EU-Staatsschuldendebakel: Italien am Abgrund

Die Zinsen für 2-, 5- und 10-jährige italienische Staatsanleihen liegen aktuell bei rund 7% – genau dem Niveau, wo Griechenland, Irland und Portugal unter den EU-Rettungsschirm flüchten mussten. Darüber hinaus scheint sich die Renditekurve italienischer Staatsanleihen zu invertieren, was ein unheilvolles Zeichen dafür ist, dass sich die Krise schnell weiter zuspitzt

Michael Snyder, The Economic Collapse, 09.11.2011

Gegenwärtig beobachten wir nichts Geringeres als Italiens totalen Finanz-Albtraum. Die Zinsen auf italienische Staatsanleihen explodieren auf unglaublich gefährliche Niveaus, während sich nun auch noch die Renditekurve dieser Papier auf den Kopf stellt. Doch was bedeutet eine Inversion der Renditekurve?

Normalerweise erhält man für Staatsanleihen längerer Laufzeit eine höhere Rendite, da mit der Länge der Laufzeit für den Anleihehalter gewöhnlich auch das Risiko steigt. Die Investoren verlangen demzufolge höhere Zinsen, wenn sie die Schulden über einen längeren Zeitraum halten.

Sind die Investoren aber der Meinung, dass ein bedeutender wirtschaftlicher Abschwung oder gar eine Finanzkrise bevorsteht, steigen die Renditen für kurzlaufende Anleihen oftmals über die der langlaufenden Papiere. Das konnte man beispielsweise in Griechenland, Irland und Portugal beobachten. All diese Länder brauchten am Ende Rettungspakete, um finanziell überleben zu können.

Und dasselbe passiert jetzt bei Italien – wobei auch Spanien bald folgen könnte. Das Problem ist nur, dass es sich die EU überhaupt nicht leisten kann, auch nur eines dieser beiden Länder zu retten. Eine sich verkehrende Renditekurve ist ein extrem wichtiger Hinweisgeber. Unglücklicherweise besteht jedoch kaum Hoffnung darauf, dass es bei der europäischen Schuldenkrise in nächster Zeit zu einer Lösung kommen wird.

Was wir hier sehen, ist eine Vertrauenskrise gegenüber dem europäischen Finanzsystem. Am Mittwoch kam es europaweit zu Renditeanstiegen. Als ich am Dienstagabend meinen vorangegangenen Artikel über die Finanzkrise in Italien fertig gestellt hatte, lag die Rendite für 10-jährige italienische Staatsanleihen bei 6,7%. Als ich am nächsten Tag erwachte, lag sie bereits bei 7,2%.

Noch wichtiger ist aber, dass die Rendite für 5-jährige italienische Staatsanleihen bei rund 7,5% lag, während die 2-jährige italienische Staatsanleihe mit rund 7,2% rentierte. Die Renditekurve italienischer Anleihen befindet sich gegenwärtig also in einem Inversionsprozess.

Wenn Sie sich eine gruselige Grafik anschauen wollen, dann brauchen Sie nur hier zu klicken. Auf diesem Chart kann man die Zinsentwicklung für italienische Staatsanleihen mit 2-jähriger Laufzeit mitverfolgen.

Fallen Ihnen da vielleicht Redewendungen wie „schießt direkt nach oben“ oder „schießt durch die Decke“ ein?

Die hier beschriebene Entwicklung ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die EZB gegenwärtig Unmengen an italienischen Staatsanleihen aufkauft. CNBC meldete, dass die Europäische Zentralbank am Mittwoch aggressiv italienische Staatsanleihen mit 2-jähriger Laufzeit gekauft hat.

Und was sagt uns das, wenn selbst Offenmarktmanipulationen der Europäischen Zentralbank nicht mehr fruchten?

Einige aus der Finanzbranche erklären nun, dass die EZB mit ihren Maßnahmen nicht weit genug geht. Es gibt sogar prominente Finanzexperten, die fordern, dass die EZB Anleihen im Wert von bis zu EUR 1 Billion kauft, um die Märkte zu beruhigen.

