Falsch verstanden

Der Wochenrückblick: Wo Frauen nichts zu sagen haben, was Demokratie von »mehr Demokratie« unterscheidet, und wohin wir nicht mit der S-Bahn fahren

Hans Heckel, Preußische Allgemeine Zeitung, 04.01.2013

Mit der Zeit wird man bescheiden. Früher gingen wir noch mit den allergrößten Erwartungen in jedes neue Jahr. Was es wohl bringen, was sich alles ändern wird? Ob gar eine ganz neue Epoche anbricht? Ja, mindestens!

Lange her: Heute backen wir kleinere Brötchen. Ein wenig mehr Klarheit über all die unentwirrbaren Phänomene unserer Zeit würde uns schon reichen. Unsere Ära scheint vor allem aus einem zu bestehen: aus Missverständnissen. Keiner versteht mehr etwas richtig, überall quält uns der stechende Verdacht, dass alles ganz anders sein könnte, als es scheint oder als es uns erzählt wird.

Aber es gibt Grund zur Hoffnung: Was beispielsweise das Rätsel der „Multikulturellen Gesellschaft“ angeht, sind drei Hamburgerinnen der Klärung einen einschneidenden Schritt nähergekommen. Es passierte in der S-Bahn, abends kurz vor Weihnachten. Zwei junge Männer, einer bis zum Hals tätowiert, reden ziemlich unflätig über ihre Nachbarn mit Immigrationshintergrund, Schimpfwörter wie „Kanaken“ und Schlimmeres fliegen nur so umher. Erstaunlich: Drei türkische Jungmannen, die genau daneben sitzen, scheint das nicht weiter zu stören.

Dann betreten die drei Damen den Zug, zwei so Ende 50, eine Mitte 30. Sie werden Zeugen des Gesprächs über Immigranten und mischen sich zivilcouragiert ein: Was ihnen einfiele, faucht die Jüngere die beiden Deutschen an. Das sei rassistisch und ja wohl sowas von nazimäßig, was sie da sagten.

Die beiden Männer verschränken bloß grinsend die Arme und machen ungerührt weiter. Darauf wendet sich die engagierte junge Frau an die Türken. Wieso sie sich diese „Nazisch…“ gefallen ließen, will sie von ihnen wissen. Die blicken sich nur unverwandt an, bis sich einer der drei zu der jungen Dame umdreht und sie belehrt: „Frauen haben gar nichts zu sagen, Alte! Zeig ma’ Respekt und quassel nicht dazwischen, wenn Männer sich unterhalten!“

Die Dame läuft puterrot an: „Das ist ja wohl … also mit der Einstellung müsst ihr euch nicht wundern, wenn immer mehr Rassisten …“ Weiter kommt sie nicht, denn mit nunmehr erhobener Stimme fährt der Türke dazwischen: „Äi! Alte! Has’ mich nicht verstanden! Halt die Fresse!“

Unter den drei Damen entfaltet sich atemloses Getuschel, das begleitet wird von den in aller Ruhe fortgesetzten Gesprächen der beiden Männergruppen und dem lauten Gelächter eines etwas abseits sitzenden Herren in mittlerem Alter, der vor Gegacker heftig nach Luft ringt. Das bin ich.

Die Damen hatten die Multikulturelle Gesellschaft offenbar anders verstanden als die drei Türken. Dieses Missverständnis ist ausgeräumt. Vermutlich hatten es die Hamburgerinnen bislang versäumt, das Thema auch einmal mit Immigranten unterschiedlichster Herkünfte persönlich zu besprechen statt nur mit ihresgleichen. Ich meine: Außerhalb von „Interkulturellen Workshops“ und anderen öffentlichen Veranstaltungen, wo jene Immigrantenvertreter auftreten, die entweder wirklich integriert sind oder zumindest wissen, was sich in der Gesellschaft fortschrittlicher Deutscher gehört, sprich: Was die von ihnen hören wollen. Für die jungen Türken in der S-Bahn war jedenfalls klar: Multikulti bedeutet, sie nicht mit Versatzstücken der verhassten „deutschen Leitkultur“ wie etwa der „Gleichberechtigung der Frau“ zu behelligen.

