Die EZB ist nicht die Fed! Warum Bank-Runs in Europa jetzt jederzeit möglich sind

Die US-Notenbank Federal Reserve wurde gleich zu Beginn ihrer Gründung im Jahre 1913 mit den zur unbegrenzten Geldschaffung notwendigen Mechanismen versehen. Da die Europäische Zentralbank derartige Mittel aber nicht zur Hand hat, kann es nun jederzeit zu einem Zusammenbruch des europäischen Bankensystems kommen. Eine Welle von Bankenpleiten und europäischer Bank-Runs sollte niemanden überraschen

Martin A. Armstrong, Martinarmstrong.org, 17.11.2011(in Auszügen)

… Zentralbanken unterscheiden sich voneinander. So gibt es zwischen der US-Notenbank Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank erhebliche Unterschiede.

Die Struktur der Fed macht es möglich, das Geld so zu schaffen, wie es gerade benötigt wird, was auch der Grund dafür ist, dass Ron Pauls Versuch, die Bücher der Fed einer Überprüfung zu unterziehen, für einen solchen Aufschrei gesorgt hatte. Die Fed hat nicht die Absicht, die Welt in ihre Bücher sehen zu lassen, da dann jedem klar wäre, wie sie in Wirklichkeit funktioniert.

Die Fiatgeld-Anhänger behaupten, dass die Fed im Rahmen einer sehr elastischen Geldversorgung ganz einfach über die Möglichkeit verfügt, neues Geld zu schaffen. Das ist richtig und war von Anfang an so geplant, damit – sollten Wirtschaftsrückgänge auftreten, die einen Kollaps der Fremdkapitalfinanzierung zur Folge haben – die Geldkontraktion durch Liquiditätsspritzen abgefedert und der Zusammenbruch verlangsamt wird.

Nach dem Mittelalter bestand die Funktion des Bankenwesens lediglich darin, dass man dort sein Geld lagern konnte. Man zahlte eine Gebühr, während die Bank im Gegenzug das Geld hielt. Die Banken fanden aber heraus, dass sie das Geld einfach weiter verleihen und damit Gewinne erwirtschaften konnten, obwohl es sich immer noch in der Bank befand.

Dieser Betrug wurde im Bankenwesen dann im Laufe der Zeit zur Norm und gipfelte im fraktionalen Reservesystem, was bedeutet, dass eine Bank lediglich 6% der ihr anvertrauten Einlagen halten muss, um in normalen Zeiten operieren und den Kunden, die Geld abheben wollen, dieses auch auszahlen zu können.

In Krisenzeiten bricht das Vertrauen der Menschen in die Banken zusammen. Auf einmal möchte ein größerer Teil der Menschen das Geld von der Bank abheben, was zur Folge hat, dass die Einlagenreserven in Höhe von 6% nicht mehr ausreichen.

Die Banken nehmen kurzlaufende Kredite auf, während sie die Gelder langfristig verleihen, für Hypotheken zum Beispiel. Wenn während einer Krise mehr als 6% der Kunden ihr Geld haben wollen, ist die Bank pleite, weshalb Bank-Runs heutzutage immer noch genauso möglich sind wie zu früheren Zeiten.

Auf den vorstehenden Bildern sehen Sie einen Bank-Run, der während der Großen Depression in New York stattfand, und einen, der im Jahre 2007 im britischen Birmingham zu beobachten war. Es handelt sich dabei immer um ein und dasselbe Ereignis – einen Zusammenbruch des Vertrauens.

So etwas findet statt, weil das grundlegende Konzept der Banken darin besteht, kurzlaufende Kredite zu niedrigen Zinsen aufzunehmen und langfristige Kredite zu höheren Zinsen vergeben. Das Ganze basiert also auf Zinsdifferenzen: Der Gewinn ergibt sich aus den höheren Zinsen für langfristige Kredite abzüglich der Finanzierungskosten für die kurzlaufende Kredite.

Der Zweck einer elastischen Geldversorgung besteht im Grunde darin, die Geldmenge immer dann zu erhöhen, wenn ein Ansturm auf die Banken stattfindet. Auf diese Weise soll eine Depression verhindert werden, wo die Banken in die Zahlungsunfähigkeit abrutschen und gezwungen sind, ihre Vermögenswerte (ausstehenden Kredite) mit extremen Abschlägen zu verkaufen, was wiederum einen Zusammenbruch der Immobilienpreise zur Folge hat und die Fremdkapitalfinanzierung im gesamten System in sich zusammenbrechen lässt.

