Globale Schuldenkrise: Deutschland viel gefährdeter als die USA

Propagandafront.de, 08.04.2013

„Mach dir keine Sorgen um das Geld!“ Mit diesem beruhigenden Werbeslogan macht zurzeit ein deutscher Online-Möbelhändler Werbung, doch glaubt man der britischen Financial Times, dann ist die Lage Deutschlands bei Weitem prekärer als die der USA. Während in den US-amerikanischen Medien ständig darüber zu lesen ist, dass Amerika im Stile der Griechen in einer Großen Depression versinken könnte, weißt die britische Zeitung darauf hin, dass es in Wirklichkeit Deutschland ist, um das man sich Sorgen machen sollte.

Diese Einschätzung steht in Einklang mit der Auffassung vieler anderer Analysten und Beobachter, die davon ausgehen, dass die nächste große Finanzkrise in Europa ihren Ausgang nehmen wird. Und der Raubüberfall in Zypern – wo die Konten zypriotischer Bankkunden von der EZB, der EU, dem IWF und der zypriotischen Regierung geplündert wurden – dürfte ein erster Vorgeschmack darauf sein, was die Deutschen im schlimmsten Fall erwarten könnte, sollte sich die Lage im Zentrum Europas erheblich eintrüben und die Banken-, Staatsschulden- und Währungskrise erneut hochkochen.

Der Financial Times Autor Dan McCrum wies am 06.04.2013 in einem Artikel mit dem Titel „Vergessen Sie die Schuldensorgen – die USA stehen besser da als Deutschland“ darauf hin, dass die Schuldensituation der US-Regierung mit der Deutschlands im Grunde nicht vergleichbar ist. So nähere sich das US-Schulden/BIP-Verhältnis mit einer direkten Staatsverschuldung von USD 16,8 Billionen zwar langsam dem Niveau Griechenlands an, aber ein erheblicher Teil dieser Schulden würde von der US-Regierung selbst gehalten.

Allein USD 4,8 Billionen an Staatsschulden gehören den staatlichen Renten- und Pensionskassen, weshalb es sich bei den Schulden lediglich um Transfers von einer Regierungsabteilung zu einer anderen handeln würde. Somit beliefe sich die direkte Staatsverschuldung lediglich auf USD 12 Billionen. Ferner hält die US-Notenbank, bei der es sich ja ebenfalls um eine US-Regierungsbehörde handelt, weitere USD 1,8 Billionen an Staatsschulden. Und obwohl es sich bei der US-Notenbank angeblich um eine unabhängige Behörde handelt, sei es, so McCrum, unwahrscheinlich, dass die Fed die Papiere aggressiv abverkauft.

Kurzum: Die vom Ausland und von Privatanlegern gehaltenen US-Staatsschulden belaufen sich lediglich auf 68% des BIP oder USD 10,2 Billionen.

Im Hinblick auf Deutschland – das Schulden/BIP-Verhältnis der BRD liegt bei über 80% – sieht er die Gefahr vor allem darin, dass die deutsche Wirtschaft in hohem Maße von innereuropäischen Exporten abhängig ist. Deutschland ist weit exportabhängiger als die USA, deren Exporte sich gerade einmal auf 15% des BIP belaufen.

„Deutschland baut zwar bessere Autos, aber seine wilde Exportmaschine kann auch als Schwäche erachtet werden, sollten die Wirtschaften seiner europäischen Kunden Probleme bekommen“, so McCrum.

Probleme? Das dürfte wohl stark untertrieben sein. Weite Teile der Eurozone leiden heute bereits unter schweren depressionsartigen Wirtschaftsbedingungen mit sehr hohen Arbeitslosen- und Jugendarbeitslosenraten und einer zunehmenden Zahl an Firmenpleiten.

Der Zykliker und Trader Martin Armstrong kommentierte den Financial Times Artikel mit den Worten:

„Der Außenblick auf die USA ist immer erhellend für all jene, die in einer auf das Inland fokussierten Welt feststecken. Es geht immer nur um die US-Verschuldung, die Monetisierungsmaßnahmen der Fed und Obamas jüngste Angriffe auf die Verfassung. Dessen ungeachtet sieht es so aus, als würde es Nordkorea gerade in den Fingern jucken, in Japan erstes Blut zu vergießen, während Europa demonstriert, dass sie dort genauso ehrlich sind, wie der Lokalpolitiker von nebenan. Die Schuldenlage Deutschlands ist nicht wesentlich besser als die der USA. In Wirklichkeit ist sie viel schlimmer.

Die Idee des Euros bestand ja darin, den Handel auszuweiten. Na dann wollen wir mal schauen: Wenn man dem Rest Europas enorme Austeritätsmaßnahmen aufzwingt, während dort die Jugendarbeitslosigkeit bei über 50% liegt, ja wie soll da noch mal genau der Handel und die Gewinne Deutschlands ausgeweitet werden? Diese Logik erschließt sich mir nicht.

Die deutsche Wirtschaft wird einen drastischen Einbruch erleben, die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen und das gesamte Euro-Experiment wird sich als Reinfall herausstellen … Man kann unter Verwendung einer Einheitswährung keine europäische Hochzeit unter den Ländern bewerkstelligen, wenn man gleichzeitig eine Grenze zieht und erklärt, dass die Schulden nicht gemeinsam geschuldet werden, sondern einzeln. Sorry – das ist weder in der Augen der Justiz, noch in den Augen der Finanzmärkte eine Hochzeit. Die deutsche Schuldensituation ist nicht besser als in den USA, sondern eher noch schlimmer, wenn man bedenkt, dass die Wirtschaft viel kleiner ist.“

Und nicht nur die Wirtschaftslage Deutschlands könnte sich mit einer weiteren Verschlimmerung der Krise in den anderen Euroländern weiter eintrüben, sondern aufgrund der Haftungsrisiken, die die BRD-Regierung für ihre Partnerländer übernommen hat, könnte auch die deutsche Staatsverschuldung drastisch in die Höhe schießen.

Die Haftungsrisiken Deutschlands lagen im August letzten Jahres bei rund EUR 1 Billion, so der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider:

„In Wahrheit sind wir schon längst in der Schuldenunion … Wir haften nicht nur im Rahmen der Griechenland-Pakete und der Euro-Rettungsschirme mit insgesamt 310 Milliarden Euro für die Schulden der Defizitländer, sondern mit noch viel größeren Summen für die Transaktionen der Europäischen Zentralbank.“

Hier gehören also auch die sogenannten TARGET2-Salden mit hinzu. Die Bundesbank wies im August letzten Jahres eine Forderung von rund EUR 700 Milliarden aus. Aktuell belaufen sich die Forderungen der Bundesbank aus TARGET2 auf rund EUR 590 Milliarden. An den deutschen Haftungsrisiken hat sich also die letzten paar Monate nur wenig geändert.

Aber es gibt auch einen Lichtblick. Sollte sich die Lage tatsächlich verschlimmern, verfügt die BRD dank ihres Gewaltmonopols über zahlreiche Handlungsalternativen. Sie kann sich beispielsweise im Stile Zyperns an den Sparguthaben und Privatvermögen der deutschen Bürger bedienen – und das hat bei Staaten Tradition und kommt auch weiten Teilen der deutschen Legislative entgegen, die der Auffassung sind, dass man Menschen, die mehr haben, ihr Eigentum wegnehmen müsse, um es denen zu geben, die weniger haben. Beispielsweise sich selbst …

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