Was sie nicht über Haiti hören (aber wissen sollten)

Carl Lindskoog, CommonDreams, 15.01.2010

In den Stunden die dem zerstörerischen Erdbeben in Haiti folgten, übernahmen CNN, New York Times und andere Massenmedien die allgemeine Interpretation dieser heftigen Zerstörung: Das Erdbeben der Stärke 7,0 deshalb war so desaströs, weil es eine städtische Fläche mit extremer Überbevölkerung und extremer Armut traf. Die Häuser dieser zerbrechlichen Stadt wurden von den armen Menschen „übereinander gebaut“. Ferner sorgten Unterentwicklung und politische Unruhen, die das Land viele Jahre im Griff hatten, dafür, dass die haitianische Regierung nicht darauf vorbereitet war auf eine solche Katastrophe zu reagieren.

Das ist zwar wahr, aber nur ein Teil der Geschichte. Was fehlt ist eine Erklärung, warum es so viele Haitianer gibt, die in und um Port-au-Prince leben und warum so viele von ihnen gezwungen sind mit dem Wenigsten ums Überleben zu kämpfen. Selbst wenn mal eine Erklärung gewagt wird, dann ist sie oftmals unerhört falsch, wie zum Beispiel die eines früheren US-Diplomaten auf CNN, dass die Überbevölkerung von Port-au-Prince, wie in den meisten Dritte-Welt-Ländern, der Tatsache geschuldet sei, dass sie von Geburtenkontrolle verständen.

Es könnte nachrichtenhungrige Amerikaner erschrecken festzustellen, dass die Bedingungen, die von den amerikanischen Medien richtig als das enorme Desaster verschlimmernde Attribute beschrieben werden, zu großen Teilen Ergebnisse amerikanischer Politik und eines von den Amerikanern geleiteten Entwicklungsmodells sind.

Von 1957 bis 1971 lebten die Haitianer unter der dunklen Herrschaft von „Papa Doc“ Duvalier, einem brutalen Diktator, der US-Unterstützung genoss, weil er von den Amerikanern als zuverlässiger Antikommunist angesehen wurde. Nach seinem Tod wurde Duvaliers Sohn, Jean-Claude „Baby Doc“, mit 19 Jahren Präsident auf Lebenszeit und herrschte über Haiti bis er 1986 schließlich gestürzt wurde. Es war in den 70ern und 80ern, als Baby Doc, die Vereinigten Staaten und die Unternehmergemeinde daran arbeiteten Haiti und die haitianische Hauptstadt zu dem zu machen, was sie am 12.01.2010 waren.

Nach der Krönung von Baby Doc begannen amerikanische Planer in und außerhalb der US-Regierung mit ihren Plänen der Umwandlung Haitis in das „Taiwan der Karibik“. Diesem kleinen, armen Land in angenehmer Nähe zu den Vereinigten Staaten wurde aufgetragen seine landwirtschaftliche Vergangenheit aufzugeben und einen stabilen, exportorientierten Produktionssektor zu entwickeln. Dies, so sagte man Duvalier und seinen Verbündeten, sei der Weg in die Modernisierung und wirtschaftliche Entwicklung.

Aus Sicht der Weltbank und der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) war Haiti der perfekte Kandidat für dieses neoliberale Facelifting. Die Armut, welche die haitianischen Massen plagte, könnte dazu verwendet werden, die Menschen in schlecht bezahlte Jobs zu zwingen bei denen sie Baseballs zusammennähen und andere Produkte zusammenbauen.

Aber USAID hatte auch Pläne für die ländliche Region. Nicht nur Haitis Städte würden Exportstandorte sondern auch der ländliche Raum. Man strukturierte die haitianische Landwirtschaft gemäß der Regeln exportorientierter, auf den Markt ausgerichteter Produktion um. Um dies zu erreichen, arbeitete USAID gemeinsam mit städtischen Industriellen und Großgrundbesitzern an der Schaffung von Anlagen, die landwirtschaftliche Produkte weiterverarbeiteten und dabei sogar noch ihre Gepflogenheit ausweiteten die Überschüsse bei der haitianischen Bevölkerung abzukippen.

Die „Hilfe“ der Amerikaner und die Strukturveränderungen des ländlichen Raumes zwangen die arme haitianische Landbevölkerung – welche auf dem Land nicht länger überleben konnte – vorhersehbar in die Städte, besonders nach Port-au-Prince, wo die neuen Arbeitsplätze in der Produktion sein sollten. Als sie jedoch dort ankamen, stellten sie fest, dass nicht annähernd genügend Arbeitsplätze in der Produktion vorhanden waren. Die Stadt wurde immer überfüllter und die Slums wuchsen. Um die Bedürfnisse nach Wohnraum zu befriedigen, baute die verdrängte Landbevölkerung schnell billige Häuser, bei denen manchmal auch Häuser „übereinander“ gebaut wurden.

Bald darauf entschieden amerikanische Planer und die haitianische Elite jedoch, dass ihr Entwicklungsmodell in Haiti vermutlich doch nicht so gut funktioniert und brachen es ab. Die Folgen dieser durch die Amerikaner gesteuerten Veränderungen blieben jedoch.

Als am Nachmittag des 12.01.2010 Haiti dieses schreckliche Erdbeben und Runde um Runde weiterer Nachbeben erlebte, wurde die Zerstörung zweifelsohne maßgeblich durch die sehr reale Überbevölkerung und Armut von Port-au-Prince und der sie umgebenden Gebiete verschlimmert. Aber Amerikaner können mehr tun, als mit den Köpfen zu schütteln und mitleidsvoll zu spenden. Sie könnten der Verantwortung ihres eigenen Landes für die Bedingungen in Port-au-Prince ins Auge sehen, die zur Verstärkung der Erdbebenschäden führten und sie könnten Amerikas Rolle anerkennen, die das Land davon abhielt einen vernünftigen Entwicklungsstand zu erreichen. Die unvollständige Geschichte von Haiti, wie sie von CNN und der New York Times präsentiert wird, zu akzeptieren, bedeutet den Haitianern die Schuld dafür zu geben, Opfer von Plänen geworden zu sein, die überhaupt nicht von ihnen stammen. John Milton drückte es so aus: „Diejenigen, die den Menschen die Augen ausstechen, machen ihnen ihre Blindheit zum Vorwurf.“

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