Silber-Investments: Fünf Mythen über den Silbermarkt

Ryan P. Jordan, Ryanpjordan.com, 20.10.2011

Es gibt Auffassungen, die oftmals nichts mit der Realität gemein haben, und trotzdem bestimmen sie die Handlungen von tausenden, wenn nicht gar Millionen von Spekulanten, die mit kurzfristigen Spekulationswetten in Märkten wie dem Silbermarkt partizipieren. Derartige Auffassungen sind ziemlich tief verwurzelt. Dies erkennt man daran, dass die Papierhändler im Silbermarkt oftmals – wenn auch nur über kurze Perioden von sechs bis acht Monaten – die Preisbildung des weißen Metalls dominieren.

Während ich diese Zeilen schreibe, erleben wir, wie an der Rohstoffbörse COMEX nun wieder ein Teil dieser spekulativen, von Papierderivaten befeuerten Aktivitäten zurückgefahren wird, was sich am Offenen Interesse – also der Zahl der Spieler am Casinotisch – ablesen lässt. Das Offene Interesse liegt aktuell wieder auf dem Niveau von Herbst 2008, als Silber weniger als USD 10 pro Unze kostete.

Und obwohl der Silberpreis in jüngster Zeit wieder gesunken ist, gibt es meines Erachtens nichts Grundlegendes, was diesen niedrigen Silberpreis rechtfertigen würde. Vielmehr ist es so, dass die Fundamentaldaten des weißen Metalls durch irrige Vorstellungen und Lügen verschleiert werden.

Im Folgenden finden Sie fünf weit verbreitete Mythen über Silber, von denen ich glaube, dass viele Spekulanten sie immer noch für wahr halten:

1. Silber ist ein „konjunktursensibles“ Metall

Die CPM Group geht davon aus, dass die Silbernachfrage während der Rezession der Jahre 2008 und 2009 in den Bereichen Fotografie, Schmuck sowie weiterer industrieller Anwendungsbereiche um rund 80 Millionen Unzen zurückgegangen ist. Zur selben Zeit legte die Minenförderung um rund 30 Millionen Unzen zu, während es beim Recycling 15 Millionen Unzen gewesen sind.

Damit der Silberpreis stabil bleibt – zumindest theoretisch – müssten die Investoren also diese Differenz von rund 100 Millionen Unzen wieder wettmachen, und das ist genau das, was sie auch taten. Aufgrund der Tatsache, dass die Menschen begriffen haben, wie wichtig es ist, während einer Bankenkrise Edelmetalle zu halten, stieg die Investmentnachfrage zur selben Zeit um fast 100 Millionen Unzen, während die Industrienachfrage in anderen Bereichen ebenfalls zulegen konnte.

Im Verlaufe der Jahre 2008 und 2009 blieb der Silberpreis mehr oder weniger stabil, und das obwohl sich aufgrund des Papierhandels wilde Kursschwankungen beobachten ließen. Wir können also festhalten, dass die reale physische Investmentnachfrage nach Silber selbst während der schlimmsten Wirtschaftsrezession in der jüngeren Zeit die sinkende Industrienachfrage ausgeglichen hat. Das ist ein wichtiger Aspekt, an den man sich erinnern sollte, wenn einem wieder jemand erklären will, dass der Silberpreis bei der nächsten Rezession zwangsläufig sinken muss.

2. Es gibt mehr Anlagesilber als Anlagegold

In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Selbst wenn wir großzügig sind und die Daten der CPM Group und vom Silver Institute verwenden, gibt es aktuell in Form von Münzen oder Barren vielleicht 1,4 Milliarden Unzen Silber weltweit. Diesen 1,4 Milliarden Unzen Silber stehen aber rund 3 Milliarden Unzen Gold gegenüber.

Ja, es ist wahr, dass gegenwärtig jährlich rund 80 Millionen Unzen mehr an Silbermünzen und Silberbarren produziert werden, als dies beim gelben Metall der Fall ist – das heißt aber auch, dass es immer noch über 15 Jahre brauchen würde, bevor die weltweit verfügbaren Bestände an Anlagesilber mit den Goldbeständen gleichziehen, wobei wir hierbei außen vorlassen, dass die Goldbestände ja ebenfalls zulegen. Aber warum ist Gold dann 50 Mal teurer als Silber? Das sollten wir vielleicht die Papierspekulanten fragen.

3. Der hohe Silberpreis sorgt für Einbrüche bei der industriellen Silbernachfrage

Dieses Argument entbehrt jedweder Grundlage, wenn wir uns den Zeitraum von 2000 bis 2010 anschauen. Während des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts legte die industrielle Nachfrage gemäß den meisten Schätzungen mehr oder weniger eine Seitwärtsbewegung hin (GFMS World Silver Survey 2010). Das ist in der Tat erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Silberpreis während dieses Zeitraums von USD 4 pro Unze auf über USD 20 pro Unze stieg.

