Was uns die glänzenden Umsätze von Ferrari über die Lage der Weltwirtschaft verraten

Beruhigend: Ein Teil der Billionen, die die Zentralbanken in den letzten paar Jahren gedruckt haben, ist mittlerweile bis zur Realwirtschaft durchgesickert

Wolf Richter, Testosteronepit.com, 18.02.2013

Die Meldung hätte im krisengeschüttelten Italien nicht glanzvoller ausfallen können. Ferrari konnte in 2012 Rekordumsätze und einen Rekordgewinn verbuchen. Die Meldung war in jeglicher Hinsicht umwerfend. Nicht ein einziges Wölkchen trübte den Himmel … wenn man hier einmal davon absieht, dass die Verkäufe in Italien eingebrochen sind. Aber im Rest der Welt sorgte die Druckerschwärze der Zentralbanken für Rekordergebnisse.

Die weltweiten Umsätze sind im Vergleich zu 2011 um 8% auf EUR 2,43 Milliarden gestiegen und haben damit sogar den Rekord überflügelt, der 2008 verzeichnet wurde, bevor die Finanzkrise die Nerven der Reichen in Mitleidenschaft zog. An die Händler wurden letztes Jahr insgesamt 7.318 Autos ausgeliefert – ein Zuwachs von 4,5%. Und auch die Preiserhöhungen saßen. Der Nettogewinn ist um 17,8% auf EUR 244 Millionen gestiegen, und die Firma sitzt aktuell auf Bargeldbeständen von über EUR 1 Milliarde.

„Wir sind unglaublich stolz darauf, dass wir dieses Jahr ungeachtet der unvorteilhaften wirtschaftlichen Lage in zahlreichen europäischen Ländern und der ausgesprochen feindlichen Lage in Italien mit dieser Art von Ergebnissen beenden konnten“,

so der Vorsitzende Luca di Montezemolo. „Die ausgesprochen feindliche Lage in Italien“ – darauf kommen wir noch zu sprechen.

Di Montezemolo war voller Lobes: „Dafür sind die Männer und Frauen bei Ferrari und die Stärke der Marke verantwortlich“, usw. usf. Dabei vergaß er jedoch, den allerwichtigsten Faktor zu erwähnen, der zum Glanz von Ferrari beitrug: Die Zentralbanken. Sie druckten Billionen an Dollars, Euros, Yuan und anderen Währungen und überreichten sie ihren Kompagnons. Neben der gigantischsten Kreditblase aller Zeiten sind dadurch auch viele kleinere Nebenblasen geschaffen worden, und einige davon sickerten bis zu den Luxusgütern durch.

Ferrari – das zu 90% der illustren Schwester Fiat und zu 10% Piero Ferrari gehört – macht viele Dinge richtig. Ferrari baut nicht nur fantastische Autos, die sich nur wenige Menschen leisten können und die von noch weniger Menschen tatsächlich als Alltagsgefährt genutzt werden (Ferraris sind ja Vermögenswerte und keine Transportmittel), sondern betreibt auch ein herausragendes Management seines Markennamens: Brand Finance erklärte jüngst, dass Ferrari basierend auf Finanzmessgrößen und qualitativen Kennzahlen die wertvollste Marke der Welt ist – und das auf einem Spielfeld, wo sich auch Apple, Coca Cola und andere Giganten tummeln.

Und so stiegen die Verkaufszahlen in den USA und Kanada dann auch um 14,6% auf 2.058 Autos, was ein Allzeitrekord ist. Im Nahen Osten, Afrika und dem „größeren China“ sind die Verkaufszahlen ebenfalls gestiegen. In Japan legten die Verkäufe um 14,4% zu. Die Wirtschaftsstagnation gilt nicht für die Reichen.

Ja selbst in Europa „lief es sehr beeindruckend“ – obwohl die PKW-Verkaufszahlen dort insgesamt um 8,2% zurückgingen, da die Wirtschaftkrise das Einkommen der Europäer wegfrisst. In Deutschland stiegen die Verkäufe um 8,2% auf 750 Fahrzeuge, und in Großbritannien konnten sie um 20,4% auf 673 Fahrzeuge zulegen. In der Schweiz lag der Zuwachs bei 17,4%; dort wurden in 2012 insgesamt 357 Wagen verkauft. Ja gut, das sind jetzt nicht sonderlich viele Autos, wenn man sie den 13,6 Millionen Autos gegenüberstellt, die letztes Jahr in Europa verkauft wurden, aber Ferraris sind ja auch nur für die wenigen Auserwählten.

