EU-Staatsschuldendebakel hält USA über Wasser

Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, dass die USA unter dem EU-Staatsschuldendebakel zu leiden hätten, handelt es sich bei der Schuldenkrise der Europäer um den entscheidenden Grund, warum in Amerika zurzeit überhaupt irgendwelche positiven Wirtschaftsimpulse ausgemacht werden können

Peter Schiff, Euro Pacific Capital, 10.01.2012

Die jüngsten US-Wirtschaftsdaten wie der moderate Rückgang bei der Arbeitslosenquote und die massive Ausweitung der Verbraucherkredite deuten darauf hin, dass sich die US-Wirtschaft endlich in einer Erholungsphase befindet. Unterdessen wird von Europa das genaue Gegenteil behauptet. Viele Beobachter sind überzeugt davon, dass die Rezession dort wieder Einzug hält. Es ist daher auch keineswegs überraschend, dass der US-Dollar gegenüber dem Euro mittlerweile wieder so stark notiert wie seit September 2010 nicht mehr.

Die Stärke des Dollars wird oft als einer der entscheidenden Beweise dafür herangezogen, dass sich die US-Wirtschaft „verbessert“ – aber die Indikatoren, die ich für wichtig halte, deuten eher darauf hin, dass die US-Wirtschaft zurzeit immer noch künstlich am Leben erhalten wird. Meines Erachtens wertet der Dollar aus Gründen auf, die mit dem Wirtschaftszustand der USA überhaupt nichts zu tun haben.

Zweifelsohne ist die europäische Staatsschuldenkrise aktuell die Hauptattraktion im weltweiten Wirtschafts-Zirkus. Angesichts der Schwierigkeiten, die sich aus der grenzüberschreitenden Politik ergeben, sowie den verschiedenen nationalen Interessen, verlaufen die Verhandlungen in Europa in der Tat einfach nur chaotisch, erbittert und ergebnislos, während das Ganze dann auch noch kritisch durch die weltweite Medien mitverfolgt wird.

Diese Ereignisse haben die Aufmerksamkeit von den Problemen in den USA weggelenkt – Probleme, die in vielerlei Hinsicht sogar noch gravierender sind als die in Europa. Im Gegensatz zu Europa verfügt Amerika aber über die Fähigkeit, die Weltreservewährung nach Belieben zu drucken, und da zwischen der US-Administration und der US-Notenbank Federal Reserve Einigkeit herrscht, konnten die Vereinigten Staaten buchstäblich alle Probleme, mit denen Europa zurzeit konfrontiert wird, einfach ignorieren.

Und genau diese relative Ruhe ist es, die fälschlicherweise als Stärke wahrgenommen wird. So gilt der Dollar nun wieder als der ultimative sichere Hafen unter den Währungen.

Die Tatsache, dass der Dollar als sicherer Hafen angesehen wird, fungiert als selbsterfüllende Prophezeihung. Die Investoren flüchten aus dem Euro und stürmen in Richtung US-Dollar, woraufhin der Dollar im Wert steigt, um diese Nachfrage widerzuspiegeln. Die Aufwertung des Dollars bestätigt wiederum, dass es genau die richtige Entscheidung gewesen ist, Dollars zu kaufen. Darüber hinaus lockt der steigende Dollar zusätzlich weitere Käufer an, welche es auf Profite abgesehen haben, die sich durch die Währungsaufwertung ergeben.

Solange dieser positive Kreislauf anhält, ist alles in bester Ordnung. Der überwiegende Teil der Dollarkäufe geht in Richtung der „sicheren Häfen“ namens US-Staatsanleihen. Daher sind die Zinssätze für US-Staatsanleihen aktuell auch bedeutend niedriger, als sie es ohne die einströmenden Gelder verschreckter Investoren wären.

Obwohl die USA und Italien, objektiv betrachtet, über ein sehr ähnliches Staatsverschuldungsprofil verfügen, liegen die Zinssätze in Washington zurzeit 6% unter denen Roms. Das bedeutet, dass die Amerikaner viel größere Mengen an Schulden machen und viel mehr Geld ausgeben können.

Dieser zusätzliche über Schulden finanzierte US-Konsum kurbelt die Beschäftigung und das BSP an. Die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung sorgen sogar dafür, dass der Dollar noch attraktiver wird, was diesen Zyklus weiter aufrecht erhält.

Wären die Zinssätze in Italien oder Spanien heute immer noch so niedrig wie vor zwei Jahren, hätten diese Länder auch nicht mit den aktuellen Problemen zu kämpfen. Ihre Kreditaufnahmekosten wären nicht gestiegen und die Haushalte wären immer noch handhabbar.

Und genauso verhält es sich auch in den USA. Käme es in den USA zu Zinsanstiegen, wäre die US-Wirtschaft ganz plötzlich all ihres Glanzes beraubt, oder was glauben Sie, was in den USA los wäre, wenn die Zinsen um 2% steigen würden, geschweige denn um 6%!

Die US-amerikanischen Verbraucher, Eigenheimbesitzer, Unternehmen, die Bundesregierung, die Bundesstaaten und die Gemeinden sind auf billige Kredite besonders stark angewiesen. So gravierend die Situation in Europa auch sein mag, in den USA wäre sie noch schlimmer.

Mit anderen Worten: Entgegen der landläufigen Meinung ist es in Wirklichkeit so, dass die Probleme Europas der US-Wirtschaft helfen, anstatt ihr zu schaden – zumindest kurzfristig. Langfristig sind eine erhöhte Kreditaufnahme und erhöhte Ausgaben zur Konsumfinanzierung natürlich nicht hilfreich, genausowenig wie die Schulden der Regierung der US-Wirtschaft dabei helfen werden, sich nachhaltig positiv zu entwickeln.

Würden sich die Fluchtgelder, die aktuell in den sicheren Hafen US-Dollar fließen, wieder in Richtung Euro aufmachen – was denkbar wäre, würden sich in Europa Verbesserungen abzeichnen – käme es zu einem Einbruch des US-Dollars bei gleichzeitigem Anstieg der Zinssätze und Verbraucherpreise. Die US-Wirtschaft befände sich sofort wieder in einer Rezession. Das einzig „Gute“ ist, dass eine solch positive Entwicklung in Europa kurzfristig eher unwahrscheinlich sein dürfte.

Nichtsdestotrotz ist ein solcher sich selbst erhaltender positiver Kreislauf sehr anfällig und kann jederzeit in sich zusammenbrechen. Sollte sich die hässliche Realität einstellen und der Zauber weichen, kann sich die Umkehrbewegung als verheerend herausstellen. Das ließ sich bereits bei der Dot.com-Blase und bei der Entwicklung des US-Eigenheimmarkts beobachten, und ich gehe davon aus, dass dasselbe auch mit dem Dollar und den US-Staatsanleihen passieren wird.

Selbst wenn Europa nicht in der Lage sein sollte, seine Probleme zu lösen, nähern sich die USA trotzdem unaufhaltsam dem Tag der Abrechnung. Und umso länger es braucht, desto schlimmer wird es, da wir es am Ende mit viel mehr Schulden zu tun haben werden.

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