Schuldendebakel: Wenn die Demokratie an ihre Grenzen stößt

Marc Faber, Daily Reckoning, 18.11.2013

H.L. Mencken meinte einst: „Für eine jede Regierung ist der Mann der gefährlichste, der in der Lage ist, Dinge für sich selbst ohne den vorherrschenden Aberglauben und die Tabus zu durchdenken. Er kommt fast unvermeidlich zu der Schlussfolgerung, dass die Regierung, unter der er lebt, unehrlich, verrückt und unerträglich ist.“

Es ist kein Wunder, dass laut einer Anfang Oktober von Gallup durchgeführten Umfrage nur 14% der US-Bürger glauben, dass das Land auf dem richtigen Weg ist. Das ist ein Rekordtief. Im September waren es noch 30%. Das ist er größte Monatsrückgang seit dem Regierungs-Shutdown im Jahr 1990. Rund 78% der US-Bürger sind der Auffassung, dass sich die USA auf dem Holzweg befinden.

Einige Leser werden sich nun natürlich fragen, was diese Daten über die politische Zukunft mit Investments zu tun haben. Sie haben nichts damit zu tun, wie sich der Aktienmarkt morgen, übermorgen oder in den nächsten drei Monaten entwickeln wird. Aber sie haben jede Menge mit der Zukunft der USA zu tun (und anderen westlichen Demokratien, wo die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen kaum besser sind).

Ich habe ja bereits in der Vergangenheit über die Konsequenzen eines gestörten politischen Systems geschrieben. Im Mai 2011 führte ich aus, wie die expansive Geldpolitik diejenigen, die Joseph Stiglitz als „die Elite“ bezeichnete, auf Kosten der gewöhnlichen Bürger bereicherte, indem sie das Vermögen und Einkommen des „einen Prozents“ bedeutet stärker steigen ließ als das der Mehrheit des amerikanischen Volks.

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Darüber hinaus zitierte ich damals Alexander Fraser Tytler (1747 – 1813), der meinte:

„Eine Demokratie kann nicht als permanente Regierungsform existieren. Sie kann nur solange existieren, bis die Wähler merken, dass sie sich selbst Großzügigkeiten aus der Staatskasse wählen können. Von diesem Augenglick an wird die Mehrheit immer für die Kandidaten stimmen, die die meisten Zuwendungen aus der Staatskasse versprechen, mit dem Ergebnis, dass eine Demokratie immer aufgrund einer lockeren Finanzpolitik zusammenbricht und ihr immer eine Diktatur folgt.“

Später beobachtete Alexis de Tocqueville: „Die amerikanische Republik wird bis zu dem Tage andauern, an dem der Kongress feststellt, dass er die Öffentlichkeit mit öffentlichen Geldern bestechen kann.“

Um hier fair zu Obama zu sein: Unter seiner Administration ist die Staatsverschuldung mit einer wesentlich geringeren prozentualen Rate gestiegen als unter der Reagan-Administration und unter den beiden Bush-Genies. So sehr ich es auch hasse, dies zu sagen, aber Obama ist finanzpolitisch konservativ gewesen (oder er war gezwungen, es zu sein).

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Was den Ökonomen und Gesellschaftsbeobachtern des 18. und 19. Jahrhunderts aber entgangen ist, ist die Tatsache, dass Demokratien nicht nur aufgrund ihrer lockeren Fiskalpolitik, sondern auch aufgrund ihrer lockeren Geldpolitik zusammenbrechen können. So ist die Bilanz der US-Notenbank explodiert. John Maynard Keynes hatte zu 100% Recht, als er schrieb:

„Durch einen anhaltenden Inflationsprozess können die Staaten insgeheim und unbeobachtet einen wichtigen Teil des Vermögens ihrer Bürger konfiszieren. Durch diese Methode konfiszieren sie nicht nur, sondern sie konfiszieren willkürlich; und obwohl der Prozess viele verarmt, werden einige dadurch sogar reicher …