In Italien wurden aber nur 318 Autos ausgeliefert, das ist ein massiver Einbruch von 46%. Die Autoverkäufe in Italien sind zwar um 20% zurückgegangen, doch warum haben ein paar hundert reiche Italiener plötzlich damit aufgehört, Autos zu kaufen? In anderen Ländern konnte das die Reichen doch auch nicht davon abhalten. Also, warum wollten die Italiener nicht die hart verdienten Früchte ihrer Arbeit genießen? Ach ja, die „ausgesprochen feindliche“ wirtschaftliche Lage, wie es der Vorsitzende di Montezemolo so elegant formulierte.

Genauer gesagt: Das harte Vorgehen gegen Steuerbetrüger. Das Thema wurde ja so massiv ins mediale Scheinwerferlicht gerückt, dass selbst in den USA regelmäßig darüber berichtet wurde, wo nicht gerade sonderlich vielen Meldungen aus Italien eine solch zweifelhafte Ehre zuteilwird.

Nachdem es ihn an die Spitze der Macht gespült hatte, verkündete der italienische Premierminister Mario Monti, dass er etwas gegen die Staatsverschuldung von USD 2,5 Billionen unternehmen will, unter der Italien so zu leiden hat. Und er wandte sich dorthin, wo Geld zu holen ist … bei der Steuervermeidung in einer Wirtschaft, wo rund 17% aller Aktivitäten im Untergrund stattfinden.

Die Ziele wurden sorgsam ausgewählt. Beispielsweise führte die Agenzia delle Entrate im alpinen Ski-Resort Cortina d´Ampezzo im Februar 2012 eine Razzia durch. Dabei gingen den Steuerfahndern zahlreiche Leute aus der Mittelschicht ins Netz, die zwischen EUR 30.000 und EUR 39.000 pro Jahr verdienen und sich dort ihre Zeit vertreiben – und ihre glänzenden Ferraris zur Schau stellen.

Es ging aber nicht nur um Privatpersonen. „Wir identifizierten Firmen, die angeblich bereits seit Jahren Verluste machen“, so Marco di Capua, der stellvertretende Direktor der Agenzia delle Entrate. „Wenn jemand sich einen SUV oder eine Jacht kauft oder seine Kinder in Privatschulen schickt und Umsätze von EUR 5.000 pro Jahr angibt, ja dann fragt man sich schon, wie das möglich ist.“

Im Mai 2012 war Monti bereits auf kulturelle Veränderungen aus und postulierte, dass der Steuerbetrug der Reichen zum Schaden der Armen sei. Sie geben „ihren Kindern vergiftetes Brot“, so Monti. Die Steuerbehörden behaupteten, sie hätten über 2.000 Eigentümer von Luxusautos identifiziert, die Steuern hinterzogen hätten, und dass Milliarden an nicht gezahlten Steuern aufgetaucht seien. Das erklärten sie mit den Worten: „Luxusgüter sind oftmals der erste Hinweis.“

Die Verkaufszahlen von Ferrari sind der Beweis dafür, dass diese Strategie funktioniert – wenn auch genau andersherum: Die reichen Italiener geben ihr unversteuertes Geld heute zurückhaltender aus, während die Reichen im Rest der Welt in dem Luxus schwelgen, den die Zentralbanker ihnen möglich gemacht haben.

In Europa ist der Erfolg von Ferrari jedoch eine Ausnahmeerscheinung. PSA Peugeot Citroën, Frankreichs größer Autobauer, gab neben einem heftigen Verlust im operativen Geschäft kolossale Abschreibungen bekannt, und es machten Gerüchte die Runde, dass PSA ein staatliches Rettungspaket benötigt. Das wäre das zweite Rettungspaket innerhalb von vier Monaten. Bei den Sozialisten ließen diese Meldungen einen alten Albtraum wieder aufleben, den sie eigentlich unbedingt vergessen wollten.

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