Wirtschaftskrise: Reale Inflation macht US-Verbrauchern schwer zu schaffen

Peter Schiff, Europac.net, 16.10.2012

Journalisten, Politiker und Ökonomen scheinen sich alle darin einig zu sein, dass die Arbeitslosigkeit das größte wirtschaftliche Problem ist, das die US-Wähler zurzeit beschäftigt. Sie kommen daher zu dem Schluss, dass es im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf vor allem darum geht, welcher der beiden Kandidaten die Öffentlichkeit davon überzeugen kann, dass mit seiner Politik Arbeitsplätze geschaffen werden. Das scheinen alle begriffen zu haben … bis auf die Wähler.

Laut einer vergangene Woche veröffentlichten Umfrage von Fox News, bei der 1.200 registrierte Wähler telefonisch befragt wurden, sind 41% der Auffassung, dass die „Inflation“ das „größte wirtschaftliche Problem ist, mit dem sie konfrontiert sind.“ Das sind fast doppelt so viele Menschen wie diejenigen, die die „Arbeitslosigkeit“ zu ihrer Hauptsorge erklärten (24%). Ferner brachte die Umfrage zutage, dass 19% der Befragten die „Steuern“ und 7% den „Eigenheimmarkt“ als ihre Hauptsorge erachten.

Und ganze 44% aller Frauen – die in der Regel mit den Haushaltseinkäufen befasst sind und daher gegenüber Preisveränderungen sensibler sein dürften – erklärten, dass steigende Preise ihre Hauptsorge seien.

Und obwohl mich diese Daten nicht überraschen, sollte die Umfrage das Establishment in Angst und Schrecken versetzen. Laut der US-Notenbank Federal Reserve gibt es überhaupt keinen Grund, sich über die Inflation Sorgen zu machen. Ein ums andere Mal hat der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke vor dem US-Kongress und der Presse erklärt, dass die Teuerung unter dem Inflationsziel der Fed – was immer das auch sein möge – liegen würde. Die US-Behörde für Arbeitsmarktstatistik erklärt dasselbe.

Die offiziellen Inflationsindikatoren wie der Verbraucherpreisindex und die Verbraucherausgaben weisen eine Teuerung von weniger als 2% aus. Das US-Handelsministerium kam bei seiner Berechnung des US-Bruttosozialprodukts für das zweite Quartal auf ein Wachstum von 1,3% und hat dabei eine jährliche Inflation von gerade einmal 1,6% zugrunde gelegt.

Laut Bernanke ist die Inflation sogar so niedrig, dass er sich in Wirklichkeit über die Deflation Sorgen macht, die seines Erachtens viel gefährlicher ist. Deshalb zielen seine geldpolitischen Strategien auch darauf ab, die Inflationsrate zu erhöhen – und zwar nicht nur, um die Phantombedrohung namens Deflation zu bekämpfen, sondern auch um den Eigenheimmarkt anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit abzusenken. Bernanke geht fälschlicherweise davon aus, dass der Eigenheimmarkt und die Arbeitslosigkeit die Probleme seien, die die US-Bürger am stärksten beschäftigen.

Und wenn die Inflation tatsächlich so niedrig ist, wie die US-Regierung behauptet, ja wie kann es dann sein, dass sich darüber so viele Menschen Sorgen machen? Es ist ja nun nicht so, als würden die Medien und die Kandidaten die Ängste bezüglich der Preissteigerungen nicht regelmäßig zerstreuen.

Die Tatsache, dass sich siebenmal mehr Amerikaner über steigende Nahrungsmittelpreise Sorgen machen als über Preisrückgänge am Eigenheimmarkt – und das obwohl die Medien massiv und fortwährend über den US-Eigenheimmarkt berichten –, zeigt jedoch, wie groß das Inflationsproblem in Wirklichkeit sein muss. Trotzdem schlucken die meisten Marktbeobachter die staatliche Propaganda, ohne sie zu hinterfragen. Ja selbst bei Fox News, das die Umfrage vergangene Woche ja veröffentlicht hatte, scheint sich niemand über die Bedeutung der Daten im Klaren zu sein, denn ich habe dazu keinen Artikel oder Bericht finden können.

