Bankchef: Euro-Krise eine einzige Katastrophe; Einheitswährung bald Geschichte

Auszüge aus einer Rede von Lars Seier Christensen, dem Chef der Saxo Bank, vom 07.05.2013

Trading Floor, Lars Seier Christensen, 09.05.2013

… Heutzutage ist es wichtiger denn je, die Auswirkungen von Währungen auf unsere Welt und unsere Investments zu verstehen. Währungen sind auf umfassende Art und Weise als zentrales Werkzeug im internationalen Handel und im Rahmen von Wachstumsinitiativen eingesetzt worden, und die Anleger müssen die Auswirkungen auf ihre Portfolien vollumfänglich erfassen.

Und am wichtigsten ist natürlich, dass sich die Euro-Krise in eine fatale Katastrophe mit riesigen Auswirkungen für die beteiligten Euroländer verwandelt hat. Ich habe während meiner 25-jährigen Karriere im Devisenmarkt selten ähnlich turbulente und faszinierende Zeiten erlebt.

Und das ist auch das Hauptthema der heutigen Debatte, also lassen Sie uns zu der Lage in der Eurozone übergehen.

Ehrlich gesagt, ist es ein einziges Chaos. Und es ist ein Chaos, das Tag für Tag schlimmer wird. Außer in Brüssel. Dort hören wir eine endlose Litanei von Versprechungen, dass die Erholung in sechs Monaten kommen würde – sie kommt immer in sechs Monaten. Wir hören, dass der Euro sicher ist und wir alle lediglich mehr Verantwortung an unsere Herren und Meister in Brüssel abtreten müssten und schon wäre alles in Ordnung.

Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Wir haben gerade erst die Rettung des fünften Eurolandes miterleben dürfen und mit Slowenien und Malta stehen bereits die nächsten in der Schlange. Wenn die Troika in diesen beiden Ländern aufschlägt – das ist eine Frage des Wann, nicht des Ob –, wird dadurch die absurde Situation entstehen, dass fast die Hälfte der Euroländer durch die Einführung der Einheitswährung in die Pleite abgerutscht ist. Ja, wir sprechen hier vom selben Euro, an den so viele hohe Erwartungen für die Zukunft geknüpft gewesen sind.

Nun sind das kleine Länder und sie können daher auch so behandelt werden … schauen Sie nur, was Zypern widerfuhr. Ich würde Malta und Slowenien und anderen Rettungskandidaten raten, dass sie noch bis nach den deutschen Wahlen durchhalten. Nach Zypern wissen wir ja jetzt, was passiert, wenn man einem deutschen Führer, der auf Wiederwahl aus ist, in die Quere kommt.

Was ist es nun, was in der Eurozone falsch läuft? Ich denke, wir wissen mittlerweile alle die Antwort darauf. Der Euro ist ein politisches Konstrukt und verfügt schlicht nicht über eine solide wirtschaftliche oder fiskalische Grundlage. Und solange diese nicht vorhanden ist, ist der Euro letztlich zum Scheitern verdammt.

Das politische Kapital, das in den Euro investiert wurde, ist gigantisch – und daher darf der Wille, ihn solange wie nur irgend möglich am Leben zu halten, auch nie unterschätzt werden. Jedes Werkzeug im Werkzeugkasten – und ich meine es ernst, wenn ich sage, „jedes“ einzelne Werkzeug im Werkzeugkasten – wird ausprobiert werden, bevor sich die nichtgewählten, sich der Rechenschaft entziehenden Menschen in Brüssel der Realität ergeben.

In Wirklichkeit wussten das sogar schon eine Menge Leute, als der Euro eingeführt wurde. Der Chefökonom der Saxo Bank, Steen Jakobsen, der in den 90er Jahren an Arbeiten der Delors-Kommission beteiligt war, erklärte mir immer wieder, dass die Gefahren, die sich heute materialisieren, zu jener Zeit offen diskutiert wurden. Aber der politische Druck, einfach weiter voranzuschreiten, war unerbittlich, und das Momentum innerhalb der EU schien so stark, dass viele davon ausgingen, dass das Fundament verankert werden könnte, nachdem das Haus errichtet wurde.

