Finanz-Armageddon: Endspiel in der Eurozone

Wie viele Megabanken es auf beiden Seiten des Atlantiks durch die Staatspleiten in der Eurozone mit in den Abgrund reißen wird, kann keiner sagen. Was sich heute jedoch bereits sagen lässt, ist, dass wir in den kommenden Monaten eine Finanz- und Wirtschaftskrise erleben werden, die das Panikjahr 2008 mit all seinen Folgen spielend in den Schatten stellen wird. Darüber hinaus wird Europas Krise zu weitflächigen Bürgerunruhen führen, da Millionen Europäer am Ende ohne Arbeitsplätze und Bankkonten dastehen werden, während die Preise durch die Decke schießen

Charles Scaliger, The New American, 25.11.2011

Ganz egal aus welchem Blickwinkel man es auch betrachten mag, es drängt sich der Eindruck auf, dass wir gerade in die finale, unheilvolle Phase der europäischen Schuldenkrise eintreten – ein sich ausbreitendendes, in Zeitlupe voranschreitendes Debakel, das die Welt mit einem noch schlimmeren Finanzchaos überziehen wird als das der Finanzkernschmelze in Amerika im Jahre 2008.

Seit rund zwei Jahren kämpfen die europäischen Entscheidungsträger mittlerweile darum, die Schuldenkrise davor zu bewahren, dass sie gänzlich außer Kontrolle gerät, indem sie kleine, aber massiv verschuldete Länder wie Irland, Portugal und Griechenland mit Rettungsgeldern versorgen. „Die Ansteckung“ – also die Auffassung, dass die Zahlungsunfähigkeit eines Landes zu einer Reihe von unliebsamen Ereignissen in anderen Ländern führen könnte – ist dabei die ganze Zeit über das entscheidende Schlagwort geblieben.

Doch mit Italien, das sich nun dem Kreis der hoffnungslos verschuldeten Länder hinzugesellt, gehen den Europäern allmählich die Handlungsmöglichkeiten aus. Im Gegensatz zu Griechenland und Portugal ist Italien mit seiner Staatsverschuldung in Höhe von USD 2,6 Billionen viel zu groß, als dass man es retten könnte.

Italiens politische Führung war – genauso wie die politische Führung in den USA – in keinster Weise gewillt, die Staatsausgaben einzuschränken, und klammerte sich mit aller Macht an gefeierte Regierungsprogramme, die überhaupt nicht aufrecht erhalten werden können, egal wie hoch man das Volk auch besteuern mag.

In den letzten paar Wochen haben das auch die Märkte mitbekommen, was bei den meisten italienischen Staatsanleihen zu Zinssätzen oder auch „Renditen“ von über 7% führte. Im Rahmen einer Auktion gelang es Italien am Freitag, Staatsanleihen mit einer Laufzeit von sechs Monaten im Wert von USD 10,6 Milliarden zu einem Zinssatz von 6,504% am Markt zu platzieren. Unterdessen rentieren zweijährige italienische Staatsanleihen mit 7,64% und zehnjährige mit 7,26%.

Im Vergleich dazu ist es gerade einmal vier Wochen her, dass sechsmonatige italienische Staatsanleihen noch bei 3,535% lagen. Zweijährige Staatsanleihen rentierten Anfang Oktober gerade einmal mit 4,1%, im März waren es sogar nur 2,3%. Die Kreditaufnahmekosten für Italien haben sich in den vergangenen Monaten also bereits mehr als verdreifacht.

Und auch in anderen Ländern der Eurozone sieht es nicht viel besser aus. Standard & Poor´s hat die Kreditwürdigkeit Belgiens am Freitag von AA+ auf AA abgesenkt und erklärt, dass es dem Land bereits seit 18 Monaten an einer handlungsfähigen Regierung fehlt. Belgien ist im Grunde in zwei unversöhnliche Gruppen, bestehend aus flämischen Politikern und Vertretern der französischsprachigen Gebiete, gespalten.

Darüber hinaus hat sich die Schuldensituation Belgiens in den letzten Monaten erheblich verschlechtert, da das Land die Hälfte der Verluste der französisch-belgischen Pleitebank Dexia kompensieren muss – der bisher größten europäischen Bank, die im Rahmen der aktuellen Krise in die Pleite stürzte.

Den Geldgebern sind die Verwerfungen in Belgien nicht entgangen. Sie trieben die Rendite für zehnjährige belgische Staatsanleihen in weniger als einer Woche um einen ganzen Prozentpunkt in die Höhe. Lag die Rendite am Montag noch bei 4,817%, so lag sie am Freitag bereits bei 5,832%. Die zweijährigen belgischen Staatsanleihen sprangen auf 5,1%.

Spanien, der andere riesige Wirtschaftsraum, der aktuell in den Abgrund starrt, nähert sich zusehends dem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, und das trotz eines Regierungswechsels in Madrid. Die neue konservative Mehrheit in Spanien erbt nun ein Land, das kurz davor steht, erneut in die Rezession abzutauchen, während hier noch eine Arbeitslosenquote von über 20% obendrauf kommt.

Die zweijährigen spanischen Staatsanleihen gingen am Freitag mit einer Rendite von 6,1% aus dem Handel – das war das erste Mal seit der Einführung des Euros, dass diese Papiere über der Marke von 6% lagen. Noch so eine Woche wie diese und Spanien dürfte sich bald genauso wie Italien im Club der +7%-Länder wiederfinden. Und ebenso wie Italien ist auch Spanien – die siebtgrößte Wirtschaft der Welt – viel zu groß, als dass man es retten könnte.

