Ansteckungspotenzial: Spanische Grippe könnte Weltwirtschaft in die Knie zwingen

Die von Spanien ausgehende Schulden-Ansteckung könnte sich zum gefährlichsten Exportschlager seit der Spanischen Grippe von 1918 und 1919 entwickeln. Vieles spricht dafür, dass das Ansteckungspotenzial der spanischen Finanzkrise zurzeit massiv unterschätzt wird

John Browne, Euro Pacific Capital, 17.04.2012

Die weltweiten Wirtschaftsführer – darunter auch die Ökonomen der Europäischen Zentralbank, der Europäischen Union, des Internationalen Währungsfonds und der US-Notenbank Federal Reserve sowie weite Teile der Mainstream-Finanzmedien – hatten uns erst vor kurzem versichert, dass die zwischen Griechenland und seinen Gläubigern ausgehandelte Schuldenvereinbarung dabei helfen würde, der europaweiten Schuldenkrise ein Ende zu bereiten.

In Wirklichkeit ist die Krise lediglich übertüncht worden. Trotz einer umfassenden Rally am Aktien- und Anleihemarkt, die die vergangenen Wochen beobachtet werden konnte, bin ich zutiefst überzeugt davon, dass Griechenland innerhalb der nächsten zwölf Monate ein weiteres Rettungspaket benötigen wird.

Doch all die griechischen Fiskalprobleme werden nun auf einmal von einer anderen Nation der südlichen Peripherie Europas überschattet. Spanien hat die europäische Staatspleiten-Bühne betreten und die Rolle des Hauptdarstellers übernommen – und zum Leidwesen des Rests der Welt ist die spanische Wirtschaft fast fünf Mal größer als die Griechenlands. Die Auswirkungen einer spanischen Zahlungsunfähigkeit wären dementsprechend auch bedeutend gravierender.

Ungeachtet all des Hoffens und Bangens bezüglich Griechenlands ist es so, dass die Zahlen, um die es in Griechenland geht, nie groß genug waren, um das globale Finanzsystem ernsthaft zu gefährden. Ein vollständiger Zusammenbruch Griechenlands hätte den Rest des Planeten zwar in Mitleidenschaft gezogen, doch wäre dies für die Weltwirtschaft eher mit einer schweren Erkältung zu vergleichen gewesen.

Die von Spanien ausgehende Schulden-Ansteckung hingegen könnte sich zum gefährlichsten Exportschlager seit der Spanischen Grippe von 1918 und 1919 entwickeln, durch die rund 5% der damaligen Weltbevölkerung ums Leben kamen. Sollte die Krise in Spanien, wie einige Beobachter nahe legen, dazu führen, dass auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit Frankreichs hinterfragt wird, könnten sich die daraus resultierenden Konsequenzen für die Weltwirtschaft durchaus in eine Lungenentzündung verwandeln.

Doch wie kann es sein, dass man noch vor wenigen Wochen verkündete, die Schuldenprobleme der Eurozone seien „eingedämmt“ worden, und Spanien jetzt plötzlich kurz vor dem Ausbruch einer umfassenden Schuldenkrise steht? Die Realität ist, dass sich die jüngsten Ereignisse bereits seit sehr langer Zeit abgezeichnet hatten.

Und genauso wie es bei Griechenland der Fall war, dürfte auch die spanische Regierung ihre Bücher frisiert haben, um Zugang zur Eurozone zu erlangen. Die Mitgliedschaft in der Eurozone bot die Aussicht auf eine starke Währung und den Zugang zu einem fortwährenden Strom aus Käufern, der sich die Staatsschulden zu relativ niedrigen Kosten einverleibt.

Um ihre Machtbasis weiter auszubauen und den ziemlich naiven Traum der europäischen Einheit umzusetzen, haben die Europäische Union und die stärkeren Nationen der Eurozone im Hinblick auf Spaniens Finanzlage wohl ein Auge zugedrückt. Ferner ordneten die EU-Politiker an, dass Ländern wie Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien (PIIGS-Länder) riesige Geldmengen zur Verfügung gestellt werden – finanzielle Zuwendungen, die im Grunde nichts weiter als hochwirksame politische Schmiergelder gewesen sind, um sich bei den Parlamenten dieser Nationen eine EU-freundliche Gesetzgebung zu erkaufen. Die Katastrophe war vorprogrammiert.