Und da Silber in der Elektro- und Solartechnik nur kleinen Mengen Verwendung findet, wird sich erst noch zeigen müssen, ob weiter steigende Silberpreise die Nachfrage bei so heißbegehrten Dingen wie Computern und Mobiltelefonen werden dämpfen können. Zahlreiche Experten gehen vielmehr davon aus, dass diese Art der Nachfrage in den kommenden Jahren sogar noch weiter ansteigen wird. Wir sollten uns also damit abfinden, dass ein steigender Silberpreis nicht zu einer sinkenden Industrienachfrage führt.

4. Wenn der Silberpreis nur hoch genug ist, werden Milliarden an Unzen recycelt

Viele sind der Auffassung, dass es auf der Welt rund sechsmal so viele Unzen an Silberschmuck, Silberservices und Ähnlichem gibt als Goldschmuck. Man könnte also meinen, dass es jede Menge Silber da draußen gibt, das eines Tages eingeschmolzen wird. Das Problem bei diesem Argument ist nur, dass ein Großteil dieses Silbers

a) bedeutend wertvoller ist als der Metallwert, selbst bei den heutigen Preisen, und
b) diese Art von Silber in sehr kleinen Mengen von über 1 Milliarde Menschen (oftmals Frauen) gehalten wird. Diese Menschen werden sich noch lange Zeit überhaupt nicht darum scheren zu verkaufen, sofern sie überhaupt verkaufen sollten.

Hier kommt aber noch ein anderer wichtiger Aspekt hinzu. Ich gehe davon aus, dass die meisten Leute, die behaupten, sie würden den Edelmetallmarkt beobachten, garnicht wissen, dass in 1980 mehr Silber wiederaufbereitet wurde als in 2010. Das heißt, dass beim Silberrecycling praktisch über 30 Jahre hinweg keine Steigerungsraten verzeichnet wurden, und das obwohl der heutige Silberpreis USD 20 über dem des Jahres 1980 liegt.

Selbst wenn wir optimistisch sind und davon ausgehen, dass wir beim Silberrecycling dieses Jahr auf die alten Höchststände von über 300 Millionen Unzen kommen, stellt sich in einer Welt, wo 300 Millionen Unzen Silber gerade einmal USD 10 Milliarden kosten, während die Investoren darauf aus sind, innerhalb der nächsten paar Jahre praktisch ebenso viel Silber in physischer Form zu kaufen, immer noch die Frage, warum überhaupt irgendjemand glaubt, dass überall jede Menge Silber herumliegt, das nur darauf warten würde, auf den Markt gebracht zu werden, um die Preise herunter zu kühlen.

Und angesichts der eingangs bereits erörterten preisunabhängigen industriellen Silbernachfrage dürfte eine Menge des recycelten Silbers direkt von Industrie verkonsumiert werden – selbst wenn wir hier zu Grunde legen, dass die Recyclingverfahren bei einem steigenden Silberpreis besser würden.

Ich würde auch nicht darauf setzen, dass die jährlichen Anstiege bei der weltweiten Silberförderung die Nachfrage befriedigen können: Nur wenige Silberexperten glauben, dass die Silberproduzenten in der Lage sein werden, die Produktion um jährlich mehr als 4% oder 5% auszuweiten (was ca. 40 Millionen Unzen Silber oder knapp USD 2 Milliarden entsprechen würde), besonders angesichts der Tatsache, dass Silber in 80% aller Fälle ein Nebenprodukt ist, dass beim Abbau anderer Metalle wie Kupfer, Blei oder Zink mit abfällt.

5. Privatinvestoren, die in physisches Silber investieren, sind flatterhaft und es gibt keinen Plan, Silber zu remonetisieren

Dieser Mythos enthält ein Körnchen Wahrheit, zumindest wenn man den Experten Glauben schenkt, welche die Kauf- und Verkaufsaktivitäten der 80er und 90er Jahre untersucht haben, so wie die CPM Group oder das Silver Institute beispielsweise.

Viele Analysten sind der Meinung, dass die Privatinvestoren nach den weltweiten Regierungen diejenigen gewesen sind, die während der Jahre 1985 bis 2005 das meiste Silber abverkauft haben. Wahrscheinlich haben Privatinvestoren während dieses Zeitraums insgesamt über 1 Milliarde Unzen Silber veräußert.

Das ist auch der Grund, warum sich die Auffassung breit gemacht hat, dass die Silberinvestoren Weicheier seien, die in Wirklichkeit nicht über das Durchhaltevermögen der Goldinvestoren verfügen würden. Genauso gut könnte es aber sein, dass es die Privatinvestoren einfach nur den Regierungen gleichgetan haben, da die Regierungen während desselben Zeitraums bei weitem mehr Silber auf den Markt geworfen haben als Gold, das das einzige Edelmetall ist, das von den Zentralbanken heutzutage noch gehalten wird.