Dem ist aber nicht so. Denn während des ersten Jahrzehnts des Euros wurde klar, dass die behaupteten Vorteile des Euros nie Wirklichkeit werden würden. Europa gewann dadurch in der Welt nicht an Einfluss, und es gab auch keine Disziplin unter den Euroländern. Für die schwächeren Länder ergaben sich zunehmend ernstere Probleme, da sie mit Deutschland bezüglich der Wettbewerbsfähigkeit und der Produktivität nicht Schritt halten konnten.

Diese Länder konnten ihre Wirtschaften nicht mehr länger steuern, weil sie nicht mehr in der Lage waren, die kurzlaufenden Zinssätze zu kontrollieren. Sie konnten ihre Währung nicht mehr abwerten, um ein neues Gleichgewicht und Wettbewerbsfähigkeit herzustellen. Für die langlaufenden Zinssätze brachte es keinerlei Vorteile, und der große Gewinner der Eurozone – Deutschland – konnte und würde seinen Bürgern nicht verkaufen, dass sie für eine gemeinsame Euro-Anleihe haften oder den schwächeren Euroländern auf immer und ewig große Transferzahlungen zukommen lassen sollen.

Und heute gibt es überhaupt keine Möglichkeit mehr, wie die Bevölkerungen Europas noch dazu bewegt werden könnten, mit der notwendigen Integration weiter voranzuschreiten. Nun ist es aber nicht so, als würden sie diesbezüglich sonderlich viel gefragt werden, da praktisch alle Entscheidungen durch ihre Parlamente oder hinter verschlossenen Türen in Brüssel getroffen werden – denn niemand wagt es sich, die Bevölkerungen mittels eines Referendums zu fragen, denn sie wissen, dass die Antwort ein schallendes Nein wäre!

Und ein Nein sollte es auch sein, denn Europa ist nicht die Vereinigten Staaten und wird es auch niemals sein. Unsere Kulturen, Wirtschaften und Bevölkerungen sind viel zu verschieden, als dass sie jemals effizient und glücklich in einer Zwangsunion integriert werden könnten.

Stattdessen erfolgte die Integration durch die Hintertür: Mittels Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Rettungsmechanismus; durch die Verfälschung der EZB-Bilanz; durch die Bankenunion, die die Glaubwürdigkeit selbst solider Banken untergraben würde, sollte sie implementiert werden; durch die rasche und einhellige Verabschiedung von Vertragsveränderungen durch die Parlamente, mit der Behauptung, dass die repräsentativen Demokratien das erlauben würden. Ein Parlament, das seine nationale Souveränität aufgibt, in dem vollen Wissen, das dies von der Bevölkerung abgelehnt würde, begeht meines Erachtens Hochverrat.

Aber Politik ist das eine und Ökonomie das andere – obwohl es heutzutage immer schwer wird, diese zwei Dinge noch auseinanderzuhalten.

Jeder, mit einer vernünftigen Sicht auf die Welt, erkennt die Währungsgemeinschaft nun als historischen Reinfall an, der nur zu noch fataleren Konsequenzen für Europa und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Rest der Welt führen kann.

Ich bin der Meinung, dass eine Reihe von Dingen klar ist. Die Eurozone wird letzten Endes auseinanderbrechen. Und das könnte auf verschiedene Arten geschehen.

Die schwächeren Länder könnten austreten. Würde dieser Prozess geordnet durchgeführt, könnte das zu geringeren Kosten erfolgen als die aktuellen und künftigen Rettungen, und es würde die austretenden Länder wieder schnell auf den Erholungspfad führen.

Deutschland könnte austreten. Da Deutschland jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt der einzige Begünstigte der Eurozone ist, dürfte dies in nächster Zeit wohl nicht passieren. Wenn sich die Rechnungen aber immer stärker auftürmen, könnte es für die deutschen Bürger plötzlich zu einer attraktiven Lösung werden. Das würde natürlich einen höheren deutschen Wechselkurs bedeuten –  doch durch den vorübergehend zurückgehenden Druck wäre die Krise für die 16 im Euro verbleibenden Länder nicht mehr so dringlich. Sie würden durch den substantiell, aber nicht katastrophal abwertenden Euro einen Wachstumsschub erleben.

