Gerhard Spannbauer, Krisenvorsorge.com, 03.02.2011

Eine Studie zeigt erschreckende Umstände in der deutschen Gesellschaft auf: Es ist die Rede von einer „Verrohung des Bürgertums“ und von einer „Vereisung des sozialen Klimas“. Die Diagnose der Studie zeigt deutlich: Die Ressource Solidarität wird immer knapper in Deutschland, das Miteinander droht zu einem Gegeneinander zu mutieren. Die Finanzkrise trägt dazu einen entscheidenden Anteil bei: Sorge und Furcht um den eigenen sozialen Status und auch um das kapitalistische System insgesamt befördern

In ihrer repräsentativen Umfrage „Deutsche Zustände“ stellten die Soziologen um den Bielefelder Forscher Wilhelm Heitmeyer eine „Vereisung des sozialen Klimas“ fest. Sie sprechen von einem „verrohenden Bürgertum“. Vor allem bei den knapp 20 Prozent Wohlhabenden oder Reichen diagnostizieren sie eine erschreckend zunehmende Islamfeindlichkeit. Die „taz“ titelt dazu: „In der Mitte der Gesellschaft wächst der Hass.“

Furcht und Sorge breiten sich immer mehr aus in der deutschen Gesellschaft. Das zeigt sich in der Integrationsdebatte, wo immer harschere Töne angeschlagen werden, das zeigt sich beim Streit um Stuttgart 21 oder auch bei der Atompolitik der Bundesregierung. Die Stimmung wird rauer – und dazu trägt die Finanzkrise und ihre Auswirkungen einen entscheidenden Anteil bei: eine diffuse Furcht um die eigene und die allgemeine Zukunft trägt die von der Studie diagnostizierte „Verrohung“ unserer Gesellschaft. „Zivilisierte, tolerante, differenzierte Einstellungen in höheren Einkommensgruppen scheinen sich in unzivilisierte, intolerante – verrohte – Einstellungen zu wandeln“, schreiben die Autoren der Studie.

„In der Krise haben viele Besserverdiener erstmals gemerkt, was finanzielle Einbußen bedeuten“, sagt Studienleiter Wilhelm Heitmeyer. Dadurch seien mühsam erlernte soziale Normen und Werte in Vergessenheit geraten, der Sozialdarwinismus habe zugenommen. Das Gefühl der Bedrohung durch die Krise habe auch zu einer schleichenden „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“ geführt.

Nichts scheint mehr sicher: der aktuelle Wohlstand ist in Gefahr, die Versorgung im Alter sowieso, das Vertrauen in den Kapitalismus ist nachhaltig geschädigt. Die Menschen befürchten den sozialen Abstieg und die wirtschaftliche Unsicherheit. Gerade die wohlhabenden und reichen Bürger suchten ihr Heil in einer aggressiven Abgrenzung von Menschen mit geringeren Einkommen, so die Studie.

„Sozialdarwinismus“ ist der Begriff, der diese Entwicklung zusammenfasst: An die Stelle von bürgerlicher Solidarität mit seinen Mitmenschen tritt immer mehr eine egoistische Ellenbogen-Mentalität, die sich um das Schicksal der anderen nicht mehr kümmern will. Damit verliert die deutsche Gesellschaft sukzessive den Kitt, der eine funktionierende Gesellschaft zusammen hält.

Was von mir schon länger prognostiziert wurde, scheint sich nun zunehmend so zu entwickeln: In Zeiten der Krise sinkt die Bereitschaft der Menschen, für andere einzustehen – stattdessen breitet sich immer mehr das aus, was die Studie „Sozialdarwinismus“ nennt: Jeder scheut zunehmend nur noch auf sich selbst, das Schicksal anderer wird immer mehr gleichgültig hingenommen. Bereiten Sie sich darauf vor, dass diese Situation sich im Fortlaufen der Krise weiter verschärfen wird. Sorgen Sie dafür, dass Sie unabhängig bleiben, denn auf das Wohlwollen anderer sollten Sie nicht mehr allzu viel setzen.