Blöde Kühe, die drei? Wir sollten uns nicht aufs hohe Ross setzen, ebenso wie die Hamburgerinnen missverstehen wir auch so einiges. Was stellen Sie sich unter einem Verein vor, der sich „Mehr Demokratie e.V.“ nennt? Keine Frage: Das sind bestimmt die sogenannten „Basisdemokraten“. Die treten seit den 70er Jahren dafür ein, dass nicht entfernte Regierungen und Parlamente über lokale Sachen entscheiden, sondern die direkt betroffenen Bürger selbst. Richtig? Weit gefehlt: Die Anwohner der Berliner Treitschkestraße haben eine Umbenennung ihrer Straße mit großer Mehrheit abgelehnt. Und wer ausgerechnet läuft Sturm gegen die Entscheidung? Genau: „Mehr Demokratie e.V.“ will eine neue Abstimmung, in der die Anwohner der Straße von vornherein in der Minderheit sein sollen, weil das Ergebnis unerträglich sei. Mit anderen Worten: Demokratie ist, wenn das Ergebnis stimmt. Historiker Treitschke (1834–1896) sei nämlich Antisemit, weil er geschrieben hat:

„Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: Die Juden sind unser Unglück!“

Hm, das klingt doch eher so, als hätte der Mann den damals grassierenden Antisemitismus beklagt, oder? Das macht ihn zum Antisemiten? Dann ist Wolfgang Thierse wohl ein Nazi, wenn er behauptet: „Der Rechtsextremismus ist überall in der Gesellschaft verbreitet.“

Na ja, das ist bestimmt noch so eins von diesen zahllosen Missverständnissen. Bei Treitschke wie bei Thierse. Allerdings gibt es einen Unterschied: Neben den Missverständnissen, die einem aus Versehen passieren, gibt es nämlich solche, die man sich eigens zurechtlegt. So behaupten die Treitschke-Jäger immer nur, der Historiker habe „Die Juden sind unser Unglück“ gesagt und lassen die Zeilen davor weg. Geschickt, nicht wahr?

Das Nicht-verstehen-wollen kann einen bis an den Rand der Taubheit treiben. Neulich interviewte eine Moderatorin im öffentlich-rechtlichen „Morgenmagazin“ einen sogenannten „Reichtumsforscher“. Von ihm wollte sie wissen, ob die Reichen bereit seien, mehr Steuern zu zahlen.

Der Forscher antwortet, im Prinzip schon, wenn sie sicher sein könnten, dass das Geld auch der alleinerziehenden Mutter zugutekomme statt griechischen Milliardären oder der Finanzindustrie. Darauf fragt die Moderatorin den Forscher: Er glaube also nicht, dass die Reichen mehr hergeben möchten? Der Gefragte wiederholt seine Antwort, doch die Moderatorin hört sie einfach nicht und fragt abermals das Gleiche, woraufhin sie wieder die identische Antwort erhält. Das geht so weiter bis zur Abblende.

Die ideologische Festigkeit der Moderatorin nötigt Respekt ab: Sie hat tief verinnerlicht, dass „Umverteilung“ gut und sozial ist und dass auch „Europa“ gut und sozial ist. Dass über „Europa“ aus der „Umverteilung“ eine ganz fiese Absahnerei zugunsten geldgieriger Cliquen werden könnte, diesen ungehörigen Gedanken lässt sie gar nicht an sich heran, da versagt ihr Gehör.

Immerhin gibt es in diesem schwer zu durchschauenden Dickicht aus Missverständnissen und Nicht-verstehen-wollen noch einen Mann im Land, der nicht nur größtes Verständnis hat, sondern auch Dinge, die lange aus dem Ruder gelaufen sind, wieder geraderückt: unseren Bundespräsidenten! In seiner Weihnachtsansprache mahnte Joachim Gauck, „Sorge bereitet uns auch die Gewalt in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben“.

Das hatten wir vollkommen verdrängt, denn über Jahre war der Eindruck erzeugt worden, dass Gewalt eher überdurchschnittlich häufig von sogenannten „Südländern“ ausging, als dass diese Bevölkerungsgruppe häufiger als andere Opfer geworden wäre. Der Eindruck stammte daher, dass in den Presseberichten oftmals der Hinweis auf „südländisch aussehende Täter“ fiel oder die Vornamen mutmaßlicher Gewalttäter verraten wurden.

Seitdem auf die Erwähnung solch irritierender Details weitestgehend verzichtet wird, entsteht wieder mehr Raum für eine politisch einwandfreie Sichtweise des Gewaltproblems. Das lässt aufatmen und sollte uns allen Ansporn sein, wieder öfter zu den Demos zu fahren, wo ein „Zeichen gegen Rechts“ gesetzt wird. Allerdings nehmen wir dafür nicht mehr die S-Bahn.

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