Gold im Fadenkreuz

Peter Schiff, Europac.net, 15.04.2013

In den ersten Jahren des letzten Jahrzehnts standen die meisten Mainstream-Investoren an der Seitenauslinie und sahen dabei zu, wie die „durchgeknallten“ Goldbugs von USD 300 bis über USD 1.000 pro Unze auf der Welle des Goldbullenmarkts ritten.

Doch nach der Finanzkrise des Jahres 2008 – wo sich Gold während der Rückgänge besser hielt als Aktien und neue Rekordhochs erklomm, lange bevor sich der Dow Jones wieder erholt hatte – fiel Wall Street das gelbe Metall dann letztlich doch ins Auge. Die neuen Gold-Fans trugen mit dazu bei, das gelbe Metall bis September 2011 auf fast USD 1.900 pro Unze zu hieven. Und da immer mehr Mainstream-Anleger vom Goldfieber erfasst wurden, notierte das Metall die darauffolgenden anderthalb Jahre mehr oder weniger stabil in einer Handelsspanne von USD 1.500 bis USD 1.800 pro Unze.

Doch jetzt scheint diese kurze Romanze zu Ende zu sein. Eigentlich war es ja auch nur ein Flirt, da beide von an fang an nicht richtig zueinander passten. Die neuen Gold-Fans hatten nie begriffen, was fundamental für Gold spricht, und wenden sich nun wieder ihrer alten, wahren Liebe zu: US-Aktien.

Das sorgt bei Goldanlegern für eine brutale Investmentsaison. Das Metall befindet sich zurzeit in seiner größten Korrekturphase seit fast fünf Jahren. Und während die Goldverkäufe an Fahrt aufgenommen haben, verkünden an Wall Street diverse Schwergewichte wie Goldman Sachs und George Soros, dass der seit fast 15 Jahren anhaltende Gold-Run jetzt vorbei ist.

Die meisten Analysten begründen das damit, dass Gold während der Großen Rezession zwar glänzen konnte, sein Reiz nun jedoch aufgrund der jüngsten „Verbesserungen“ bei der Weltwirtschaft – speziell im Hinblick auf die USA – wieder verschwunden ist. Ironischerweise wird dabei aber die Tatsache ignoriert, dass sich Gold in den Jahren vor der Finanzkrise von 2008 in Wahrheit weit besser entwickelte als während oder nach der Krise. Das könnte auf die inflationäre Geldpolitik zurückzuführen sein, mit der der Immobilienmarkt aufgebläht wurde, was auch Gold kräftig anheizte.

Die Deflationsängste sorgten in 2008 für einen 35%igen Rückgang des Goldpreises, doch als die Fed abermals die Geldschleusen öffnete, schoss das gelbe Metall auf neue Hochs. Aber in 2008 fiel es gemeinsam mit fast allen anderen Vermögensklassen. Dieses Mal fällt es, während andere Vermögenswerte steigen. Dieser negative Aspekt dürfte dem aktuellen Preisrückgang daher eine stärkere Bedeutung verleihen.

Weder die neue Runde keynesianischer Geldmengenausweitung in Japan, noch die jüngsten negativen Folgen der Solvenzkrise in Zypern konnten Goldrallys entfachen. Die Bären erklären, dass dieses Versagen ein Hinweis darauf sei, dass der Goldbullenmarkt tot ist. Der jüngste Warnhinweis kam letzte Woche, als die zypriotische Zentralbank verkündete, ihre Goldreserven verkaufen zu wollen, um für die Rückzahlung ihrer Schulden an Geld zu gelangen.

Daraufhin machten rasch Sorgen die Runde, dass auch andere massiv verschuldete Mittelmeerländer mit großen Goldreserven wie Griechenland, Portugal, Italien und Spanien nachziehen könnten. Diese enorme Abverkaufswelle würde den glorreichen Jahren des gelben Metalls endgültig den Garaus machen. Und obwohl diese Argumentationskette vielleicht ausreichend ist, um die Finanzmedien davon zu überzeugen, dass hier gerade ein historischer Wandel stattfindet, dürften es die schlaueren Gemüter ein klein wenig differenzierter sehen.

Obwohl die überwiegende Mehrheit der Ökonomen davon ausgeht, dass Gold ein „barbarisches Relikt“ ist – so wie es von Keynes beschrieben wurde –, konnte diese Auffassung zahlreiche Zentralbanker bisher nicht davon abhalten, riesige Mengen an Gold als Währungsreserven zu halten.

Es ist ein interessantes Phänomen, dass die Länder mit den schwerwiegendsten Schuldenproblemen über die höchsten Goldreserven verfügen (als prozentualer Anteil an ihren Devisenreserven). Viele dieser Länder waren früher einmal wirtschaftlich erfolgreich und hatten an verschiedenen Punkten in der Geschichte sogar goldgedeckte Währungen, die großer Goldreserven bedurften. Dieses Vermächtnis ist er Grund dafür, warum Gold heute den Großteil ihres Reservevermögens ausmacht.

Diese Gruppe wird von den Vereinigten Staaten angeführt. Die USA halten mit 8.133 Tonnen die größten Goldreserven. 76% ihrer Devisenreserven werden in Form von Gold gehalten. Andere massiv verschuldete Industrieländer rangieren aber gleich dahinter: Italien hält 2.450 Tonnen Gold (72% seiner Devisenreserven), Frankreich hält 2.435 Tonnen (71% der Devisenreserven), Portugal hat 382 Tonnen (90% seiner Reserven) und Griechenland hält 112 Tonnen (82% seiner Devisenreserven).

