Negativzinsen gibt’s nicht: Jemand muss immer die Rechnung bezahlen, und dieser jemand sind Sie!

James E. Miller, Mises.ca, 10.06.2014

Die Zentralbanker müssen verzweifelt sein. Nach ihren erfolglosen Anstrengungen, die Weltwirtschaft mittels massiver orchestrierter Gelddruckmaßnahmen anzukurbeln, intensivieren sie diese gescheiterte Geldpolitik nun sogar noch. Jetzt ist es aber nicht mehr länger genug, einfach nur endlos Währung zu drucken, sondern jetzt muss auch der Normalbürger dafür bestraft werden, dass er über die Dreistigkeit verfügt, zu versuchen, sein Geld auf einem persönlichen Bankkonto zu sparen. Die Zinssätze mögen zwar schon auf einem außerordentlich niedrigen Niveau angelangt sein, aber es ist jetzt an der Zeit, sie noch stärker nach unten zu drücken.

Die Kontrollfreaks in Europa führen diese Bewegung an. Die Europäische Zentralbank hat vor kurzem eine ganze Serie von Maßnahmen bekanntgegeben, die darauf abzielen, den Einlagenzinssatz der Banken von 0% auf -0,1% zu drücken. Ja richtig; die EZB plant, den Banken für das Halten von Geld bei ihr Kosten in Rechnung zu stellen.

Das Ziel besteht darin, für die Banken Anreize zu schaffen, das Geld weiter zu verleihen, anstatt dass sie es einfach bloß bei der EZB parken. Schließlich kauft die EZB ja von genau diesen Finanzinstitutionen mit frisch gedrucktem Geld fleißig Staatsanleihen auf, da wäre es doch eine Schande, wenn dieses Geld nicht irgendwie in die Wirtschaft gepresst werden könnte. Auf diese Art könnte man den animalischen Kräften eine Dosis Begeisterung verpassen, so dass die Verbraucher wieder mit derselben Rate konsumieren wie vor dem Platzen der Blase. Soweit die Theorie, die hinter all dem steht.

Und wie üblich werden die jüngsten Entscheidungen der EZB von den Gelddruck-Enthusiasten natürlich gefeiert. James Pethokoukis vom American Enterprise Institute freut sich über die lockere Geldpolitik und Bill Gross von PIMCO glaubt, dass aggressive Maßnahmen notwendig seien, um die Preisinflation anzuheizen. Große Nachrichtenmedien beschreiben das Manöver der EZB als „Negativzins-Politik“. Dieser Begriff wird nun überall herumposaunt und als beispiellose Aktion beschrieben, die interessante Auswirkungen zeitigen könnte.

Vor dem Hintergrund, dass die Medien nur in den seltensten Fällen Ahnung von grundlegenden Wirtschaftsprinzipien haben, sollte hier folgende Frage erlaubt sein: Gibt es überhaupt so etwas wie Negativzinsen? Ist es tatsächlich möglich, die Kreditkosten so zu verändern, dass Kredite im Grunde kostenlos sind?

Ja denken wir doch einmal darüber nach. Die Wirtschaftsregel, dass nichts kostenlos ist, gilt immer noch, selbst ein einem Umfeld negativer Zinssätze. Es gibt kein kostenloses Geld. Die Kreditaufnahme wird niemals kostenlos sein. Irgendjemand muss immer dafür zahlen.

Seit Jahrzehnten verzerrt das Zentralbankwesen die Vorstellung davon, was den Zinssatz tatsächlich ausmacht. Die Kosten für die Kreditaufnahme zu steuern, ist der Modus Operandi einer Zentralbank. Die Aufgabe der Zentralbank besteht darin, dass Verhalten der Menschen über ihr Geldproduktions-Monopol zu steuern. Es ist nicht ihre Aufgabe, einen reibungslosen Austausch zwischen denjenigen, die heute konsumieren wollen, und denjenigen, die ihren Konsum in die Zukunft verlagern möchten, sicherzustellen.

Und genauso wie es auch bei allen anderen Preisen der Fall ist, dienen die Zinssätze als ein Mittel, um die Güter auf rationale Art gemäß der Präferenzen der Konsumenten zu verteilen. Im Zins spiegelt sich die Präferenz der Verbraucher wider, in der Gegenwart zu handeln, anstatt in der Zukunft. Ludwig von Mises nannte das die „Zeitpräferenz“, die eine „grundsätzliche Eigenschaft menschlichen Handelns“ ist.

