Handelskrieg: Wie Europa in den Ruin schlittert

Wolfstreet.com, 07.08.2014

Als Barack Obama die jüngste Runde an US-Sanktionen gegen Russland verkündete, versuchte er, die Ängste der Unternehmen zu beschwichtigen, indem er kategorisch erklärte, dass die Auswirkungen der Sanktionen auf US-Unternehmen und die Unternehmen der US-amerikanischen Verbündeten „begrenzt“ seien.

Obamas nächster Schritt bestand darin, die rasch schwindende Zahl an US-Verbündeten mit an Bord zu holen oder besser gesagt auf Linie zu bringen. „Wir werden in einer stärkeren Position sein, um Herrn Putin abzuschrecken, wenn er sieht, dass die Welt [gemeint sind damit die USA und Europa] geeint ist“, so Obama gegenüber der New York Times.

Zwei Tage später stellte sich der Präsident des Europäischen Rates Herman Van Rompuy hinter die Maßnahmen. Van Rompuy erklärte im Namen von 500 Millionen Europäern – von denen ihn keiner je gewählt hat; ja in Wahrheit haben die meisten noch nie von ihm gehört –, dass die europäischen Sanktionen „eine starke Wirkung auf die russische Wirtschaft haben dürften, während die Auswirkungen auf die EU-Wirtschaften moderat bleiben.“

Die Botschaft war klar: Die Sanktionen gegen Russland würden nur „begrenzte Folgen“ für US-amerikanische und europäische Unternehmen haben. Und auch für die Wirtschaften des Westens wären die Auswirkungen lediglich „moderat“. Zumindest war das der Plan – beziehungsweise war das der Plan, der der Öffentlichkeit verkauft wurde. Bedauerlicherweise scheint der Spielverderber Putin aber nicht darauf aus zu sein, bei all diesen Mätzchen mitzumachen.

Im Rahmen der jüngsten russischen Vergeltungsmaßnahmen verkündete der Kreml ein einjähriges Verbot von „Importen von landwirtschaftlichen Gütern aus Ländern, die Sanktionen gegen Russland implementiert haben“.

Die britische Zeitung Guardian meldete, dass dieser Schritt die wirtschaftliche Konfrontation zwischen dem Kreml und dem „Westen“ nur noch stärker intensivieren dürfte. Vom „Westen“ sind im allgemeinen Sprachgebrauch aber offensichtlich alle nicht auf Linie gebrachten lateinamerikanischen Länder wie Brasilien, Argentinien, Uruguay und Ecuador ausgenommen – Länder, von denen Russland demnächst einen großen Teil seiner landwirtschaftlichen Importe erhalten wird.

Darüber hinaus erwägen die russischen Behörden zurzeit, europäischen Fluggesellschaften bei ihren Flügen nach Asien das Überfliegen Sibiriens zu verbieten, ein Schritt, der die Kosten für Interkontinentalflüge europäischer Airlines erhöhen würde, da dadurch die Flugzeiten und somit auch die Treibstoffkosten steigen würden. Das würde die europäischen Fluggesellschaften gegenüber ihren asiatischen Mitbewerbern stark benachteiligen, aber auch Russland gingen dadurch Überfluggebühren verloren.

In diesem Handelskrieg steht also zunehmend mehr auf dem Spiel – ein Handelskrieg, der bei vielen europäischen und russischen Unternehmen und den Wirtschaften an sich bereits für ernsthafte Probleme sorgt. Die entscheidende Frage ist: Wer knickt zuerst ein?

Europa wird als erstes umfallen

Mein Tipp ist, dass Europa als erstes umfallen wird – und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen. Zunächst einmal ist es so, dass Russland aufgrund seiner Geschichte als kollektives Ganzes psychologisch weit besser auf die Missstände und das Chaos vorbereitet ist, die mit einer ernsthaften Eskalation der aktuellen Handelsstreitigkeiten einhergehen dürften.

„Russland … kann auf eine lange Geschichte des Erduldens von Missständen zurückblicken – das sind zähe Menschen, die mit Missständen viel besser klarkommen, als es in den USA oder Europa der Fall ist“, so Andrew Goldberg, ein Stratege für Weltwirtschaft bei JP Morgan, gegenüber Bloomberg.

Es ist gar nicht so lange her, dass die Russen einen brutalen Wandel von der weltgrößten staatlich kontrollierten Planwirtschaft in eine marktorientierte Wirtschaft durchmachten, obschon die russische Wirtschaft heute starke oligarchische Tendenzen aufweist. Während dieser Phase litten die Russen unter Hyperinflation, einer langanhaltenden Wirtschaftsdepression und dem Beinahe-Bankrott weiter Teile der russischen Industrie.

