Gold & Silber: Die wirklichen Preistreiber

Die Medien wollen uns glauben machen, die Edelmetallpreise seien auf das Staatsschuldendebakel der westlichen Industrieländer zurückzuführen, was jedoch Unsinn ist. Der entscheidende Preistreiber ist die weltweite Nachfrage, und hier spielen die USA und Europa nur eine untergeordnete Rolle

Julian D. W. Phillips, GoldForecaster.com, 29.07.2011

Da der Silberpreis an den Goldpreis gekoppelt ist, sind die Entwicklungen am Goldmarkt auch auf den Silbermarkt übertragbar…

Für die Märkte und Kommentatoren gibt es natürlich nichts Einfacheres, als uns glauben zu machen, dass die Gold- und Silberpreise aufgrund der Schuldenkrise steigen würden, was jedoch überhaupt nicht der Fall ist!

Die Krise rund um die Anhebung der US-Schuldenobergrenze hatte sich innerhalb der vergangenen Wochen in ein Drama solchen Ausmaßes verwandelt, dass die gesamte US-amerikanische Öffentlichkeit dieses politische Theater wie gebannt mitverfolgte. Außerhalb der USA verfolgte man dieses Drama ebenfalls mit höchster Aufmerksamkeit. Die Welt lernte US-amerikanische Politiker kennen, von denen sie zuvor noch nie etwas gehört hatte.

Der Umgang der US-Regierung mit dieser Krise war verabscheuenswürdig und völlig chaotisch. Nach dem Debakel rund um die Eurozonenkrise war es der Weltöffentlichkeit noch nicht einmal mehr vergönnt, zu der Art von Staatsführung aufzublicken, die über so lange Zeit hinweg immer als der richtige Weg, wie ein Land zu führen sei, propagiert wurde.

Und obwohl wir der Auffassung zustimmen, dass die zugrunde liegenden strukturellen, politischen und finanziellen Probleme im Laufe der Zeit tatsächlich zu Preissteigerungen führen, hat das plötzlich einsetzende Drama um die US-Schuldenobergrenze mit der Preisentwicklung der Edelmetalle nichts zu tun. Wenn dies landläufige Auffassung stimmen würde, müsste der Gold- und Silberpreis nach Anhebung der Schuldenobergrenze sinken, wovon wir jedoch nicht ausgehen.

Schaut man sich die Preisentwicklung der letzten Wochen genauer an, so stellt man fest, dass der Gold- und Silberpreis mit dem immer weiter herannahenden Stichtag und den steigenden Spannungen nichts zu tun hatten.

Silber hat die Krisen auf beiden Seiten des Atlantiks im Grunde genommen völlig ignoriert. Gold bewegte sich aufgrund dessen in einer Preisspanne von weniger als 1% – was vornehmlich auf die Wechselkursschwankungen zwischen dem Euro und dem US-Dollar sowie die Käufe und Verkäufe bei Silber zurückzuführen ist.

Inmitten all dieser Nebelkerzen ist es für unsere Leser von entscheidender Bedeutung, die wirklichen preistreibenden Kräfte bei Gold und Silber zu kennen.

Hype oder Realität

TV-Moderatoren beherrschen ihr Handwerk. Sie sorgen dafür, dass unser Interesse geweckt wird und wir dranbleiben. Sie hätten es gerne, dass sie die einzigen wichtigen Informationsquellen sind, und oftmals ist das tatsächlich auch der Fall. Doch in der Regel fehlt den Geschichten, über die sie berichten, eine ausgewogene Perspektive.

Und genau dasselbe trifft auch auf die Politiker zu. Für Politiker ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, dass sie als die Retter großer Krisen angesehen werden, die unbedingt im Amt bleiben sollten, da sie in der Lage sind, ihr Volk vor schrecklichen Ereignissen zu bewahren.

Im Laufe der Zeit haben die Politiker gelernt, wie man ein Problem solange gären lässt, bis es zur Krise wird. Lösen sie das Problem zu früh, setzen sie sich dem Vorwurf der Einmischung aus. Die Kunst besteht also darin, das Problem zu einer Krise heranreifen zu lassen – genauso wie wir es in jüngster Zeit auf beiden Seiten des Atlantiks mitverfolgen konnten.

In den vergangenen 50 Jahren gab es 74 Anhebungen der US-Schuldenobergrenze, doch dieses Mal war die Machtverteilung im Kongress dergestalt, dass die Parteien mit dem Herannahen der Krise auch die Möglichkeit für sich sahen, an Ansehen zu gewinnen. Das Problem ist nur der damit einhergehende Kollateralschaden, da die USA weiterhin demonstrieren, dass sie zu einer ordentlichen Staatsführung nicht fähig sind, und dem Rest der Welt die Schwächen der Demokratie offenbaren.