Die Renditeanstiege bei italienischen Staatsanleihen fielen am Mittwoch auch deshalb so stark aus, weil das Londoner Clearinghaus LCH Clearnet die Hinterlegungspflichten für den Handel mit italienischen Staatsanleihen erhöhte. Aber das erklärt noch lange nicht, warum fast alle anderen Anleihezinsen Europas ebenfalls gestiegen sind.

Die Realität ist, dass am Mittwoch auch spanische, belgische, österreichische und französische Anleihezinsen nach oben gingen. Die Krise in Europa greift nun immer schneller um sich.

Fakt ist aber auch, dass die Zinsen für europäische Staatsschulden eigentlich immer noch viel zu niedrig sind. Die politischen Führer Europas haben Vertrauen vernichtet, als sie bekannt gaben, dass sie private Halter griechischer Staatsschulden bitten würden, einen 50%igen Abschlag zu akzeptieren. Vernünftige Investoren fragen sich daher zu Recht, warum man jetzt überhaupt noch europäische Staatsschulden halten sollte.

Wie soll denn irgendein vernünftiger Investor angesichts des aktuellen Zinsniveaus überhaupt noch in europäische Staatsanleihen investieren können! Und warum auch! Angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit, dass die privaten Halter künftig gezwungen werden, bei diesen Anleihen enorme Abschläge hinzunehmen, müssten die Zinsen bereits bedeutend höher sein, als dies gegenwärtig der Fall ist. Doch sollten die Zinsen in Europa tatsächlich steigen, dürfte eine extrem große Krise nicht allzu lange auf sich warten.

Rod Smyth von der Riverfront Investment Group erklärte den Firmenkunden jüngst im Hinblick auf die Situation Italiens:

„Unseres Erachtens sind 7% für jedes stark verschuldete Land die entscheidende Marke, und das ist auch das Niveau, bei dem sich Griechenland, Portugal und Irland gezwungen sahen, Unterstützung zu akzeptieren.“

Andere Analysten sprechen bereits vom „Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt“. Barclays Capital veröffentlichte beispielsweise kürzlich einen Bericht, in dem es heißt:

„Italien dürfte bereits über den Punkt hinaus sein, an dem es kein Zurück mehr gibt. Während Reformen wohl notwendig sind, bezweifeln wir, dass italienische Wirtschaftsreformen alleine ausreichend sein werden, um die italienische Kreditwürdigkeit wieder herzustellen und die Möglichkeit einer lähmenden Vertrauenskrise zu verringern – einer Vertrauenskrise, die die positiven Wirkungen einer Reformagenda überflügeln würde, ganz egal wie positiv diese aufgenommen und umgesetzt würde.“

Doch im Gegensatz zu Griechenland, Irland und Portugal kann es sich die EU schlicht nicht leisten, Italien zu retten. Italiens Staatsverschuldung ist rund 2,7-Mal höher als die Staatsverschuldung Griechenlands, Irlands und Portugals zusammengenommen. Darüber hinaus hat sich auch Spanien auf den Weg in dieselbe Richtung gemacht wie Italien.

Europa hat in der Vergangenheit ganz einfach viel zu viele Schulden angehäuft und muss nun den Preis dafür zahlen.