Diejenigen, denen dieses System Gewinne beschert …, werden zu ´Profiteuren` und somit zum Hassobjekt … Der Prozess der Vermögensanhäufung verkommt zu einem Spiel und einer Lotterie … Lenin hatte völlig recht. Es gibt keine subtilere, keine sicherere Methode die bestehenden gesellschaftlichen Grundlagen zu stürzen als die Währungsentwertung. Dieser Prozess sorgt dafür, dass alle verborgenen wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten auf der Seite der Zerstörung arbeiten, und tut dies auf eine Art, die nicht ein Mann unter einer Million diagnostizieren kann.“

Die Fed lässt sich für den Umstand feiern, dass das Vermögen der US-Haushalte jetzt das Hoch des Jahres 2007 überschritten hat. Ich war jedoch angenehm überrascht, als ich jüngst auf dem Anwesen meines Freundes Gary Bahre in New Hampshire an einer Präsentation von Larry Lindsey (Fed-Gouverneur von 1991 bis 1997) teilnahm. Er zeigte, dass die Erholung bei den Vermögen der Haushalte – basierend auf den eigenen Datenerhebungen der US-Notenbank – ungleichmäßig ausgefallen ist.

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Die Leser sollten sich auf die letzte Spalte von Tabelle 1 konzentrieren, welche die prozentualen Veränderungen des Vermögens der US-Haushalte während der Jahre 2007 und 2013 ausweist. Wie aus der Tabelle hervorgeht, liegen die 50% der ärmsten Amerikaner im Vergleich zu ihrem Vermögensniveau des Jahres 2007 immer noch mit 40% im Minus.

Neben dieser ungleichmäßigen Erholung bei den Vermögen der US-Haushalte ist auch ein Blick auf die Verbraucherschulden, die derzeit ebenfalls auf einem Rekordniveau notieren, sehr aufschlussreich. Und die Verbraucherschulden als Prozentsatz des frei verfügbaren Einkommens liegen ebenfalls wieder fast auf dem Vorkrisenhoch.

Doch was ich am interessantesten fand, ist, wie die verschiedenen Einkommens- und Vermögensgruppen ihre ausstehende Gesamtverschuldung (inklusive Verbraucherkredit, Hypothekenkredit usw.) nach der Krise angepasst haben.

Lindsey zeigte uns eine Tabelle, die abermals auf den Daten der US-Notenbank basierte und die Anstiege und Rückgänge der Gesamtverschuldung bei den verschiedenen Einkommens- und Vermögensgruppen auswies. Ich finde es bemerkenswert, dass die unteren 40% der US-Einkommensbezieher und die unteren 50% der US-Vermögensbesitzer ihre Schulden nach 2007 erheblich ausgeweitet haben.

Mit anderen Worten: Rund 50% der US-Bürger (die unteren Einkommens- und Vermögensschichten), die Wähler wie auch Verbraucher sind, scheinen heute stärker verschuldet zu sein als je zuvor. Vernünftigerweise ist auch davon auszugehen, dass diese Menschen die Mehrheit der Empfänger staatlicher Sozialleistungen stellen.

Und da diese niedrigeren Einkommens- und Vermögensgruppen ihre Schulden nach 2007 ausgeweitet und auch höhere staatliche Zuwendungen genossen haben, waren sie natürlich auch in gewissem Grad in der Lage, die Wirtschaft und die Unternehmensgewinne zu stützen. Doch was ist mit der Zukunft?

Es ist unwahrscheinlich, dass die Sozialausgaben als prozentualer Anteil des BIP weiter ausgeweitet werden, und die höheren Schulden der Geringverdiener dürften für die Verbraucherausgaben aller Vorausschau nach zu einem Gegenwind werden. Einfach gesagt, ist es meines Erachtens höchst unwahrscheinlich, dass es beim US-Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren positive Überraschungen geben wird. Wahrscheinlicher ist es, dass es negative Überraschungen geben wird.

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