Die Japan-Connection

Wealth Cycles, 31.01.2011

Die Probleme der japanischen Wirtschaft sind nun wieder in den Fokus gerückt. Zuerst ging der japanische Finanzminister Kaoru Yosano mit der Meldung an die Öffentlichkeit, dass Japan sich wohlmöglich am Währungskrieg beteiligen müsse, um einen erstarkenden Yen zu bekämpfen, und als nächstes senkte die Ratingagentur Standard & Poor´s die Kreditwürdigkeit des Landes ab.

Weil es sich bei Japan um eine exportorientierte Wirtschaft handelt, ist den japanischen Exporteuren ein starker Yen ein Gräuel. Sie sind auf einen schwachen Yen angewiesen, damit ihre Waren den Ausländern billiger „erscheinen“.

Während die Bonitätsnoten von Standard & Poor´s grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen sind – schließlich verliehen sie Lehman Brothers und der American International Group kurz vor ihren Zusammenbrüchen ein „A“, also eine der höchsten Bonitätsnoten überhaupt – erinnert uns die Abwertung Japans erneut an die offenkundigen Schwächen der japanischen Wirtschaft und die Schwächen der anderen Länder.

Japan leistete Pionierarbeit mit dem Konzept, Schulden und „quantitative Lockerung“ einzusetzen, als es im Jahre 1991 zum Platzen ihrer „Blasenwirtschaft“ kam, welche sich die darauffolgenden zwei Jahrzehnte zusehends weiter abschwächte.

Japan fing damit an, sich von seiner eigenen alternden Bevölkerung, die über große Ersparnisse verfügt, Geld zu leihen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Bis vor kurzem hat das auch alles bestens funktioniert, da die alternde Bevölkerung Japans eine sehr hohe Sparquote aufwies und ein großer Teil der angesparten Gelder über den Postspardienst in japanische Staatsanleihen floss.

Japan hat jedoch auch die älteste Bevölkerung der Welt und den größten Bevölkerungsanteil an über 65-Jährigen, wohingegen die Geburtenraten seit Jahrzehnten rückläufig sind. In den Vereinigten Staaten beläuft sich der Anteil von Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, auf 12,8%, was für die USA aufgrund der Generation der Baby-Boomer einen historischen Höchststand darstellt. In Japan beläuft sich dieser Anteil auf über 22%, Tendenz steigend.

Dieser demographische Sachverhalt wird für Japan ganz schnell zum Schuldenproblem werden. Da die Bevölkerung immer älter wird, gibt es auch zunehmend weniger Unterstützung durch die älteren Bürger beim Kauf von japanischen Staatsanleihen. Zur selben Zeit benötigen die älteren Menschen immer mehr Gesundheitsversorgung, Rentenunterstützung und Ruhestandszahlungen. Um der Sache noch eins draufzusetzen: Japan hat die höchste Lebenserwartung der Welt (83 Jahre), was bedeutet, dass die abverlangten sozialen Zuwendungen über viele Jahre hinweg ausgezahlt werden müssen.

In Japan haben weder Konjunkturbelebungs- noch quantitative Lockerungsmaßnahmen funktioniert. Ihre Wirtschaft stagniert seit nunmehr fast 20 Jahren. Das japanische Bruttosozialprodukt ist heute auf demselben Niveau wie 1992, nur das man heute zusätzlich noch über die giftigen Nebenwirkungen all der Konjunkturmaßnahmen verfügt – einen Berg aus Schulden, der in einem Versuch angehäuft wurde, Japans dahinsiechende Wirtschaft wiederzubeleben.

Heute ist Japan das Land mit dem zweithöchsten Schulden/BSP-Verhältnis auf dem Planeten. Nur Zimbabwe ist stärker verschuldet, also das Zimbabwe, das jüngst erst eine leidvolle Hyperinflation durchmachte.

Japan erfreute sich in den vergangenen 20 Jahren an den niedrigsten Kreditaufnahmekosten der Welt, was zum Teil daran liegt, dass es in Japan eine deflationäre Preisentwicklung gab.

Wir sollten uns hier noch einmal vergegenwärtigen, dass sich der Nominalzinssatz mehr oder weniger aus zwei Hauptkomponenten zusammensetzt: Dem Realzins und der zu erwartenden Inflation. Wird eine Phase deflationärer Preisentwicklung erwartet, dann ist der Realzins negativ, was zu einer Absenkung des Nominalzinssatzes führt.

Kurz gesagt: Man fügt dem Realzins die zu erwartende Inflation hinzu, zieht die zu erwartende Deflation jedoch ab. Das ist einer der Gründe, warum Japan über einen so langen Zeitraum derart niedrige Zinssätze hatte.

Japans Probleme sind aber nicht allein auf Japan beschränkt. Die Vereinigten Staaten und die Eurozone haben ähnliche Probleme, die auf ihre Art ebenfalls katastrophal sind. All diese Probleme haben sich über Jahrzehnte hinweg aufgebaut, und über Japan haben wir in der Vergangenheit bereits ausführlich berichtet.

Das wirklich Interessante ist, dass das Finanz-Establishment auf eine Geschichte stößt, diese untersucht und sie dann einfach wieder vergisst, ja in der Zwischenzeit sogar den Blick fürs Ganze verliert.

Wenn man über all die aktuell vorherrschenden wirtschaftlichen Probleme nachdenkt, sollte man immer versuchen, sich von dem störenden Ballast zu befreien und sich auf wichtige und bedeutsame Themen zu konzentrieren.

Datenbankprogrammierer unterscheiden oftmals zwischen vier Ebenen: Daten, Information, Wissen und Weisheit – was auch unter dem Begriff „Wissenshierarchie“ bekannt ist.

Zusammenhanglose Daten sind unbrauchbar – es handelt sich nur um einen kleinen Teil einer Information, eine Tatsache, eine Statistik oder einen Datenpunkt. Informationen sind Daten mit Kontext und erlauben Antworten auf Fragen wie „Was?“, „Wie?“, „Wo?“, und „Wann?“. Als Wissen bezeichnet man die Synthese der Informationen. Es hilft uns dabei, Entscheidungen zu treffen und Anweisungen zu verstehen. Weisheit, der wohl am schwersten fassbare Teil dieser Hierarchie, ist das, was uns dabei hilft, die Zukunft zu sehen, gute Entscheidungen zu treffen und das Richtige zu tun.

Bei all den Daten, Informationen und dem Wissen, die Sie in sich aufnehmen, sollten Sie daher immer daran denken, dass das letztendliche Ziel darin besteht, Weisheit zu erlangen, also einen Zustand, wo man selbst erkennt, was vor sich geht, seine Schlüsse daraus zieht, und dann die besten Entscheidungen trifft, ganz egal ob im Investmentbereich oder auf einem anderen Gebiet.

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