Die internationalen Investoren sind so mittlerweile derart verschreckt, dass Deutschland – das lange als ein Fels der Finanzstabilität galt – am Donnerstag sogar dabei scheiterte, all seine Anleihen loszubekommen.

Während deutsche Anleihen zurzeit immer noch innerhalb tragfähiger Zinsniveaus rentieren, macht sich weltweit zunehmend die Auffassung breit, dass, sollten die Wirtschaften Europas buchstäblich wie Dominosteine zu Boden krachen, selbst Deutschland und Frankreich massiv damit zu kämpfen hätten, Bank-Runs und den Untergang von Megabanken, die mit südeuropäischen Schulden vollgesogen sind, zu vermeiden.

Fassen wir zusammen: Zurzeit sind mit Portugal, Griechenland und Irland drei europäische Länder an lebenserhaltende Finanzgerätschaften angeschlossen. Ohne Rettungsgelder hätten diese Länder überhaupt keine finanzielle Zukunft. Ein Land, das zu groß ist, um gerettet zu werden (Italien), hat bereits unhaltbare Verschuldungsniveaus erreicht, während ein weiteres Schwergewicht (Spanien) nur wenige Basispunkte davon entfernt ist, denselben Weg einzuschlagen. Und dann haben wir mit Belgien noch ein Land, das politisch bereits auseinandergebrochen ist und ebenso wie Spanien kurz davor steht, den Punkt zu erreichen, an dem es kein Zurück mehr gibt.

Keiner kann die Risiken europäischer und amerikanischer Banken im Hinblick auf griechische Schulden quantifizieren, von italienischen oder spanischen Schulden ganz zu schweigen. Es scheint aber so zu sein, dass die kommenden europäischen Staatspleiten auf beiden Seiten des Atlantiks eine ganze Reihe von Großbanken mit in den Abgrund reißen werden, wobei niemand genau sagen kann, wie viele es am Ende sein werden.

Voraussagbar hingegen ist, dass es in den kommenden Monaten zu einer Wirtschaftskrise kommt, die noch tiefgreifender und schlimmer sein wird als die Panik des Jahres 2008 und deren Folgen. Am Anfang – und das ist heute bereits der Fall – wird Amerika von dem Chaos in Europa profitieren, da die Investoren den europäischen Schulden den Rücken kehren und in amerikanische Schuldenpapiere flüchten, die sie als sichere Häfen erachten.

Doch wenn Italien und der ganze Rest in die Zahlungsunfähigkeit abrutschen, so wie es im Jahre 2002 auch bei Argentinien beobachtet werden konnte, dürften sich die politischen wie auch wirtschaftlichen Folgen für die USA als wenig angenehm herausstellen.

Darüber hinaus wird Europas Krise zu weitflächigen Bürgerunruhen führen, da Millionen Europäer am Ende ohne Arbeitsplätze und Bankkonten dastehen werden, während die Preise durch die Decke schießen. In den USA wird sich genau dasselbe abspielen, da die US-Notenbank Federal Reserve in einem letzten desperaten Versuch, uns vor uns selbst zu retten – besser gesagt, die Polit- und Finanzinsider vor sich selbst zu retten – frenetisch Geld druckt.

Die weiter anhaltende Weigerung der US-amerikanischen Entscheidungsträger, den Umfang der US-Bundesregierung zurückzufahren, wird die Auffassung schüren, dass die USA politisch überhaupt nicht in der Lage dazu sind, eine Kehrtwende einzuleiten – es wird sich also exakt dieselbe Auffassung breit machen, die bereits Italien in die Knie zwang.

Und was passiert mit der Eurozone und der Europäischen Union? Viele Insider haben mittlerweile eingeräumt, dass ihr Versuch, den Tag der Vereinigung des Kontinents hastig durch eine Polit- und Finanzunion ohne Fiskalunion herbeizuführen, ein massiver strategischer Fehler war.

Jedes Eurozonenland hat sich seine fiskalische Unabhängigkeit bewahrt, was bei den Staaten zu massiven Unterschieden bei den Schuldenniveaus und extrem unterschiedlichen Rechtsstrukturen führte, wie mit den Staatsschulden am Ende umgegangen wird. Für Erste-Hilfe-Maßnahmen ist es jetzt aber schon zu spät. Die Eurozone wird den heraufziehenden Finanzsturm in ihrer heutigen Form aller Vorausschau nach nicht überleben.

Im Gegensatz dazu scheint die Europäische Union genau so funktionsfähig wie ehedem, zumindest wenn man den europäischen Eliten Glauben schenkt, die sich bisher weigerten, über die Auflösung der EU nachzudenken, völlig ungeachtet, welches Schicksal der europäischen Einheitswährung schlussendlich beschieden sein wird.

Eine mögliche Lösung des Problems bestünde darin, die Eurozone in zwei Währungsräume, in einen Nordeuro und einen Südeuro aufzuteilen. Dafür hatte sich bereits Diokletian entschieden, als das Römische Reich unter seiner Herrschaft in den Staatsbankrott ging. Nach dieser Trennung gingen das Weströmische und das Oströmische Reich völlig verschiedene Wege: Während sich der Osten im Laufe der Zeit in das Byzantinische Reich verwandelte und noch weitere tausend Jahre halten konnte, stürzte der Westen in eine Todesspirale, die das Dunkle Zeitalter einleitete.

Und was die USA anbelangt, so haben wir wiederholt davor gewarnt, dass Europas Gegenwart wahrscheinlich Amerikas Zukunft sein wird.

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