Kein Sophismus dieser Welt kann an der Tatsache, dass Menschen heutige Waren und Dienstleistungen künftigen Waren und Dienstleistungen vorziehen, irgendetwas ändern. Mises schreibt dazu: „Der Akt der Befriedigung eines Wunsches impliziert, dass die unmittelbare Befriedigung dieses Wunsches der Befriedigung zu einem späteren Zeitpunkt vorgezogen wird.“

Die Zinssätze müssen daher immer positiv sein, damit der Preisabschlag bei künftigen Gütern gegenüber heutigen Gütern reflektiert wird. Das ist eine fundamentale Wahrheit, an der auch nicht mittels einer endlosen Geldmengenausweitung gerüttelt werden kann. Der Ökonom Pater Tenebrarum hat jedoch darauf hingewiesen, dass Zinsen im Markt auch Elemente wie „Risikoaufschläge, Preisaufschläge und Gewinnkomponenten“ beinhalten können. Nominell gesehen können Zinsen gelegentlich ins Negative absinken – aber das widerlegt nicht das unumstößliche Gesetz, dass heutige Güter künftigen Gütern vorgezogen werden.

Und es ist auch ein klein wenig irreführend, wenn im Hinblick auf die Geldpolitik der EZB von „Negativzinsen“ gesprochen wird, da dadurch nahegelegt wird, dass eine grundlegende Regel der Ökonomie einfach umgestoßen werden kann, wenn es nur genügend politischen Willen gibt, um die Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen.

Seit der Finanzkrise von 2008 haben Ökonomen und sogenannte Wirtschaftsexperten aller Couleur die weltweiten Zentralbanken dazu gedrängt, aggressive geldpolitische Maßnahmen einzuleiten. Die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank wurden am stärksten bedrängt – doch laut ihrer Kritiker sind sie dabei gescheitert, die Geldmenge stark genug auszuweiten.

Sicher, es wurden Billionen an zunehmend stärker entwertenden US-Dollars und Euros aus dem Nichts geschaffen, und ja, die Banken schwimmen heute in mehr Geld als je zuvor – aber die Arbeitslosigkeit verharrt weiterhin auf atemberaubend hohen Niveaus und die Wirtschaft hat immer noch nicht das Wachstumsniveau erreicht, um die staatlichen Zentralplaner zu befriedigen.

Den Banken nun Kosten dafür in Rechnung zu stellen, dass sie das Geld an der Seitenlinie parken, ist ein verzweifelter Versuch, die Kräfte des Markts zu entfachen. Da inflationäre Effekte aber immer nur kurzlebig sind, ist es mehr ein psychologisches Spiel als alles andere. Der Zweck des Zentralbankwesens besteht darin, die Wirtschaft mittels der Schaffung des „Vermögenseffekts“ anzukurbeln. Wenn sich die Menschen reicher fühlen, weil die Kreditkosten niedrig sind und die Vermögenspreise steigen – aufgrund einer Währungsinjektion, mit der die Preise nach oben getrieben werden –, geben sie wahrscheinlich auch mehr Geld aus. Alles entwickelt eine wunderbare Aufwärtsdynamik … bis der Zusammenbruch einsetzt.

So etwas wie negative Zinssätze gibt es nicht, da es sich hierbei um eine logische Unmöglichkeit handelt. Hier wird uns einfach nur billige Propaganda in Form von Bargeld-Abwürfen eingetrichtert.

Das Entscheidende bei dieser Geldpolitik ist, dass den Banken eine Gebühr in Rechnung gestellt wird und diese Banken daraufhin an ihre Kunden herantreten, um diese Kosten weiterzureichen. Auf diese Art zögern die Menschen eher, wenn es darum geht, ihr Geld auf das Girokonto oder das Sparbuch zu packen.

Wenn die Menschen für die Lagerung ihres Gelds einen Preis zahlen müssen – anstatt Zinsen dafür zu erhalten, dass sie es der Bank erlauben, dieses Geld als kreditfähiges Kapital einzusetzen –, wird es wahrscheinlicher, dass sie es einfach im Kaufhaus um die Ecke auf den Kopf hauen. Noch einmal: Die den „Negativzinsen“ zu Grunde liegende Philosophie ist, die Ausgaben der Verbraucher anzuheizen. Das ist eine kurzsichtige Weltanschauung, und eine, die durch das Diktum von Keynes „langfristig sind wir alle tot“ perfekt auf den Punkt gebracht wird.

Die Schaffung von wirtschaftlichem Wohlergehen steht nicht auf der Agenda der keynesianischen Zentralplaner. Ihr allesüberragendes Ziel besteht darin, die Wirklichkeit mit Worten und Taten zu verbiegen. Es ist durch und durch utopisch und kann nicht erreicht werden; doch das wird die Sozialplaner nicht davon abhalten, an den Schaltern der Zentralbank herumzufingern.

Sie erzählen der Öffentlichkeit, dass wirtschaftliches Wohlergehen bevorstünde, während sie über der Wirtschaft Spaßgeld herabregnen lassen. Nur ganz bestimmte Interessengruppen profitieren von diesem Affentheater – aber es reicht, um die Massen für kurze Zeit ruhigzustellen. Unterdessen setzt die Wirtschaft ihre wilde Achterbahnfahrt weiter fort – eine Achterbahnfahrt, die von Wirtschaftsdoktoren ausgelöst wurde, die glauben, mehr zu wissen, als sie in Wahrheit jemals zu wissen in der Lage sind.

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