Portugal am Abgrund: Fünf Beobachtungen aus dem Landesinneren

Simon Black, Sovereign Man, 10.07.2012

Porto – Portugal ist ein Land, in dem ich mich immer gerne aufgehalten habe. Es ist voller warmherziger und gastfreundlicher Menschen, es gibt exzellente Weine und das Wetter ist großartig.

Nun bin ich nach Porto, die Hauptstadt des zweitgrößten rund 1,8 Millionen Einwohner zählenden Distrikts des Landes, zurückgekehrt, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was seit der Eurokalypse passiert ist.

1. Die Menschen haben die Hoffnung aufgegeben

Wenn wir hier mal die betriebsamen Touristengegenden außen vor lassen, ist es in der Stadt ziemlich ruhig geworden.

In den Geschäften und Restaurants finden sich entweder keine Kunden oder die Mietflächen stehen einfach leer. In zahlreichen Straßenzügen gibt es mehr „zu vermieten“-Schilder als Geschäfte, die noch offen haben.

Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit in Portugal bei 15,2%, und man geht davon aus, dass die Wirtschaft dieses Jahr um 3% schrumpfen wird. Angesichts des offenkundigen Mangels an Wirtschaftsaktivität würde ich jedoch eher davon ausgehen, dass die Zahlen in Wirklichkeit bedeutend höher sind.

Es steht außer Frage, dass sich in Portugal nun die Realität breitgemacht hat. Die Einheimischen haben die „Hoffnung“, dass wie durch ein Wunder wieder bessere Zeiten kommen, aufgegeben und ihr Konsumverhalten entsprechend angepasst.

2. Austerität: Zu wenig, zu spät

In den letzten paar Jahren belief sich die Staatsausgabenquote auf 40% des portugiesischen BSP. In Europa wird das nur von zwei anderen Ländern getoppt und Sie werden sich sicherlich denken können, welche das sind: Griechenland und Irland.

Rechnet man hier noch die Ausgaben der Distrikt- und Kommunalregierungen hinzu, kommt man in Wirklichkeit sogar auf eine Staatsquote von über 50% des BSP. Das ist absolut irre.

Im Rahmen des EU-Rettungspakets vom letzten Jahr wurde vereinbart, dass die portugiesische Regierung Einsparungen vornimmt. Oder so was in der Art.

Beispielsweise versuchte die Regierung vor kurzem, die Leistungsbezüge für Staatsbedienstete zu reformieren. Portugals Verfassungsgericht kippte die neuen Regelungen jedoch und erklärte die Streichung des Weihnachtsgelds und der großzügigen Urlaubsgelder der Beamten für verfassungswidrig.

Die portugiesische Regierung versuchte auch, das kaputte Rentensystem zu überholen – bis auf einmal sogar der portugiesische Präsident, Aníbal Cavaco Silva, damit anfing, sich über die Einschnitte bei seinen eigenen Pensionszahlungen aufzuregen.

Jetzt mal ehrlich – derlei Dinge könnte man sich doch im Leben nicht ausdenken.

Alles, was die Nationalregierung und die Distrikt-Regierungen bisher erreichen konnten, sind minimalste Einsparungen, wo bei den Haushaltszahlen praktisch nur Rundungsfehler geglättet wurden: Landschaftspflege, Müllabfuhr und dergleichen.

Die Ergebnisse lassen sich auf den Straßen beobachten. Abgesehen von den wichtigsten Touristengegenden Portos wuchert das Gras auf den öffentlichen Anlagen kniehoch.

Diese Sparmaßnahmen sind beim Haushalt aber höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein. Dem Wort „Austerität“ kommt in Portugal wirklich keinerlei Bedeutung zu. Das Land wird erneut direkt in die Zahlungsunfähigkeit abrutschen. Ich gehe davon aus, dass die Rendite für 10-jährige portugiesische Staatsanleihen, die gegenwärtig bei 10,3% liegt, erneut steigen wird.

3. Unglaublich billig

Portugal ist jetzt eines der billigsten zivilisierten Orte auf dem Planeten, wo man leben kann. Aufgrund der Wirtschaftskontraktion sind die Vermögenspreise und zahlreiche Einzelhandelspreise substantiell gefallen.

Für die mittleren und gehobenen Segmente des Immobilienmarkts gibt es überhaupt keine Kaufgebote mehr, und die Eigentümer von Investment-Immobilien, die ihre Hypotheken bedienen müssen, werden zunehmend verzweifelter.

Um Ihnen eine Vorstellung zu vermitteln: Ich übernachte in einem 190 Quadratmeter großem Luxus-Appartment mit drei geräumigen Schlafzimmern, das sich in einem relativ neuen Gebäudekomplex befindet, der während des Immobilienbooms der letzten paar Jahre fertiggestellt wurde. Das Appartment kostet mich pro Tag atemberaubende USD 60.

Der Gebäudekomplex ist eine Geisterstadt. Innerhalb von vier Tagen bin ich hier gerade mal vier Menschen begegnet, und wenn ich auf der Terrasse stehe und mir die anderen Wohneinheiten so ansehe, dann stehen die meisten davon leer.

Die Immobilieneigentümer, mit denen ich gesprochen habe, erklärten mir, dass sie ihre Flächen an Einheimische nicht langfristig weitervermieten möchten, da sie nicht in der Lage sind, die Mieten zu zahlen. Und wenn sie dann ihre Mietzahlungen einfach aussetzen, ist es aufgrund der Gesetzgebung in Portugal außerordentlich schwierig, sie wieder aus der Wohnung zu bekommen.

Dadurch wird ihr Markt an potenziellen Mietern natürlich ziemlich klein, was auch der Grund für die billigen Preise ist.

4. Goldgeschäfte laufen großartig

Überall in der Stadt machen Gold-Aufkäufer auf – es scheint fast schon so eine Art von Franchise-Kette zu sein. Es ist total verrückt, manchmal sieht man sogar zwei oder drei dieser Läden in ein und derselben Straßenzeile … so wie bei den Starbucks-Läden.

Bei vielen dieser Gold-Aufkäufer herrscht lebhaftes Treiben, da die Einheimischen schauen, wie sie noch irgendwie an Geld kommen können. Das Geschäft dieser Läden beschränkt sich aber ausschließlich auf den Goldkauf, verkauft wird nichts.

5. Mangel an produktiven jungen Menschen

Es gibt einen bemerkenswerten und unverhältnismäßigen Mangel an jungen Menschen zwischen, na ich würde sagen, 15 und 35 Jahren.

Es macht ganz den Anschein, als wäre ein bedeutender Teil der portugiesischen Jugend bereits in wirtschaftlich aussichtsreichere Gefilde aufgebrochen. Am meisten sticht hier natürlich Brasilien heraus, wo sie ohne weiteres eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeit bekommen und sich in die Gesellschaft integrieren können … Es gibt aber auch Grenzmärkte wie Angola (eine ehemalige portugiesische Kolonie mit einem boomenden Rohstoffsektor).

Es ist offenkundig, dass sich Menschen mit Talent und Mut zurzeit aus dem Staub machen.

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