US-Schule für geistig Behinderte: Schüler werden systematisch mit tragbaren Stromschockern gequält

Diana Sweet, Raw Story, 04.05.2010

Die Organisation „Mental Disability Rights International“ (MDRI, Rechte für geistig Behinderte) hat dem Sonderberichterstatter für Folter bei den Vereinten Nationen einen Bericht und einen dringenden Apell übermittelt, worin das Judge Rotenberg Center für Behinderte mit Sitz in Massachusetts beschuldigt wird, dass es gegen die Folterkonvention der Vereinten Nationen verstößt.

Letzte Woche übermittelte die Menschrechtsgruppe einen Bericht mit dem Titel „Folter und keine Behandlung: Elektroschock und Langzeit-Fixierung von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen im Judge Rotenberg Center“, nachdem sie eine eingehende Untersuchung durchgeführt hatte, bei der man die Verwendung von Fixiertischen, Isolation, Entzug von Nahrung und Elektroschocks enthüllte – Maßnahmen um das Verhalten der behinderten und geistig verstörten Schüler zu kontrollieren.

Zu den Erkenntnissen des MDRI-Berichts zählen Praktiken des Zentrums Kindern an Beinen, Armen, Fußsohlen und Oberkörper Elektroschocks zu verabreichen – in vielen Fällen über Jahre hinweg, bei einigen sogar mehr als ein Jahrzehnt lang. Die Elektroschocks erfolgen über ferngesteuerte Geräte, die am Rücken der Kinder angebracht werden. Die Geräte werden „Graduated Electronic Decelerators“ (GEI, Gestaffelte Elektronische Bremser) genannt.

Die sich für die Rechte von Behinderten einsetzende Gruppe merkte an, dass bei Elektroschockern typischerweise drei bis vier Milliampere pro Stromstoß ausgegeben werden. Die GEI-Systeme hingegen setzten Schüler mit 45 Milliampere unter Strom – mehr als dem Zehnfachen der Ampereleistung eines normalen Stromschockers.

Ein früherer Mitarbeiter des Zentrums erklärte gegenüber einem Ermittler: „Wenn man dort anfängt zu arbeiten, zeigen sie einem dieses Video, was erklärt, dass der Schock ´wie der Stich einer Biene` ist und den Kindern eigentlich nicht wehtut. Ein Kind hatte so viele Stromschläge erhalten, man konnte das verbrannte Fleisch riechen. Diese Kinder befinden sich jede Stunde, jeden Tag in der Woche in ständiger Angst. Sie schlafen mit ihnen am Körper, essen damit. Mich hat es krank gemacht und ich konnte nicht schlafen. Ich betete zu Gott, dass diesen Kindern jemand helfen würde.“

MDRI ist der Meinung, dass die Gesetze der Vereinigten Staaten dabei versagen Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen den notwendigen Schutz zu bieten. Sie fordern die sofortige Beendigung der Verwendung von Elektroschocks und Langzeit-Fixierung als Mittel zur Verhaltensveränderung oder Behandlung und ein Verbot des Zufügens von ernsthaften Schmerzen für sogenannte therapeutische Maßnahmen.

„Folter als Behandlung sollte verboten und strafrechtlich verfolgt werden.“ so der Bericht.

Als Reaktion auf einen Schreiben vom September 2009 – der von 31 Behindertenorganisationen unterzeichnet wurde und worin behauptet wird, das Zentrum verstoße gegen den „Americans with Disabilities Act“ – hat das US-Justizministerium im Februar dieses Jahres eine „Routineuntersuchung“ eingeleitet.

Judge Rotenberg, der Geschäftsführer der Einrichtung, und Dr. Matthew L. Israel, der Gründer des Zentrums, begannen bereits im Jahre 1977 mit ihren ersten Programmen. 1981 starb ein 14-jähriger Junge auf dem Bauch liegend ans Bett gefesselt, während er im Zentrum lebte. Dr. Israel wurde nicht für den Tod des Jungen zur Verantwortung gezogen. Nach einer Untersuchung des US-Bundesstaates Kalifornien zog Israel nach Rhode Island und dann später nach Massachusetts, wo seine Einrichtung bis heute in Betrieb ist.