Im Gegensatz dazu hatte es Europa vergleichsweise leicht. Selbst Griechenland mit seiner Nahtod-Erfahrung und seiner austertitätsgebeutelten Wirtschaft hat nichts erlebt, was auch nur vergleichsweise an die russischen Erfahrungen der 1990er Jahre heranreicht.

Politische Stabilität und Popularität

Der zweite Grund, warum es wahrscheinlicher ist, dass Europa als erstes umkippen wird – vorausgesetzt die USA würden das jemals erlauben –, hat mit Politik zu tun.

Ob es dem Westen nun gefällt oder nicht, Putin ist in seiner Heimat unglaublich beliebt. Umso stärker unsere Regierungen und Medien Putin dämonisieren, desto stärker wird seine Beliebtheit. Bei der jüngsten Erhebung ist die Zustimmungsrate von Putin auf 83% explodiert – vergleichen Sie das Mal mit den Zustimmungsraten von François Hollande (18%), David Cameron (30%) oder Mariano Rajoy (29%). Fakt ist, dass die Landesführer der 5 größten europäischen Wirtschaften – mit Ausnahme von Angela Merkel, deren Zustimmungsrate bei 71% liegt – bei den Zustimmungsraten bei unter 50% liegen.

Und dann dreht sich in Russland nicht alles um Putin. Erstmals seit 2008 glaubt die Mehrheit der Russen (73%), dass die gesamte politische Führung ihr Land in die richtige Richtung führt. Dieses neue Vertrauen wird offensichtlich, wenn man sich die Rekord-Zustimmungsraten des Landes für das Militär (78%), die Nationalregierung (64%) und die Frage, ob ehrliche Wahlen stattfinden (39%), anschaut.

Im Gegensatz dazu haben die jüngsten EU-Wahlen gezeigt, dass die Unterstützung der EU-Institutionen auf dem niedrigsten Punkt des 21. Jahrhunderts angelangt ist. Die letzte Gallup-Umfrage vom Januar dieses Jahres enthüllte, dass es unter den 27 EU-Mitgliedsländern gerade einmal vier Länder – Luxemburg, Deutschland, Belgien und Dänemark – gibt, wo die Mehrheit der Bevölkerung mit der EU-Führung zufrieden ist. Die niedrigsten Zustimmungsraten finden sich in Griechenland (19%), Zypern (21%), Spanien (27%), Großbritannien (29%), Schweden (30%) und Tschechien (30%).

Ein langer kalter Winter

Der Unterschied könnte nicht deutlicher ausfallen: Während Putin und die Hauptorgane des russischen Staats auf einer anschwellenden Welle der Beliebtheit und Unterstützung reiten, befinden sich die Zustimmungsraten der europäischen Führer und Institutionen im freien Fall.

So, und nun stellen Sie sich mal vor, was in Europa geschehen würde, würde Russland den Gashahn zudrehen, was einen bitterkalten Herbst explodierender Gaspreise zur Folge hätte. Ja würden sich die Menschen dann immer noch hinter ihren Regierungen scharen?

Was wäre, wenn zur selben Zeit Europas sogenannte Wirtschaftserholung plötzlich an Fahrt verlöre, so wie es nun bereits in Italien zu beobachten ist. Oder sagen wir, Londons historische Eigenheimblase würde plötzlich platzen (was ja nicht zuletzt dank der EU-Sanktionen gegen Russland angeblich schon im Gang sein soll)? Ganz zu schweigen von der realen Möglichkeit einer neuen Runde an Bankenpleiten, während die EZB versucht – und dabei scheitert – den Bankensektor Europas irgendwie wieder in Form zu bringen. Ich hatte ja darüber berichtet, dass die EZB schon öffentlich verlautbart hat, dass einige Banken von der Bildfläche verschwinden werden – auf geordnete Art und Weise natürlich!

Ja sicher, all diese Punkte sind mit einer Menge Fragezeichen versehen – dennoch sollte man diese unheilvollen Zeichen nicht einfach ignorieren. Diese Hinweise deuten für Europa auf eine Zukunft der Schwäche, Fragilität, Spaltung und des Niedergangs; und ein erbitterter Handelskrieg mit Europas größtem Nachbarn wird einzig dazu führen, dass diese Zukunft noch schneller hereinbricht und die Auswirkungen noch gravierender werden.

Und Deutschland, die mächtige Wirtschaftsmaschinerie, die Europa angeblich aus dem ganzen Schlamassel befreien soll? Deutschland stagniert, während die Sanktionen ihre Wirkungen entfalten. Hier wird „die Katastrophe von 2008“ heraufbeschworen, was dann aber rasch wieder abgestritten wird.

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