Heute, vier Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise, sieht die Situation in Spanien immer noch sehr schlecht aus. Die Spanier sind durch das Platzen einer der größten Eigenheimblasen des europäischen Kontinents immer noch stark angeschlagen, während die gesellschaftlichen Spannungen aufgrund der jüngsten Austeritäts-Reformen immer weiter zunehmen. Während der Boom-Phase warf die spanische Regierung für unbedachte Infrastrukturprojekte riesige Geldmengen aus dem Fenster – dennoch liegt die landesweite Arbeitslosenrate bei 24% und die Jugendarbeitslosigkeit bei über 50%.

Und genauso wie die anderen südlichen Eurozonenländer hat auch Spanien mit trostlosen demographischen Zahlen zu kämpfen. Die Zahl der Rentner schießt in die Höhe, während die Geburtenraten extrem niedrig sind. Im Ergebnis gibt es immer weniger junge Arbeiter, um die großzügigen Renten zu bezahlen, die von der Regierung versprochen wurden.

Noch schlimmer wird das Ganze durch die Tatsache, dass die spanischen Regierungsvertreter die Märkte bezüglich der tatsächlichen Schwere der ökonomischen Probleme hinters Licht führten. Die Vorgängerregierung hatte steif und fest behauptet, dass das spanische Schulden/BSP-Verhältnis bei rund 60% liegen würde. Jetzt hat sich herausgestellt, dass diese Zahl wohl eher mit mindestens 90% veranschlagt werden muss, ja gar bei 200% liegen könnte, wenn man noch die von der Bundesregierung garantierten Schulden mit hinzurechnet.

Die Kreditaufnahme der spanischen Banken bei der Europäischen Zentralbank hat sich im März dieses Jahres verdoppelt, was darauf hindeutet, dass die Liquidität der spanischen Banken mit hoher Rate zurückgeht. Wenn der spanische Immobilienmarkt, wie Einige erwarten, um weitere 30% einbricht, dürften die spanischen Banken weitere Gelder benötigen, um nicht in die Pleite abzurutschen.

Und obwohl sich die Regierung des amtierenden spanischen Premierministers Mariano Rajoy dem ehrgeizigen Austeritätsprogramm verschrieben hat, das Haushaltsdefizit dieses Fiskaljahr auf 5% des BSP abzusenken, fragen sich Viele, ob Rajoy auch den Mut oder auch nur die Autorität hat, diese Pläne tatsächlich umzusetzen. Viele Beobachter sind der Auffassung, dass Spanien jetzt im Grunde denselben Weg eingeschlagen hat, der von Griechenland in 2011 bereits ausgetreten wurde.

Fakt ist, dass die privaten Märkte dazu neigen, finanzielle Unehrlichkeit mit aller Härte zu bestrafen. Die Renditen für spanische Staatsanleihen steigen wieder. Erstmals seit Dezember 2011 durchbrach die zehnjährige spanische Staatsanleihe die Marke von 6%. Am Donnerstag führt Spanien eine große Anleiheauktion mit zehnjährigen Staatsanleihen durch, und Sie können sich sicher sein, dass die Märkte das aufmerksam mitverfolgen werden.

Die Zeit, die mit dem Übertünchen der Probleme in Griechenland und Italien gewonnen wurde, hat es den französischen und deutschen Banken erlaubt, einen Teil ihrer spanischen Schulden abzustoßen. Die Wähler, ja selbst die Regierungsvertreter dieser Länder dürften daher am Ende nur wenig gewillt sein, sich um eine Rettung Spaniens zu bemühen.

Wenn die Märkte erst einmal begreifen, dass eine spanische Zahlungsunfähigkeit unmittelbar bevorstehen könnte, werden sich für spanische Schuldentitel nirgends Käufer finden. Das Risiko einer ungeordneten spanischen Zahlungsunfähigkeit könnte sich rasch zu einer Destabilisierung ausweiten, und der ohnehin bereits schwache Euro könnte massiv unter Druck geraten.

Die sich aus der aktuellen Situation in Spanien ergebenden Implikationen könnten bedeutend weitreichender sein, als dies zurzeit gemeinhin angenommen wird, und die von der Spanienkrise ausgehende Ansteckung könnte zu einer grundlegenden Veränderung der weltweiten Geldordnung führen.

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