Eine weitere Verschärfung der Krise könnte die Welt dramatisch verändern

Gerhard Spannbauer, Krisenvorsorge.com, 03.02.2011

Die Krise ist noch nicht vorüber – im Gegenteil: Die Risiken wachsen weiter. Das ist nicht nur die Meinung einiger vorausschauender Köpfe, die sich vom allgemeinen Zweckoptimismus nicht beeindrucken lassen wollen, sondern wird von renommierten Fachleuten des World Economic Forum in einer neuen Studie propagiert. Die Quintessenz des WEF-Berichts: Die Welt ist so stark geschwächt von den Wirkungen der Finanzkrise, dass sie einen weiteren Schock nicht unbeschadet überstehen würde.

Die Weltwirtschaft hat sich in eine schwierige Lage hineinmanövriert: Es ist kaum drei Jahre her, dass die Finanzkrise zu einer offensichtlichen Gefahr mutiert ist – mit weiter wachsenden Risiken. Die bisherigen Auswirkungen der Krise haben viele Staaten so sehr geschwächt, dass ein weiteres Beben an den Märkten den finalen Stoß bedeuten könnte, so die Studie. Die Mittel, um neue Krisen zu bekämpfen, sind aufgebraucht, der nächste Schlag könnte verheerend sein.

Das World Economic Forum, das auch den Weltwirtschaftsgipfel in Davos organisiert, ist ein Kreis ausgewiesener Experten, die kaum als Berufspessimisten gelten können. Umso mehr sollten wir diesen Worten Gewicht beimessen. Die Experten des WEF schätzen, dass in diesem Jahr die Gefahr von Staatspleiten zu den größten Bedrohungen zu zählen ist. „In den meisten Industriestaaten befinden sich die Staatsfinanzen in einer äußerst kritischen Lage“, warnt Daniel Hofmann, Chef-Volkswirt von Zurich Financial, einer der Autoren der WEF-Studie. Sollten sich die Regierungen nicht schnell zu einschneidenden Maßnahmen durchringen können, bestehe die große Gefahr von staatlichen Zahlungsausfällen.

Die Schuldenkrise, die sich zu Beginn des Jahres weiter zugespitzt hat, verändert die Sichtweise der Investoren auf Europa weltweit. Zum ersten Mal sehen Anleger nun Staatsanleihen aus der Euro-Zone als weit mehr risikobehaftet als Bonds aus den Schwellenländern. Dies ist ein Ausdruck des immensen Vertrauensverlustes, den der Euro und Europa hinnehmen mussten und der schwer wiederherzustellen sein wird.

„Das Problem der Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, die eigentliche Wurzel der Finanzkrise, ist noch immer nicht gelöst“, bringt Robert Greenhill, Geschäftsführer des WEF, die weiterhin miserable Lage der Weltwirtschaft auf den Punkt. Das Thema der rasch größer werdenden Kluft zwischen dem rasanten Wachstum der Schwellenländer und der immer noch mit den Nachbeben der Krise kämpfenden Industriestaaten wird daher auch im Zentrum des nächsten Weltwirtschaftsgipfels stehen.

Kürzlich wurde die Warnung des brasilianischen Finanzministers öffentlich, der durch die stetige Flut billigen Geldes aus den Industrieländern schwere Verwerfungen der Weltwirtschaft drohen sieht, die in einem Währungskrieg und forciertem staatlichen Protektionismus münden könnten. Andere Krisenherde werden im Bereich der Ressourcen gesehen. Rohstoffe, Wasser und Energie seien nicht unbegrenzt verfügbar und bildeten eine natürliche Barriere gegen immer mehr Wachstum. Die Preisexplosion bei den Rohstoffen zeigt dieser Entwicklung bereits die Richtung: Hier liegt eine der Hauptgefahren für die Weltkonjunktur.

Dabei geht es nicht nur um Rohstoffe, wie Kupfer oder seltene Erden, sondern vor allem um die grundlegenden Dinge des Lebens, um Nahrungsmittel. Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern steigt die Gefahr, dass aus dieser Knappheit gefährliche Hungerrevolten entstehen. Eine wohl unausweichbare Entwicklung, denn die WEF-Experten schätzen, dass der Bedarf an Wasser, Nahrungsmitteln und Energie sich in den nächsten Jahren um gut die Hälfte steigern wird.

Wir sollten uns daran gewöhnen, dass die Zeiten schier unendlich scheinenden Wachstums für immer gezählt sind. Vor allem die Industrieländer müssen sich darauf einstellen, dass der Selbstbedienungsladen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse schon bald seine Türen dicht machen wird. Andere Länder erheben nun ebenfalls Ansprüche auf die Annehmlichkeiten modernisierter Staaten, was heißt: Es gibt immer weniger Ressourcen für immer mehr Menschen.

Ich denke, dass wir alle lernen müssen damit zu leben, dass die nächsten Jahre und Jahrzehnte zunehmend von einem erbitterten Kampf um die wenigen übrigen Mittel geprägt werden. Ein weiterer Schlag der Finanzkrise gegen die ohnehin geschwächten Industrieländer könnte die Welt, wie wir sie gewohnt sind, innerhalb kurzer Zeit auf den Kopf stellen.

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