In jüngster Zeit musste ich jedoch mit Erstaunen feststellen, dass es immer mehr Vorschläge wie jene von Hugo Salinas Price aus Mexiko gibt, wo versucht wird, Silber wieder zu remonetisieren. Und dann haben wir ja alle von den neuen Gesetzen der einzelnen US-Bundesstaaten gehört, die darauf abzielen, dass Gold und Silber wieder für Transaktionen verwendet werden.

Wir sollten in diesem Zusammenhang auch im Hinterkopf behalten, dass Silber – obwohl es seltener ist als Gold – immer noch als das Geld der einfachen Leute angesehen wird und jedwede Bemühung, die Edelmetalle wieder in den täglichen Geldverkehr zu bringen, dramatische Auswirkungen auf den Silberpreis haben dürfte.

In den vergangenen Jahren konnten wir ja bei den Silberinvestoren bereits eine erstaunliche Trendwende beobachten. Die Silberanleger kaufen mittlerweile jährlich hunderte Millionen Unzen, und ich gehe davon aus, dass zurzeit immer mehr Leute auf die massive Unterbewertung von Silber aufmerksam werden. Und ob Sie es nun glauben mögen oder nicht, die Zahl derer, die sich dieser Tatsache gewahr werden, dürfte in Zukunft noch wesentlich stärker steigen.

Lassen Sie sich von den Silber-Mythen nicht in die Irre führen

Wie ich eingangs erklärte, spielen die Fundamentaldaten bei den Märkten oftmals keine Rolle. Das ist auch der Grund, warum sich so viele Händler auf technische Chartmuster, Volumen-Indikatoren oder alle möglichen anderen Sachen stürzen, anstatt sich den realen Gründen zuzuwenden, warum ein Vermögenswert im Preis steigt oder fällt.

Bei den großen Spekulanten lässt sich sogar richtiggehend ein Desinteresse bezüglich der Fundamentaldaten erkennen. Stattdessen sind sie der Meinung, dass das Schüren von Gerüchten eine sicherere Methode ist, um Profite einzufahren, als sich einfach nur auf reale Marktverzerrungen zu konzentrieren. Ja Sie wären überrascht, zu erfahren, welch enorme Gewinne sich mithilfe von Marktspielchen oder der Manipulation von Emotionen erzielen lassen, kurzfristig zumindest.

Am Ende lohnen sich diese Spielchen aber nicht. Ja, es gibt wirklich ein paar großartige Händler da draußen, genauso wie es auf der Welt auch wirklich großartige Zocker gibt. Aber es gibt bei Weitem mehr Menschen, die einfach nur die Idioten sind, dich sich vom Casino namens „Markt“ an der Nase herumführen lassen. Traurig aber wahr: Unser Finanzsystem belohnt Rücksichtslosigkeit und spekulatives Verhalten. Doch so funktioniert unsere Welt nun einmal, vorerst jedenfalls.

Ungeachtet dessen tauchen nun jedoch immer mehr Hinweise auf, dass die Privatanleger in zunehmendem Maße die Notwendigkeit verspüren, ihre Portfolios zu diversifizieren und in Vermögenswerte zu gehen, die sich von Aktien, Anleihen oder anderen Werten des Bankensystems unterscheiden.

Die Einstellung der Anleger wird sich im Laufe der Zeit ändern. Die Leute werden sich zunehmend des Umstands gewahr werden, dass uns Dinge wie die Entwertung von Papierwährungen, die finanziellen Repressionen (künstlich niedrige Zinsen) und fiskalische Austeritätsmaßnahmen noch eine ganze Weile erhalten bleiben werden.

In einem derartigen Umfeld – wo Maßnahmen wie die „quantitative Lockerung“ bestenfalls den Weg in Richtung einer schrumpfenden Wirtschaft ebnen – werden die Menschen nach Vermögenswerten Ausschau halten, die an den Blasen, wie wir sie bis 2007 beobachten konnten, nicht beteiligt gewesen sind. Wir sprechen hier also von Vermögenswerten, die nicht kreditgehebelt werden müssen, um im Wert zu steigen (obwohl die Hebelung auch Teil des Silbermarkts ist); die nicht auf den fortwährenden Konsum oder die fortwährende Verschuldung des Verbrauchers angewiesen sind, um weiter im Preis zuzulegen.

Vielleicht sind Sie der Meinung, dass Silber wieder billiger wird. Ja, vielleicht haben Sie, kurzfristig betrachtet, sogar recht. Langfristig gesehen, sind die jüngsten Preiskorrekturen jedoch nichts weiter als ein kleine Delle im Kursverlauf, und wenn der Silberpreis eines Tages erneut explodiert, könnte es sein, dass Sie sich wegen Ihrer irrigen Vorstellungen im Hinblick auf den Silbermarkt schwarz ärgern.

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