Die Krise ist real, weil die Politiker aus parteipolitischen Gründen das Ansehen des Landes aufs Spiel setzen. Alleine die Tatsache, dass sie dies tun, stellt bereits eine tiefgreifende und ernsthafte Krise dar. Die Zahlungsfähigkeit hat mit dieser Krise nichts zu tun.

Die Gold- und Silberpreise sind nicht aufgrund des Schuldendebakels im US-Kongress nach oben geklettert. Zuvor konzentrierten sich alle auf die jüngste Episode in Griechenland. Zu diesem Zeitpunkt lag Gold bei rund USD 1.610 pro Unze. Während wir diese Zeilen schreiben, steht Gold bei USD 1.617 pro Unze. Die durch den Kongress bedingte Teuerung liegt also bei rund USD 7 oder weniger als 0,5%.

Wirft man einen Blick auf die Entwicklung der börsennotierten Goldfonds der vergangenen 2 Wochen, so lässt sich feststellen, dass es einen Tag gab, wo großen Mengen gekauft wurden, wohlmöglich von einem einzigen großen Käufer.

Darüberhinaus fielen die spekulativen Käufe an der Comex recht stark aus – doch handelt es sich bei Future-Kontrakten und Optionen um Finanzderivate von Gold und nicht um physische Goldkäufe. Gerade einmal 5% aller gehandelten Gold-Finanzderivate führen am Ende auch zu physischen Lieferungen.

Wie wir im Folgenden darlegen werden, ist der überwiegende Teil der Goldnachfrage auf den Nahen Osten und Asien zurückzuführen. Diese Regionen sind für 60% der gesamten Goldnachfrage verantwortlich.

 Warum sollte der Markt von fallenden Gold- und Silberpreisen ausgehen, wo die US-Investoren doch überhaupt keine Maßnahmen ergriffen haben, um sich vor einem Zahlungsausfall der USA zu schützen?

 Die maßgeblichen Preistreiber des Goldmarkts

Jetzt, zu Anfang August, befinden wir uns genau am Ende des Goldjahres. In der Vergangenheit hatte Gold während dieses Zeitraums immer seine Tiefststände verzeichnet. Die indischen Bauern waren auf ihren Feldern vollauf damit beschäftigt, ihre Ernte einzubringen. Diese Menschen waren für 70% der indischen Goldnachfrage verantwortlich, der stärksten Goldnachfragequelle auf dem Planten.

Während des letzten Jahrzehnts fand auf dem indischen Subkontinent eine sich immer weiter beschleunigende Verstädterung statt. Dies hatte zur Folge, dass die Bedeutung der indischen Landwirtschaft für die indische Goldnachfrage zusehends zurückging. Die Goldsaison, die man in der Vergangenheit immer als Flaute bezeichnete, hat daher mittlerweile stark an Bedeutung verloren.

Neben den saisonalen Faktoren gibt es aber auch noch weitere Aspekte, die zunehmend Einfluss auf die Entwicklung des Goldpreises haben. Hierzu zählt beispielsweise Chinas explodierende Mittelklasse. Vergangene Woche wiesen wir auch auf die Zentralbankkäufe hin, die zumindest eine stabilisierende Wirkung auf den Goldpreis haben und Preiskorrekturen im Zaum halten.

Das sind die wirklichen der Gold- und Silberpreisentwicklung zugrunde liegenden Faktoren, in deren Lichte jegliche spekulativen Käufe, die auf die Schuldenkrise der USA oder der Eurozone zurückzuführen sind, verblassen und bedeutungslos werden.

Und kam es während der diesjährigen ruhigen Goldsaison nun zu einem Tiefststand beim Goldpreis? Nein, vielmehr haben wir in allen Währungen Rekordhöchststände verzeichnet. Nach einer langen – wenn auch seichten – Konsolidierungsphase des Goldpreises unter USD 1.555 pro Unze kam es jetzt zu einem Ausbruch, der das gelbe Metall über das Niveau von USD 1.600 pro Unze hob.

In Kürze steht uns die nachfragestärkte Saison des Goldmarkts bevor, und wir sind uns absolut im Klaren darüber, dass die Goldversorgung seitens der Goldminen extrem angespannt ist und aller Vorausschau nach nicht weiter anwachsen dürfte. Es könnte sein, dass etwas Altgold auf den Markt kommt, doch wir gehen nicht davon aus, dass dies auch nur ansatzweise zur Befriedigung der Nachfrage ausreichen dürfte. Das wird natürlich ganz zwangsläufig Konsequenzen haben…

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