jetzt macht sich die Realität breit. Wie eingangs erwähnt, sind die Kosten zur Absicherung griechischer Schulden seit Anfang dieses Jahres um atemberaubende 456% in die Höhe geschossen:

„Und da so viel auf dem Spiel steht, ist das Risiko eines griechischen Zahlungsausfalls in die Höhe geschnellt. Eine Methode, dieses Risiko zu messen, ist, sich die explodierenden Preise für die Versicherungen anzuschauen, die fällig würden, sollten die griechischen Staatsanleihen für nichtig erklärt werden. Die Kosten, um griechische Staatsanleihen für 1 Jahr gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls zu versichern, sind seit Anfang 2015 um 456% gestiegen, so Daten von FactSet.

Diese versicherungsartigen Verträge, die auch unter dem Namen Kreditausfallversicherungen bekannt sind, legen nahe, dass es derzeit eine 75%ige bis 80%ige Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls Griechenlands auf seine Schulden gibt, so Jigar Patel, ein Kreditstrategie bei Barclays.

Die Wahrscheinlichkeit eines griechischen Zahlungsausfalls liegt bei fünfjährigen Kreditausfallversicherungen sogar bei atemberaubende 95%, so Patel.

´Ein Zahlungsausfall scheint immer wahrscheinlicher`, so Peter Boockvar, der leitende Marktanalyst der Lindsey Group in einer Mitteilung an seine Kunden am Dienstag.“

Und in den letzten Tagen konnten wir mitverfolgen, wie die griechischen Aktien und griechischen Anleihen völlig eingebrochen sind. CNN schreibt:

„Der griechische Aktienmarkt ist innerhalb der letzten 3 Handelstage um 13% eingebrochen, hierzu gehören auch 3%ige Verluste am Dienstag. Und beim Anleihemarkt ist es so, dass der Zinssatz für griechische Staatsanleihen mit 2-jähriger Laufzeit auf 30,2% in die Höhe geschossen ist. Vor einem Monat lag der Zinssatz für diese Papiere noch bei 20%. Wenn der Zinssatz steigt, fällt der Wert der Anleihen.“

Ich hatte ja in der Vergangenheit bereits darauf hingewiesen, dass es zig Billionen US-Dollars an Finanzderivaten gibt, die direkt mit Wechselkursraten in Verbindung stehen. Und dann haben wir noch USD 505 Billionen an Zinsderivaten. Ein „Grexit“ würde dafür sorgen, dass der Euro in die Tiefe rauscht, und überall auf dem Planeten würde es zu wilden Zinsanstiegen kommen. Das Finanzchaos eines „Grexit“ sollte also nicht unterschätzt werden. […]

Ich warne seit langer Zeit davor, dass Europa auf eine große Finanzkrise zusteuert, und die europäischen Behörden sind über einen sehr langen Zeitraum hinweg immer wieder in der Lage gewesen, Zeit zu gewinnen. Aber jetzt sieht es so aus, als wäre das Ende der Fahnenstange erreicht und der Tag der Abrechnung da.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, was als nächstes passieren wird, aber praktisch alle sind sich einig, dass es nicht gut ausgehen wird.

Sie halten sich besser gut fest, denn es sieht ganz so aus, als würde uns für das zweite Halbjahr ein außerordentlich wilder Ritt bevorstehen.

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