Zypern & der Euro: Kernschmelze der europäischen Einheitswährung hat begonnen

Martin Armstrong, Armstrongeconomics.com, 26.03.2013

Wir stehen jetzt kurz vor einem echten Einbruch des Euros. Das Intraday-Tief am 26.03.2013 lag bei USD 1,2827 und die bärische Wochen-Umkehrmarke liegt bei USD 1,2824 – ja und dann haben wir eine Kluft bis hinunter zu USD 1,2137.

Wie üblich haben die politischen Kräfte und die akademischen Fraktionen keine Ahnung davon, wie Märkte funktionieren. Wir stehen hier am Rande des Untergangs des Euros, und die Ereignisse in Zypern sind viel ernster und tiefgreifender, als gemeinhin angenommen wird.

Der Euro kann ohne Weiteres kollabieren – und dann kommt es zu einer Sturzflut an Kapital, das sich über den Dollar ergießen und ihn auf Hochs treiben wird, die die meisten nicht einmal für möglich halten. Das wird dafür sorgen, dass eine Vielzahl der weltweiten Dollar-Kredite – die aufgenommen wurden, weil man glaubte, sie seien besonders billig – unter Druck geraten werden. Die Auswirkungen der Zypern-Krise gehen weit über Zypern, russische Oligarchen und die deutsche Bundestagswahl hinaus.

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Zypern wird aller Vorausschau nach versuchen, weiter im Euro zu bleiben. Das Traurige daran ist, dass sich eine solche Entscheidung massiv rächen wird. Dieser Entscheidung liegt die Annahme zu Grunde, dass der Euro überleben wird und der Fehler bei den Banken zu suchen ist.

Antreas Artemis, der Vorsitzende der größten zypriotischen Bank, der Bank von Zypern, trat heute nach einem Streit mit dem Chef der zypriotischen Zentralbank und dem zypriotischen Finanzminister überraschend zurück. Artemis beschwerte sich bei den Regierungsvertretern, dass sie ihn und seinen Vorstand einfach übergangen und in Eigenregie griechische Teile der Bank verkauft hätten und überdies planen würden, Konteninhaber mit großen Einlagen für die Verluste aufkommen zu lassen.

Das ist die europäische Lösung, die ausschließlich auf die Bundestagswahl in Deutschland zurückzuführen ist – ohne jede Weitsicht oder Verständnis, was sie damit eigentlich anrichten. Was mit der Bank von Zypern getan wurde, ist Teil des jüngsten Rettungs-Deals, der zwischen den zypriotischen Regierungsvertretern und der sogenannten Troika aus internationalen Geldgebern – bei denen es sich angeblich um die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank und den Internationalen Währungsfonds handelt – vereinbart wurde.

Hier geht ausschließlich um die deutsche Bundestagswahl und die Weigerung der Politiker, das Richtige zu tun. So ist der Euro auf alle Fälle nicht zu retten, und umso länger diese Wirtschaften versuchen, an diesem fehlerhaft strukturierten Währungs-Design festzuhalten, desto schlimmer wird der Zusammenbruch. Die Euro-Krise ist keinesfalls zu Ende.

Die Europäische Zentralbank und Europa stellen den europäischen Bankkunden gerade ihre Lösung vor – die Beschlagnahmung der Konten, um ihre eigene Inkompetenz zu verschleiern. Der Schaden ist angerichtet. Die weltweiten Aktienmärkte gaben die frühen Gewinne am Montag wieder ab, da sich bezüglich der Eurozone neue Sorgen breitmachten und die Unantastbarkeit der europäischen Bankeinlagen in Frage gestellt wird.

Der Rücktritt von Artemis – der auf die umstrittene Entscheidung der internationalen Geldgeber folgte, den großen Bankkunden bedeutende Verluste aufzuzwingen – hat die Märkte überraschend getroffen und schockiert sie immer noch. Das ist eine Krise, die sich gerade erst entwickelt und die sicherstellen wird, dass wir eine hohe Volatilität und eine unsichere Zukunft sehen werden, während die wirtschaftlichen Aussichten Zyperns und sein Finanzsystem vernichtet werden.

Es veranschaulicht, dass der Privatsektor nicht einmal zu Beratungen hinzugezogen wurde. Man hat Zyperns größte Bank aus den Gesprächen einfach komplett herausgehalten. Es veranschaulicht, dass die Regierung überhaupt nicht in der Lage ist, die Wirtschaft zu verwalten, und Brüssel ist ja sogar so weit gegangen, dass sie einen externen Verwalter ernannt haben, der die Beschlagnahmung der Bankvermögenswerte in den kommenden Monaten kontrollieren soll.