Ist die Geldversorgung hingegen elastisch, ist man während derartiger Phasen in der Lage, sie auszuweiten. Wenn die Panik nachgelassen hat und das Vertrauen zurückkehrt, wird die Geldversorgung wieder auf Normalniveaus zurückgefahren.

Und da die Fed mit der Fähigkeit ausgestattet wurde, die Geldversorgung elastisch auszuweiten, könnte sie in der Tat dabei helfen, Bankenpleiten abzufedern, die ansonsten voll durchschlagen würden. Das Problem hier ist weniger die Theorie und das Design als solches, als vielmehr die Unfähigkeit der Politiker zu begreifen, worum es bei diesem Mechanismus in Wirklichkeit geht und wo seine Grenzen liegen.

Die Tatsache, dass sich die Fiatgeld-Meute ständig über die Fed aufregt, sorgt im Hinblick auf die ursprüngliche Struktur der US-Notenbank lediglich für noch mehr Verwirrung. Sie machen im Grunde dieselben Fehler wie die Politiker, die ebenfalls überhaupt keine Ahnung davon haben, wofür die Fed eigentlich gedacht war. Die ursprüngliche Idee der elastischen Geldversorgung war nie als permanente Maßnahme gedacht.

Die Politiker sind jedoch davon ausgegangen, dass die Fed geschaffen wurde, um die Wirtschaft irgendwie zu reparieren, während ihnen alle wichtigen Details entgingen. Das hat dazu geführt, dass sich die Fed mittlerweile in eine Zentralbank verwandelt hat, die systemrelevante Finanzinstitutionen übernimmt und irgendwie alle möglichen negativen Folgen unschädlich machen soll, die auf die Politiker, welche mehr ausgeben, als sie sollten, zurückzuführen sind.

Die elastische Geldversorgung war an sich eine gute Idee, die, hätte man nicht weiter an ihr rumgefingert, nichts weiter als eine vorübergehende Ausweitung bedeutet hätte. Nach der Krise wäre die Geldmenge wieder auf das Normalniveau abgesenkt worden.

Wäre die Rolle der Fed auf diese Aufgabe beschränkt geblieben, hätte sie bei wirtschaftlichen Rückgängen tatsächlich hilfreich sein können. Aber wie das bei den Politikern halt so ist: Über kurz oder lang müssen sie sich immer in alles einmischen.

Und wie verhält es sich nun, wenn wir die Fed mit der EZB vergleichen? Tja, genau hier liegt das Problem! Die EZB hat nicht die Befugnis, eine elastische Geldversorgung zu schaffen. Demzufolge ist die EZB auch nicht in der Lage, ihre Staatsanleihekäufe ewig weiter fortzusetzen, nur weil die Marktkräfte gegen die einzelnen Eurozonenländer vorgehen.

Im Gegensatz zur FED geht der EZB irgendwann das Geld aus, und dann wird es zu einer Krise kommen, die sich vor aller Augen öffentlich abspielt und eine Rekapitalisierung der EZB zur Folge hat. Die Fiatgeld-Verfechter würden jetzt sagen, dass dies genau die Art ist, wie das Ganze funktionieren sollte. Aber: Das Problem wird öffentlich, und genau hier kommt die Politik ins Spiel.

Es ist ein deutlicher Warnhinweis darauf, dass das Vertrauen in das gesamte europäische Bankensystem zusammenbrechen könnte, da die EZB über keinerlei Automatismen einer elastischen Geldversorgung verfügt und daher auch nicht in der Lage ist, sich hinter den Kulissen umgehend den Bankenpleiten und dem Zusammenbruch von Staatsschulden anzunehmen …

Das wirkliche Problem sind die Staatsausgaben und die Schulden, und nicht die Frage, was Geld ist. Um das Problem zu lösen, muss die Ursache direkt angegangen werden. Die Einführung eines Goldstandards, in der Hoffnung, dass man die Regierung dadurch irgendwie in ihre Schranken weisen könnte, ist reines Wunschdenken. Das ist so, als würde man seine Ehefrau dafür abstrafen, dass sie nicht den Müll rausgebracht hat.

Die Schuldenaufnahme durch Regierungen muss grundsätzlich – ausgenommen zu Kriegszeiten und dann auch nur, wenn man angegriffen wird – verboten sein! Alle andere Maßnahmen werden nicht funktionieren …

Die Fragestellung, wie eine Zentralbank funktioniert, und der Zweck einer elastischen Geldversorgung werden in 2012 in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Die EZB wird umgebaut werden müssen, da die europäischen Politiker sich weigern, die strukturellen Probleme Europas und ihrer Einheitswährung anzugehen. Entweder unterzieht man das Geldsystem einer Revision oder man muss die EZB rekapitalisieren. Hier wird es jedenfalls noch richtig knallen.