Das Magazine „Mother Jones“ veröffentlichte 2007 einen umfassenden Investigativbericht über das Rotenberg Center mit dem Titel „Schule des Schocks“. Die Journalistin Jennifer Gonneman fragte: „Wie oft muss man einem Kind Stromschläge versetzen, bevor es Folter ist?“

Kinder im Judge Rotenberg Center werden oft gefesselt, fixiert und für Monate am Stück von der Außenwelt abgeschnitten, so der Bericht. Soziale Isolation und Nahrungsmittelentzug gelten als übliche Bestrafungsmethoden. Vorgetäuschtes und angedrohtes Erstechen – um durch Zwangsmaßnahmen unakzeptables Verhalten herauszulocken, das dann zu Bestrafungen durch Elektroschocks führt (was man im Zentrum „Behavioral Research Lessons“ oder BRLs [Verhaltensforschungsuntericht] nennt) – wurden gegenüber MDRI, wie auch Regulierungsbehörden des Bundesstaates Kalifornien berichtet.

Ein früherer Schüler des Zentrums erklärte gegenüber MDRI: „Das allerschlimmste überhaupt waren die BRLs. Sie versuchen und bringen einen dazu, dass man sich schlecht verhält und dann bestrafen sie einen. Das erste Mal, als ich eine BRL hatte, kamen zwei Kerle in den Raum und schnappten mich – ich hatte keine Idee, was vor sich ging. Sie hielten mir ein Messer an die Kehle und ich begann zu schreien, dann versetzte man mir Stromschläge. Ich hatte drei Mal in der Woche BRLs für Sachen, die ich noch nicht einmal getan hatte. Das ging sechs Monate so oder länger. Ich war in einem ständigen Zustand der Paranoia und Angst. Wenn sich die Tür öffnete, wusste ich nie, ob ich eine bekommen würde. Es war mehr Stress, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Horror.“

Verhaltensweisen, die das Zentrum als „aggressiv“, „gering“ oder als „Nicht-Befolgung“ ansah – wie die Hand ohne Erlaubnis zu heben – wurden allesamt als strafbar durch Elektroschocks, Fixierungen oder andere Maßnahmen erachtet.

„Ein Mädchen, das blind und taub war, sich nicht richtig ausdrücken konnte, wimmerte und wankte hin und her.“ wird ein früherer Lehrer in dem Bericht zitiert. „Ihr Wimmern war wie ein Schrei. Die Mitarbeiter versetzten ihr wegen dem Wimmern Stromschocks. Es stellte sich heraus, dass sie einen abgebrochen Zahn hatte. Einem anderem Kind passierte ein Unfall im Badezimmer, woraufhin man ihm Stromstöße versetzte.“

Die Menschrechtsgruppe fand heraus, dass das Rotenberg Center die einzig bekannte Einrichtung in den Vereinigten Staaten „oder vielleicht in der Welt“ ist, wo Elektrizität, Langzeitfixierung und anderen Formen der Strafe zur absichtlichen Zufügung von Schmerzen gegenüber Kindern eingesetzt werden, was sie dann noch als „Behandlung“ bezeichnen. Alleine von den Elektroschocks wird gesagt, dass sie zu möglichen Langzeitschäden wie Muskelstarre, Impotenz, Schäden an den Zähnen, Vernarbungen der Haut, Haarverlust, posttraumatischen Belastungsstörungen, schweren Depressionen, chronischer Angst, Gedächtnisverlust und Schlafstörungen führen können.

Der MDRI-Bericht besagt, dass die Quelle, aus der sie ihre meisten Informationen bezogen hatten, die frei verfügbaren Daten auf der eigenen Internetseite vom Jude Rotenberg Center waren.

Als Reaktion auf den Bericht von MDRI erklärte das Judge Rotenberg Center:

„Es gibt keine stichhaltigen Beweise, dass es für diese schweren Formen der Verhaltensstörung eine pharmakologische oder psychologische Behandlung gibt, mit welcher man diese Schüler effektiv behandeln oder sie schützen kann. JRC ist das einzige Programm, welches gewillt ist sich der Wirklichkeit dieser Kinder zu stellen und ihnen Bildung und eine Zukunft zu geben.“

Die vollständige Zurückweisung des JRC kann auf ihrer Internetseite gelesen werden.

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