Die zypriotischen Banken haben am Dienstag nicht wieder aufgemacht, so wie es zunächst versprochen wurde. Die Bank von Zypern und die Zypriotische Volksbank (die auch unter dem Namen Laiki Bank bekannt ist) – die zwei größten Finanzinstitute des Landes, die den überwiegenden Teil der zypriotischen Einlagen halten – werden jetzt mindestens bis Donnerstag geschlossen bleiben. Es ist der erbärmliche Versuch, die Risiken eines Bank-Runs durch nervöse Bankkunden zu minimieren. Die Abhebungen an den Geldautomaten werden auf EUR 100 pro Tag begrenzt.

Das zusammenbrechende zypriotische Bankensystem erhielt am Dienstag einen weiteren Schlag, als die Ratingagentur Fitch erklärte, sie würde die Kreditwürdigkeit der zypriotische Banken aufgrund der durch den Rettungs-Deal vereinbarten Verluste für die Gläubiger weiter abwerten. Fitch sagte, dass man das Rating der Zypriotischen Volksbank auf „zahlungsunfähig“ und das Rating der Bank von Zypern auf „eingeschränkt zahlungsunfähig“ absenkt. „Eingeschränkt zahlungsunfähig“ bedeutet, so Fitch, dass die Bank bei einer Anleihe, einem Kredit oder einer anderen wichtigen Forderung in Zahlungsverzug geraten ist, eine Liquidierung oder die Unternehmensaufgabe aber noch nicht eingeleitet worden sei. Das geht alles in Richtung Brüssel und Merkel.

Teile der Vermögenswerte von Laiki werden in eine sogenannte Bad Bank ausgelagert, während die besseren Wertpapiere an die Bank von Zypern transferiert werden. Das ist Teil der Rekapitalisierung, bei der auch die nicht versicherten Einlagen der Bankkunden in Aktien umgewandelt werden.

Die griechische Piräus Bank hat die drei griechischen Operationen der zypriotischen Geldgeber – der Bank von Zypern, der Laiki Bank und der Hellenischen Bank – für rund EUR 524 Millionen gekauft. Die Piräus Bank behauptet, dass diese im Ausland gehaltenen Einlagen keiner Konfiskation unterliegen werden, so wie es bei den zypriotischen Bankkunden der Fall ist. Das ist ein Versuch, eine Ansteckung auf Griechenland zu verhindern, indem man die Stabilität des griechischen Bankensystems erhöht.

Ungeachtet dessen werden Deutschland und Nordeuropa in den griechischen Zeitungen für ihre harte Haltung bei den Verhandlungen angegriffen. Brüssel und Deutschland begreifen einfach nicht, was sie hier für einen Fehler begehen, und durch ihre Weigerung, die Eurozone zu restrukturieren, vernichten sie alles, was durch den Euro eigentlich geschaffen werden sollte. Griechenland bereitet sich nun auf die Rückkehr der Troika-Inspektoren vor, die sich in der kommenden Woche die griechischen Bücher anschauen werden.

Ist die Beschlagnahmung in Zypern erst einmal abgeschlossen, wird sie zum Modell für künftige Eurozonen-Rettungen werden. Wir werden hier gerade Zeugen des Untergangs von Europa. Die Europäische Zentralbank hat aber öffentlich beteuert, dass Zypern – wo den Haltern großer Einlagen und den Gläubigern der Banken Verluste aufgezwungen – nicht als Blaupause für künftige Eurozonen-Rettungen dienen wird.

Dann ist die Lösung wohl allein auf die russischen Einlagen bei den zypriotischen Banken zurückzuführen? Die Zypern-Rettung „war die Lösung für ein Problem, das aussichtslos geworden ist“, so Benoît Coeuré, ein Franzose und Mitglied des EZB-Rats gegenüber dem Radiosender Europe1. „Zypern war bankrott, und das ist etwas, das wir in anderen Orten der Eurozone nicht haben.“

Fakt ist, dass die gesamte Eurozone bankrott ist und niemand die Absicht hat, die Schulden wieder zurückzuzahlen. Wen wollen sie damit eigentlich zum Narren halten? Coeuré sagte weiter: „Die Situation war so einzigartig, dass es einer einzigartigen Lösung bedurfte … Ich sehen keinen Grund, warum wir diese Methoden woanders einsetzen sollten.“

Der Chef der Eurogruppe und niederländische Finanzminister, Jeroen Dijsselbloem, legte am Montag nahe, dass Zypern als Blaupause für künftige Rettungen dienen könnte. Wenigstens einer, der die Wahrheit sagte. Er sah sich dann aber dazu gezwungen, zu behaupten, dass er sich versprochen habe. Achten Sie auf die nächste Krise vor der deutschen Bundestagswahl – dort werden wir dann genau dieselben Resultate sehen.