Die europäischen Banken sind aktuell dazu gezwungen, Versicherungskonzerne und Pensionsfonds dafür zu bezahlen, dass sie ihre illiquiden Wertpapiere übernehmen und ihnen im Gegenzug hochwertige Vermögenswerte dafür bereitstellen, da die EZB nicht über die Fähigkeit der Schaffung einer elastischen Geldversorgung verfügt.

Die europäischen Banken versuchen händeringend, die so dringend benötigten Gelder aufzutreiben und müssen sich in diesem Zusammenhang von der EZB abwenden. Die EZB hat sich unterdessen in den europäischen Hauptanbieter kurzlaufender Finanzierungen verwandelt, da die Kreditvergabe unter den Banken praktisch komplett zum Erliegen gekommen ist.

Alle haben panische Angst davor, was bei diesem Schuldenspiel passiert, wenn die Musik auf einmal aufhört. Die europäische Schuldenkrise gelangt gegenwärtig in eine neue Phase, da den Banken jetzt die hochwertigen Kreditsicherheiten ausgehen, die sie bei der Aufnahme kurzlaufender Kredite als Sicherheit hinterlegen. Die Banken wenden sich daher nun den institutionellen Investoren im Swaps-Markt zu.

Und da es sich bei der EZB aufgrund ihrer Struktur nicht um ein Fass ohne Bode handelt, könnten es durchaus sein, dass wir erleben, wie die nächste Krise bei allen für blankes Entsetzen sorgen wird, wenn die EZB einer Rekapitalisierung bedarf. Dadurch wird dann der Eindruck entstehen, dass Europa komplett gescheitert ist.

Im Grunde handelt es sich hierbei um ein strukturelles Problem, das überhaupt nicht aufgetaucht wäre, hätten die Politiker die Schulden der Vergangenheit durch die Schaffung europäischer Schulden konsolidiert und festgelegt, dass künftige Staatsschulden der Eurozonenländer – in welcher Form auch immer – in den Büchern der Banken nicht mehr als Reserven ausgewiesen werden dürfen.

Aber nein, die Politiker müssen das ganze verdammte Finanzsystem zu Fall bringen, weil sie nicht die leiseste Ahnung von Wirtschaft haben. Wir werden es jetzt also mit einer EZB-Krise zu tun bekommen, bei welcher der Eindruck entsteht, dass Europa gescheitert ist – und wir könnten Zeugen massenhafter europaweiter Bank-Runs werden.

Die Frage ist jetzt, wie lange die aktuellen „Liquiditäts-Swaps“ weiter fortgesetzt werden können. Wird dies zu einem Ansturm auf institutionelle Investoren führen, wenn die europäische Öffentlichkeit erst einmal herausfindet, was sich hier gerade abspielt? Das ist kein Repo-Markt mehr, sondern ein 24-Stunden-Swap-Markt. Der Repo-Markt wird quasi mit Zentralbankfunktionen ausgestattet, während die EZB aufgrund ihrer Struktur marginalisiert wird.

Die italienischen Großbanken hatten sich mit EZB-Vertretern in Frankfurt getroffen, wo vereinbart wurde, dass die Geldvergabe an italienische Banken ausgeweitet wird. Diese Frage rührt aber direkt an dem Problem, dass man die EZB rekapitalisieren muss.

Das Auftauchen dieses neuen Markts für Liquiditäts-Swaps hat dazu geführt, dass die britische Finanzaufsichtsbehörde FSA im Juli dieses Jahres einen Bericht veröffentlichte, worin die neuen Risiken dieser Entwicklung aufgezeigt wurden.

So weitet sich das Problem auf andere Länder aus. Einige US-Banken sind bereits in den Markt gesprungen und stellen europäischen Banken mithilfe von Liquiditäts-Swaps zweistellige Milliardenbeträge zur Verfügung. In Europa gab es die unbesicherte Kreditaufnahme unter Banken zuvor praktisch überhaupt nicht.

Wir befinden uns nun am Rande eines sehr ernsten Wirtschafts-Zusammenbruchs, der vollumfänglich auf das Konto ignoranter Politiker geht, die Nacht für Nacht vor ihrem Bett knien und beten, dass die Risiken auf wundersame Weise einfach verschwinden. Sie hoffen darauf, dass man diesen Problemen mithilfe von Wirtschaftswachstum entkommen kann – schlimmer noch: Es gibt keinen Plan B!

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