Im Gegensatz dazu verfügen die sich immer schneller entwickelnden Wirtschaften in den Schwellenländern über verdächtig geringe Goldbestände, speziell wenn man sie ihren bedeutend größeren ausländischen Devisenreserven gegenüberstellt.

Viele dieser Länder haben aufgrund der anhaltenden Außenhandelsüberschüsse riesige Mengen an US-Dollarreserven angehäuft. Obwohl China über 1.000 Tonnen Gold hält, entsprechen diese Goldbestände lediglich 2% seiner riesigen Devisenreserven. Und selbst das goldaffine Indien hält gerade einmal 10% seiner Devisenreserven in Gold.

Weder Russland, Taiwan, Thailand, Singapur, Mexiko, Südkorea, Indonesien, Malaysia, Saudi Arabien noch Brasilien kommen auf über 10% Goldanteil bei den Devisenreserven – die meisten von ihnen halten weit unter 5% in Form von Gold. Die Banker und politischen Führer all dieser Länder – speziell in Indien und China – haben sich immer wieder über den sehr hohen Dollaranteil bei ihren Devisenreserven beschwert und positiv über die Zuverlässigkeit und Bedeutung von Gold gesprochen.

Den massiv verschuldeten Ländern in der Eurozone stehen nur sehr wenige angehnehme Optionen offen, um ihre Insolvenz zu bewältigen. Wie Zypern veranschaulicht hat, stehen sie letztlich vor der Entscheidung, schmerzliche Austeritätsmaßnahmen zu implementieren oder die vermeintlich sakrosankten Bankeinlagen zu plündern. Der Verkauf der Goldreserven dürfte da für die Politiker die weit angenehmere Lösung sein – oder scheren sich die Wähler tatsächlich darum, wie viel Gold die Länder in ihren Tresoren verwahren?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden der Goldmenge, die jährlich abverkauft werden kann, aber zumindest durch die Goldvereinbarungen unter den Zentralbanken Grenzen auferlegt. Doch da sich die Staatsschuldenkrise in Ländern wie Italien und Portugal immer weiter verschärft, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis diese vertraglichen Regelungen dem Abverkaufsdruck nicht mehr standhalten werden.

Und obwohl ich glaube, dass die überschuldeten Euroländer letztlich in der Tat der Versuchung erliegen werden, ihr Gold zu verkaufen, dürften derartige Verkäufe kaum für Störungen sorgen oder gar negativ sein. Sollten große Mengen an Goldreserven verkauft werden, dürften sie in den Händen einiger anderer Länder wie Indien, China, Russland und Indonesien landen, die viel Devisen angesammelt haben, aber kaum über Goldreserven verfügen.

Und solche Transaktionen würden höchstwahrscheinlich direkt und unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgewickelt werden. Im Ergebnis wären diese Abverkäufe dann weit weniger störend, als dies der Fall wäre, wenn sie über den relativ kleinen öffentlichen Goldmarkt erfolgten, so wie es heute von vielen befürchtet wird.

Ein solcher Goldtransfer – von den verschuldeten Industrieländern in Richtung Schwellenmärkte – wäre das logische Ergebnis des Wandels in der Weltwirtschaft in den letzten 50 Jahren. Trotz aller Antipathien ist Gold echtes Vermögen, und die Regierungen und Banker sind sich auch im Klaren darüber. Und da die Schwellenmärkte immer mehr Vermögen akkumulieren und die Industrieländer dank ihrer Wohlfahrtsstaaten immer mehr Schulden auftürmen, ist es ganz unvermeidlich, dass das Gold dieser Entwicklung folgt. Das ist keine Frage des Ob, sondern des Wann.

Und obwohl die Länder, die Gold kaufen, ihre Käufe auf Dollarbasis abwickeln werden, werden die Goldverkäufer kein Interesse daran haben, ihre Einkünfte in US-Staatsanleihen zu investieren. Die Dollars, die durch die Goldverkäufe generiert werden, werden dann in einheimische Währungen umgewandelt, um die Schulden zurückzuzahlen. Das wird bei dem US-Dollar und den US-Staatsanleihen für einen Abwärtsdruck sorgen.

Darüber hinaus ist es bei den Schwellenländern sehr wahrscheinlich, dass sie das Gold langfristig halten werden, was bullische Auswirkungen auf den Goldmarkt haben dürfte. Bei einer solchen Verlagerung würden die schwachen Hände, die nicht über die Mittel verfügen, ihr Vermögen zu schützen, ihr Gold zugunsten stärkerer Hände verlieren, die dazu in der Lage sind.

Die Geldgeber-Länder, die das Gold billig von den bankrotten Ländern – die dazu gezwungen sind, das Metall zu niedrigen Preisen zu verkaufen – aufkaufen, werden merken, dass dadurch der Wert ihrer Reserven steigt, was ihnen die notwendige Unabhängigkeit und die Zuversicht verleihen wird, um sich aus ihrer Abhängigkeit vom Dollar als dem wichtigsten Reservewert zu befreien.

Wollen wir hoffen, dass all das Gold, das angeblich in Fort Knox gelagert wird, auch wirklich da ist, wenn die Herrschaft von „König Dollar“ letztlich an ihr hinausgezögertes Ende gelangt. Die USA werden dann jede einzelne Unze davon brauchen.

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