Weltweiter Liquiditäts-Crash: Der Zusammenbruch der Globalisierung stellt alles auf den Kopf

Seit 2007 sind die weltweiten Kapitalströme dramatisch eingebrochen, und dieser Zusammenbruch der Globalisierung hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Finanzmärkte, so Paul Donovan, der leitende Ökonom für Weltwirtschaft bei UBS

Paul Donovan, Jakarta Post, 23.06.2014

Wir leben in aufwühlenden Zeiten. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, überquerte den geldpolitischen Rubikon und drückte einen der wichtigen Zinssätze der Eurozone in den negativen Bereich. Das ist dramatisches Zeug – selbst der ökonomisch Unbedarfteste dürfte begreifen, dass Negativzinsen eine radikale Geldpolitik sind. Zur selben Zeit fährt die US-Notenbank zufrieden ihre quantitativen Lockerungsmaßnahmen zurück, und bis Oktober wird dieser Gelddruckprozess aller Vorausschau nach vollständig beendet sein.

Die Frage, die von den meisten Anlegern kommt, ist: „Wie geht es mit der US-Geldpolitik als nächstes weiter?“ Die Antwort dürfte sein, dass es bei den US-Zinsen zu Anstiegen kommen wird, und diese Anstiege könnten früher und schneller einsetzen, als viele Anleger zurzeit annehmen. Die Bank von England wies sogar noch deutlicher darauf hin, dass der Wunsch besteht, die lockere Zinspolitik früher zu beenden, als die Finanzanleger erwarten.

Die Geldpolitik der Eurozone und die angelsächsische Geldpolitik haben also verschiedene Richtungen eingeschlagen – und zwar grundverschiedene. Es ist zehn Jahre her, als die US-Notenbank das letzte Mal einen Zyklus geldpolitischer Straffungsmaßnahmen einleitete, und die Zinssätze in der Eurozone waren nie zuvor in den negativen Bereich abgesunken. Bei der ganzen Diskussion geht es darum, ob die US-Notenbank und die EZB mehr tun werden, als zurzeit erwartet wird; der Unterschied ist aber, dass „mehr“ für die Fed „mehr geldpolitische Straffungsmaßnahmen“ bedeutet, während bei der EZB mit „mehr“ „mehr geldpolitische Lockerungsmaßnahmen“ gemeint sind.

Und angesichts der Erwartungen der Anleger und der Realität, dass sich die Zinssätze gegenwärtig auf diese Art auseinanderbewegen, gehen die meisten Finanzmärkte natürlich davon aus, dass sich der Euro gegenüber dem US-Dollar abschwächen wird.

Die Finanzmärkte sagen ja nun bereits seit geraumer Zeit einen schwächeren Euro voraus – und die Finanzmärkte lagen mit ihren Prognosen auf spektakuläre Art daneben. Der Euro hat sich zwar im Vorfeld der Gerüchte und Hinweise rund um die Geldpolitik von EZB-Präsident Mario Draghi abgeschwächt, verharrt aber nach wie vor auf einem hohen Niveau. Wie kann das erklärt werden? Wie kann es sein, dass sich der Euro nicht so verhält, wie alle erwarten?

Die Widerstandsfähigkeit des Euros gegenüber der auseinanderdriftenden Geldpolitik geht zu weiten Teilen auf die Revolution zurück, die in der Weltwirtschaft stattgefunden hat. Mit einfachen Worten: Seit 2007 ist die Globalisierung dramatisch in sich zusammengebrochen, und dieser Zusammenbruch der Globalisierung hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Finanzmärkte.

Der Zusammenbruch der Globalisierung hat nichts mit dem Welthandel zu tun. Die weltweiten Exporte (als prozentualer Anteil an der Weltwirtschaft) sind heute auf einem höheren Niveau, als es in 2007 der Fall war – hier hat es eine vollständige Erholung gegeben. Nein, der Zusammenbruch hat stattdessen im Bereich der weltweiten Kapitalströme stattgefunden.

Die weltweiten Kapitalströme (ebenfalls als prozentualer Anteil an der Weltwirtschaft) liegen heute ungefähr bei einem Drittel ihrer Vorkrisen-Hochs und der Hälfte des Niveaus, das in den zehn Jahren verzeichnet wurde, die der globalen Finanzkrise vorausgingen.

Der Zusammenbruch bei den Kapitalströmen wurde von verschiedenen zusammenspielenden Faktoren herbeigeführt. Die Anleger – speziell die Banken – werden heute stärker reguliert als vor der Krise. Und mit dieser zunehmenden Regulierung stieg auch die Tendenz, lieber in die einheimischen Märkte zu investieren – in einigen Fällen war es eine unbeabsichtigte Folge der neuen Verordnungen und in einigen Fällen war es das ausdrückliche Ziel der Politik.

Darüber hinaus hat die politischere Natur verschiedener Finanzmärkte in den Schwellenmärkten auf internationale Anleger – die im Hinblick auf weit entlegene Märkte wahrscheinlich über weniger politisches Verständnis verfügen – eine abschreckende Wirkung gehabt.

Als die Kapitalströme noch reichlich flossen, hatte eine Wirtschaft mit einem Außenhandelsdefizit auch nicht allzu viele Probleme dabei, die notwendigen Kapitalströme zu finden, um ihr aktuelles Außenhandelsdefizit zu finanzieren – zur Finanzierung musste nur ein winziger Teil der riesigen Menge des um die Welt sausenden Kapitals abgezweigt werden. Heute, wo diese Kapitalströme zu einem dünnen Rinnsal verkommen sind, muss ein Land mit einem Außenhandelsdefizit bedeutend größere Anstrengungen vollbringen, um das notwendige Kapital anzulocken. Grob gesagt ist es heute drei Mal so schwer, ein Außenhandelsdefizit zu finanzieren, jetzt wo die Kapitalströme nur noch bei einem Drittel des Vorkrisenniveaus liegen.

Und das hilft auch dabei, den Euro zu erklären. Der Euroraum ist zurzeit ein Wirtschaftsraum mit einem Außenhandelsüberschuss. Die Vereinigten Staaten sind ein Wirtschaftsraum mit einem Außenhandelsdefizit. Die Zinsdifferenz spricht eigentlich für einen schwächeren Euro. Die Lage beim Außenhandel spricht für einen stärkeren Euro. Diese zwei Kräfte kämpfen derzeit an den Devisenmärkten, und das Ergebnis ist, dass die Euroschwäche geringer ausfällt, als die meisten Anleger erwartet hatten.

Dieses neue Modell am Devisenmarkt hat tiefgreifende Auswirkungen, die weit über die fehlerhaften Prognosen des Euro/Dollar-Wechselkurses hinausgehen. Verminderte Kapitalströme bedeuten, dass es an den asiatischen Märkten zu geringeren Kapitalzuflüssen kommt – eine Entwicklung, die die Wachstumsrate bei den Devisenreserven bereits verlangsamt hat. Und verminderte Kapitalströme können auch bedeuten, dass die globale Ressourcenallokation weniger effizient ist.

Die weltweiten Kapitalströme haben bisher keine Schlagzeilen gemacht und tauchen in den Meldungen nicht auf, aber der Zusammenbruch der Globalisierung könnte sich noch als eine der wichtigsten wirtschaftlichen Veränderungen der letzten zehn Jahre herausstellen.

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