Jahrelang haben meine Kritiker versucht, mich aufgrund meiner Inflationsängste zu diskreditieren, und dabei stets auf staatliche Statistiken mit niedrigen Teuerungsraten verwiesen. Ich behaupte jedoch seit langem, dass diese Statistiken die Inflationsrate schönen, und die Ergebnisse der jüngsten Umfrage unterstreichen meine Vermutung.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie sich diese Diskrepanz erklären lässt: Entweder liegt die US-Regierung richtig und die Verbraucher machen sich über ein Problem Sorgen, das es garnicht gibt, oder die Sorgen der Verbraucher sind real und die staatlichen Statistiken sind es nicht. Meines Erachtens scheint es bei Weitem wahrscheinlicher, dass die Verbraucher Recht haben. Und sollte das der Fall sein, stecken die USA in unglaublichen Schwierigkeiten.

Wenn die jährliche Inflation in Wirklichkeit über der Marke von 3% liegt – wovon auszugehen ist, wenn sich die Verbraucher so stark darüber sorgen –, dann befinden sich die USA bereits in einer Rezession. Hätte die US-Regierung das BSP des zweiten Quartals um 3% bereinigt (anstatt der 1,6%, die man bei der Berechnung zugrunde gelegt hat), wäre ein Rückgang von 0,1% anstatt ein Wachstum von 1,3% herausgekommen.

Ich bin der Auffassung, dass, hätte die US-Regierung in den letzten paar Jahren bessere Daten verwendet, dabei unter Umständen herausgekommen wäre, dass es nach der Rezession, die im vierten Quartal 2007 begann, überhaupt keine Wirtschaftserholung gegeben hat. Dies würde auch erklären, warum die „Erholung“ dabei scheiterte, Arbeitsplätze zu schaffen und die Einkommen zu erhöhen.

Der Nullzinspolitik der US-Notenbank liegt die Annahme zugrunde, dass es gegenwärtig keine Inflation gibt. Wenn dies aber nun falsch ist, dann begehen die Notenbanker zurzeit einen massiven geldpolitischen Fehler. Die Fed führt gegenwärtig geldpolitische Lockerungsmaßnahmen durch, obwohl sie eigentlich Straffungsmaßnahmen einleiten müsste.

Wenn die Inflation heute schon eine so große Sorge darstellt, ja stellen Sie sich vor, wie groß das Problem erst ausfallen wird, sollte die Fed ihr Ziel, die Teuerung anzuheizen, tatsächlich erreichen. Noch wichtiger: Wie stark müssten die geldpolitischen Straffungsmaßnahmen in Zukunft eigentlich ausfallen, um den Geist der Inflation wieder in die Flasche zurück zu bekommen?

Sollte die Inflation bedeutend anziehen, noch bevor die Fed begreift, welchen Fehler sie hier begeht, könnte es durchaus sein, dass sie gezwungen sein wird, die Zinssätze stark anzuheben. Zurzeit wird davon ausgegangen, dass die US-Staatsverschuldung in den kommenden Jahren die Marke von USD 20 Billionen durchbrechen wird. Das würde bedeutend, dass die US-Regierung bei einem Zinssatz von 10% – der benötigt würde, um eine Inflation im Stile der 70er Jahre zu bekämpfen – allein USD 2 Billionen pro Jahr nur für die Zinszahlungen aufbringen müsste. Dadurch würden alle bisherigen Wirtschaftsprognosen vollständig auf den Kopf gestellt.

Ein Zinssatz von 10% würde die US-Wirtschaft wahrscheinlich vernichten, von den Banken und dem Eigenheimmarkt ganz zu schweigen. Die Steuereinnahmen würden einbrechen, während die Staatsausgaben der US-Regierung explodieren würden. Und wenn wir hier einmal annehmen, dass diese Finanzierungslücke dann mittels neuer Kredite ausgeglichen würde, würde dies bedeuten, dass die jährlichen Haushaltsdefizite noch wesentlich höher ausfielen, als die lächerlich hohen Niveaus, die wir während Obamas aktueller Amtszeit sehen durften.

Jährliche Haushaltsdefizite von USD 2 Billionen, USD 3 Billionen oder gar USD 4 Billionen würden zu einer Staatsschuldenkrise führen, die die Bundesregierung dazu zwingen würde, auf ihre Schulden die Zahlungsunfähigkeit zu erklären oder sie einfach wegzuinflationieren. Und angesichts der Tatsache, dass die Politiker dazu neigen, das Letztgenannte zu präferieren, haben all jene Wähler, die die Inflation heute bereits für ein Problem halten, noch Garnichts gesehen!

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