Endspiel: Wenn Demokratien unregierbar werden

Die Industrieländer befinden sich jetzt in der letzten Phase des Lebenszyklus von Staaten – ein sehr schmerzlicher Prozess, der bei vielen Ländern zur Folge haben wird, dass sie buchstäblich unregierbar werden

Gordon T. Long, Gordontlong.com, 11.12.2012

Im Lebenszyklus von Staaten gibt es fünf charakteristische Phasen. Diese Phasen des Lebenszyklus sind längere Phasen ähnlich wie beim Kondratjew-Zyklus. Und da diese Phasen mit grundlegenden Verhaltensveränderungen einhergehen, haben sie einen maßgeblichen Einfluss auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung eines Landes.

Die einzelnen Phasen können wie folgt zusammengefasst werden:

Die Demokratien haben es gegenwärtig mit Phase V zu tun, wobei sie nun kurz davor stehen unregierbar zu werden. Das hängt mit der Erwartungshaltung der Wählerschaft und den staatlichen Zuwendungen zusammen – ein Problem, das von James Madison bereits in den „Federalist Papers“ erörtert wurde, wo er zu dem Schluss kam, dass die Tyrannei der Masse eine extreme Gefahr darstellt:

„Es ist in einer Republik von außerordentlicher Wichtigkeit, die Gesellschaft nicht nur vor der Unterdrückung ihrer Herrscher zu beschützen, sondern auch einen Teil der Gesellschaft vor der Ungerechtigkeit eines anderen Teils … In einer Gesellschaft, wo die stärkere Fraktion sich ohne Weiteres vereinen und den schwächeren Teil unterdrücken kann, dürfte so wie in der Natur tatsächlich Anarchie herrschen, wo die schwächere Person vor der Gewalt des Stärkeren nicht geschützt ist.“

Austeritätsmaßnahmen sind keine Wahlwerbung: Zustimmungsrate von Amtsinhabern in Prozent.

Phase V

Nachdem die Blasen geplatzt sind und der Schuldenabbau eingesetzt hat, gehen die Privatschulden, die Ausgaben des Privatsektors, die Preise der Vermögenswerte und das Nettovermögen in einer sich selbst befeuernden Abwärtsspirale immer stärker zurück. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, werden gewöhnlich die Staatsverschuldung, die staatlichen Haushaltsdefizite und die „Gelddruckmaßnahmen“ der Zentralbanken ausgeweitet.

Auf diese Art senken die Zentralbanken und die Regierungen die Realzinsen und erhöhen das nominelle BSP-Wachstum, so dass es erheblich über den nominellen Zinssätzen liegt und die Schuldenlast abgemildert wird.

Im Ergebnis sorgen diese niedrigen Zinsen dafür, dass sich die Währungen abschwächen und sich eine armselige wirtschaftliche Situation einstellt. Die Schulden und Vermögenswerte dieser Länder entwickeln sich schlecht und sie sehen sich in immer stärkerem Maße dazu gezwungen, mit billigeren Ländern, die sich in einer früheren Entwicklungsphase befinden, in Wettstreit zu treten. Die Währungen dieser Länder werten ab, und sie lieben es auch noch! Infolge dieser wirtschaftlichen und finanziellen Trends geht die Macht der Länder in dieser späten Entwicklungsphase zurück.

Die Akzeptanz von Phase V

Erfolg sorgt für Selbstgefälligkeit und Selbstgefälligkeit führt zur Verschuldung. Die Fiatwährungen ermöglichen es einem Land in der späten Phase seines Lebenszyklus, die Einsicht, dass es nicht mehr länger reich ist, hinauszuzögern. Verhindern kann es diese Einsicht jedoch nicht.

Die Industrieländer und die Schwellenländer befinden sich also in zwei völlig verschiedenen Situationen, weshalb auch ihre Verhaltensweisen und ihre Prioritätensetzungen grundverschieden sind. Die Industrieländer haben sich Phase V immer noch nicht eingestanden, das kommt erst noch – und wenn das passiert, wird es für die meisten Menschen (und die Finanzmärkte) plötzlich und schockierend vonstattengehen.

Die Länder, die sich in Phase I, II und III befinden, bleiben unterdessen weiter von den Ländern abhängig, die bereits in späteren Entwicklungsphasen sind, was zur Folge hat, dass der Abstieg in die Verarmung in Phase IV und V für alle Beteiligten schmerzvoll ist.

Das Endspiel

Da die Regierungen aggressiv Kredite aufnehmen, um den Fremdkapitalabbau des Privatsektors zu kompensieren, verlagert sich die Krise in Richtung Staatsschulden und Währungen, anstatt sich auf den Eigenheim- oder den Aktienmarkt zu konzentrieren.

In einer Phase bedeutender weltweiter Ungleichgewichte – mit der die Welt heute konfrontiert ist – hat das zur Folge, dass der demokratische Entscheidungsfindungsprozess extrem schwierig wird und einige Demokratien an den Rand der Unregierbarkeit gelangen. Und in den Ländern, wo wie in den USA eine völlig überzogene Erwartungshaltung vorherrscht, wird sich die Unregierbarkeit einstellen.

Die vorgenannten und viele weitere Aspekte – die hier eingehend besprochen werden – deuten darauf hin, dass es in zahlreichen demokratischen Industrieländern bis Ende dieses Jahrzehnts zu einer Verfassungskrise kommen wird.

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