Die weltweiten Finanzmärkte sind extrem nervös. Man kann die Panik förmlich spüren. In einem am Mittwoch veröffentlichten Artikel von CNBC wurde auf eine renommierte Denkfabrik hingewiesen, die die Wahrscheinlichkeit, dass es bis Ende November zu einer europäischen „Bankenkrise“ kommen wird, mit 65% veranschlagt:

„Laut Exclusive Analysis, einer Forschungsfirma, die sich auf globale Risiken konzentriert, besteht eine 65% Chance darauf, dass wir zwischen dem 23.11.2011 und 26.11.2011 eine Griechische Staatspleite und einen Banken-Run auf das italienische Bankensystem sehen werden.“

Ich persönlich bin zwar eher der Auffassung, dass diese Denkfabrik hier ein wenig zu pessimistisch ist, aber es zeigt deutlich, wie stark die Angst in den Märkten ist. Meines Erachtens ist es wahrscheinlicher, dass die europäischen Schuldenkrise erst im Jahre 2012 richtig ausbricht – und sollte es dazu kommen, werden es nicht nur einzelne Länder sein, die dann in Schwierigkeiten stecken.

Sollte Italien stürzen, dürften auch viele Nachbarländer in massiven Schwierigkeiten stecken. Wie Sie anhand dieser Grafik sehen können, hält Frankreich eine gigantische Menge italienischer Schulden.

Wir haben ja bereits vor ein paar Jahren gesehen, dass eine Finanzkrise sehr stark einem Dominospiel gleichen kann. Ist der erste Dominostein erst einmal gefallen, lässt sich nur noch sehr schwer sagen, wie groß der Schaden am Ende ausfallen wird.

Einige sind sogar der Auffassung, dass das, was uns bevorsteht, in Wirklichkeit ein noch schlimmerer Finanz-Albtraum werden wird als der des Jahres 2008. Der angesehene Investor Jim Rogers erklärte am Mittwoch gegenüber CNBC: „2002 war schlimm, 2008 war schlimmer und 2012 oder 2013 werden noch schlimmer werden – seien Sie vorsichtig!“

Rogers sagte, die nächste Krise würde deshalb so verheerend ausfallen, weil die Schuldenniveaus heute bedeutend höher sind als bei den vorangegangenen Krisen:

„Amerika hat seine Schulden jüngst vervierfacht. Das System ist nun wesentlich stärker ausgereizt und Amerika ist nicht mehr in der Lage, seine Schulden noch einmal zu vervierfachen. Griechenland kann seine Schulden nicht mehr verdoppeln. Beim nächsten Mal wird alles viel schlimmer werden“

Und, wie sieht nun das „Endspiel“ für diese Krise aus?

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, dass grundlegende Veränderungen notwendig seien: „Es ist Zeit für einen Durchbruch zu einem neuen Europa.“

Und welche Art von „Durchbruch“ hat Merkel hier vor Augen? Nun ja, sie sagt, dass man für die ultimative Lösung der Krise einer noch stärkeren europäischen Integration bedürfe: „Das bedeutet mehr Europa, nicht weniger Europa.“

Ich hatte ja bereits in der Vergangenheit darüber geschrieben, dass die europäischen Finanz- und Politeliten die Europäische Union nicht einfach so aufgegeben werden, nur weil einige Hindernisse auf dem Weg liegen. Fakt ist, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt wahrscheinlich noch die „Vereinigten Staaten von Europa“ als Lösung der Krise ins Spiel bringen werden.

Aber die „Vereinigten Staaten“ sind nicht notwendigerweise die Lösung, wie man ja an den USA sehr schön sehen kann. Die Staatsverschuldung der USA beläuft sich zurzeit auf USD 15 Billionen, während sich die extreme Armut landesweit flächenbrandartig ausbreitet.

Nein, das wirkliche Problem sind die Staatsschulden und die Zentralbanken der westlichen Welt, bei denen es sich um nichts weiter als fortwährende Schuldengenerierungsmaschinen handelt. Und da sich die Menschen in der westlichen Welt nicht gegen die Machenschaften ihrer Zentralbanken ausgesprochen haben, sind wir nun zu Sklaven dieser gigantischen Schuldenberge geworden.

Sollte es hier nicht zu dramatischen Veränderungen kommen, werden selbst unsere Kinder und Kindeskinder ihr Leben lang unter der Last dieser Schulden zu leiden haben. Aber schulden wir künftigen Generationen nicht eigentlich etwas Besseres?

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