Es könnten sich auch mehrere Währungszonen entwickeln, wo die Länder, deren wirtschaftliche Lage und Ziele sie ähneln, Gruppen bilden und passendere Währungsniveaus erreichen.

Aber all diese Szenarien würden verlangen, dass Brüssel wieder zur Vernunft gelangt. Es könnte für die Eurozone mit Sicherheit mit weniger Chaos und weniger wirtschaftlicher Vernichtung vonstattengehen, als es andernfalls der Fall wäre.

Auf diese Art könnte man sogar einen attraktiven Ausgang für die EU gewährleisten, da sie sich wieder auf den gemeinsamen Markt und die Reduzierung von Handelsspannungen unter den Wirtschaften konzentrieren und von der großen Vielfalt der verschiedenen Kompetenzen innerhalb Europas profitieren könnte – wir haben den Vorteil einer hochgebildeten Arbeiterschaft und kostengünstiger Industriearbeiter, von über 500 Millionen Verbrauchern, und wir haben den Vorteil von in Wettbewerb stehenden Steuer- und Sozialstaatssystemen.

Aber noch einmal, ich wiederhole: All das würde es notwendig machen, dass in der Eurozone wieder Vernunft einkehrt. Aber ehrlich gesagt, scheint das bedauerlicherweise nicht in den Karten zu sein.

Wenn die Vernunft nicht wieder Einzug hält, ja womit können wir dann rechnen?

Meines Erachtens wird die Rezession dann auf Jahre anhalten und sich sogar in eine Depression verwandeln. Vergessen Sie die Erholung in sechs Monaten – es werden von jetzt an immer sechs Monate sein.

In Euro denominierte Vermögenswerte werden weiter unattraktiv bleiben, ja es wird direkt gefährlich sein, sie die kommenden Jahre zu halten.

Die Anleiherenditen werden beträchtlich steigen, und zwar in allen 17 Euroländern, da die Tatsache, dass die Situation nicht tragfähig ist, immer offenkundiger werden wird.

Brüssel wird immer mehr Befugnisse für sich beanspruchen und diese immer armseliger einsetzen. Der Finanzsektor wird in unsinnigen Regulierungen, Steuern und Haftungsgemeinschaften für scheiternde Banken ertränkt werden, die letztlich auch die gesunden Banken vernichten werden.

Zypern war eine Blaupause. Sie sollten nicht nur mit weiteren Bail-ins rechnen – von denen ich bereits seit langem erklärte, dass sie Teil der Lösung sein könnten –, sondern mit direkten konfiskatorischen als Solidaritätszahlungen verschleierten Vermögenssteuern. Die europäischen Regierungen brauchen Geld, und der Privatsektor hat es. So einfach ist das. So, und nun haben Sie allen Grund, paranoid zu sein.

Rechnen Sie mit verborgenen Überraschungen im Eurozonen-Minenfeld. Das Zypern-Chaos ist der Garant dafür. Ein gewöhnlicher Privatanleger, der hart gearbeitet hat, um für seine Familie zu sparen, wird sein Konto nicht die Schweiz oder nach Singapur verlagern.

Aber was wird er tun, wenn sein Land übers Wochenende gerettet wird? Ich würde sagen, dass die Matratze übers Wochenende sicherer ist als seine Bank. Es könnte also zu plötzlichen Bank-Runs kommen.

Die Antwort auf Bank-Runs sind natürlich Kapitalbeschränkungen. Rechnen Sie mit jeder Menge weiterer Kapitalbeschränkungen, die immer kurzfristig und nur vorübergehend eingeführt werden, aber sehr schwer wieder abzuschaffen sind, wenn sie erst einmal in Kraft gesetzt worden sind. Island erlebt gerade das fünfte Jahr „vorübergehender“ Kapitalbeschränkungen – nur zur Info.

Es gibt eine Menge Dinge, über die man sich Sorgen machen und nachdenken sollte, wenn man Bürger oder Anleger in der Eurozone ist … Diese Krise wird nicht vorübergehen … Eine Krise ist auch eine Möglichkeit, weil sie die Bedingungen für den Wandel schafft. Hoffentlich ändern sich die Dinge in Richtung mehr Transparenz und Reformen, aber auch in Richtung mehr intellektueller Ehrlichkeit …

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