Und das hätte alles mit gerade einmal EUR 10 Milliarden verhindert werden können – während die EZB über den spanischen Banken hunderte von Milliarden herabregnen ließ. Die Einlagen werden bis zu einer Summe von EUR 100.000 garantiert, in der Hoffnung, dass man sich so die Masse der Menschen kaufen kann, während sich die Schätzungen über die Verluste nicht versicherter Einlagen auf bis zu 40% belaufen. Die politischen Entscheidungsträger sind nicht in der Lage, zu erkennen, dass all dieser Schwachsinn den Zusammenbruch des Vertrauens in Europa nicht wird aufhalten können.

Unterdessen war der zypriotische Finanzminister Michael Sarris darauf aus, Forderungen, Zypern solle den Euro verlassen, vom Tisch zu wischen und die wirtschaftlichen Leiden, die Brüssel und Deutschland dem Land aufzwingen, herunterzuspielen.

Die einzige Möglichkeit, die Wirtschaft Zyperns zu retten, besteht aber in einem Austritt aus dem Euro, wobei das Land jedoch weiterhin in der Europäischen Union bleiben sollte. Jedwede andere politische Entscheidung ist ein Statement, dass die zypriotischen Politiker davon ausgehen, dass der Euro das aktuelle Schlamassel irgendwie überleben wird. Das Euro-Währungskonstrukt weist aber verheerende Fehler auf, und die reale Gefahr besteht darin, dass der Euro alle Mitgliedsländer mit in den Abgrund reißen wird.

Die Einschränkungen bei den Geldtransaktionen werden wahrscheinlich Wochen, wenn nicht gar Monate anhalten. Die negativen Auswirkungen werden weiter anhalten – und zwar nicht nur in Zypern –, und wir müssen jetzt ganz Europa im Auge behalten, da das Ansteckungsrisiko nun exponentiell gestiegen ist.

Es ist wahrscheinlich, dass es in Zypern Kapitalverkehrskontrollen zur Verhinderung einer Kapitalflucht aus dem Bankensystem geben wird. Nach EU-Recht ist das in außergewöhnlichen Situationen erlaubt. Das bedeutet, dass die Europäische Zentralbank alle Kapitalbewegungen aus Europa einschränken könnte – und das könnte erneut das Risiko eines starken Anstiegs des Schweizer Franken und des US-Dollars anheizen. All jene, die deutsche Schulden gekauft haben, in der Annahme, dass ihnen das Auseinanderbrechen des Euros die Deutsche Mark bescheren wird, sollten besser langsam die Beine in die Hand nehmen.

Zyperns EUR 18 Milliarden schwere Wirtschaft ist die drittkleinste aller 17 Euroländer. Vor dem Rettungspaket prognostizierte die Europäische Kommission für 2013 einen 3,5%igen Rückgang der zypriotischen Wirtschaft. Jetzt blicken wir aber auf einen Kollaps der zypriotischen Wirtschaft von bis zu 50%. Zypern ist jetzt mit einer tiefen Depression konfrontiert, bei der zahlreiche Unternehmen zusammenbrechen werden, während sich die Gelder in Luft auflösen.

Die IWF-Chefin Christine Lagarde sagte, dass das vereinbarte Zypern-Rettungspaket „ein umfassender und glaubwürdiger Plan“ sei, der dabei helfen würde, das Vertrauen ins Bankensystem wiederherzustellen. Ich bin nicht der Meinung, dass Leute wie Lagarde in der Wirtschaft als Entscheidungsträger irgendetwas verloren haben.

Es ist eine einzige Katastrophe. Wenn das Kapital damit beginnt, aus ganz Europa zu flüchten, wird der US-Dollar letztlich viel stärker in die Höhe getrieben werden. Das wird bei der US-Wirtschaft für Druck sorgen und das US-amerikanische Wachstum absenken, wodurch sich die Zukunft immer stärker eintrübt, wenn es dann beim Economic Confidence Model im Herbst 2015 zu einer Trendwende kommt.

Für Zypern wird es katastrophal werden, nach all dem im Euro zu bleiben. Sie vernichten das gesamte Vertrauen in ihre Wirtschaft und das Geld flieht ohnehin bereits in alle Welt. Zyperns Tage als Bankenzentrum sind gezählt. Und das hat jede Menge damit zu tun, dass Brüssel dem mit aller Macht ein Ende bereiten wollte.

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Der Euro ist von USD 1,3710 am 01.02.2013 auf das gestrige Intraday-Tief von USD 1,2827 eingebrochen. April und Mai dürften völlig verrückt werden. Die Eurokrise wird nicht verschwinden. Unsere bärische Wochen-Umkehrmarke liegt bei USD 1,2824. Wenn diese Marke durchbrochen wird, wird der Euro die wirklich wichtige langfristige Stützungslinie testen, die von USD 1,2137 bis USD 1,1800 reicht. Danach wird der Euro auf neue historische Tiefs sinken, die den Dollar in den Wahnsinn treiben werden.

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