Trockene Krümel

Wie wir mit „falschen Tätern“ leben lernen, warum es trotzdem die „Mehrheitsgesellschaft“ war, und wie ein Schaffner die Saison rettet. Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Hans Heckel, Preußische Allgemeine, 07.09.2012

Übung macht den Meister! Vor wenigen Jahren noch reagierte das empörungsbeseelte Deutschland völlig verwirrt, wenn sich muslimische Jugendliche an einem Juden in unserem Land vergingen: Die „falschen Täter“ hieß es dann und niemand wusste so recht, ob und gegen wen überhaupt man jetzt seine Zivilcourage aus dem Schrank holen sollte.

Das ist vorbei: Als der Rabbiner in Berlin von muslimischen Rüpeln ins Krankenhaus geprügelt wurde, zeigten die Verantwortlichen eine beeindruckende Routine. Wären die Täter deutsche Idioten gewesen, hätten sie von einem Problem gesprochen, das „tief in der Mitte der deutschen Gesellschaft wurzelt“, wofür wir uns alle schämen sollten. Da es aber nun andere waren, wurde schnell klargestellt, dass die Tat mit der Herkunft der Täter aber auch gar nichts zu tun hat.

Die Ausländerbeauftrage der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), nutzte ihren Auftritt zur Sache, indem sie jeder Form von „Ausländerfeindlichkeit, Gewalt und Antisemitismus“ den Kampf ansagte. Und Deutschenfeindlichkeit? Davon kein Wort. Das lässt aufatmen: Da es zunehmend deutsche Jugendliche sind, die an Schulen oder auf der Straße wegen ihrer Nationalität angegangen werden, hätte sich kürzlich beinahe eine Debatte über „Deutschenfeindlichkeit“ entwickelt. Experten, Politiker und die Lehrergewerkschaft GEW waren aufs Höchste alarmiert: Die GEW ließ wissenschaftlich verlauten, „Deutschenfeindlichkeit“ gebe es gar nicht. Danach war die Diskussion schnell zu Ende.

Und tot blieb sie auch, wie die feinsinnige Auswahl der Frau Böhmer verrät. Hätten sich die jungen Moslems einen gewöhnlichen Deutschen für rassistische Beschimpfungen und Prügelattacken gesucht, hätte die CDU-Politikerin keine Silbe dazu verloren.

Unter islamischen Verbänden hinterlässt der Vorfall dennoch ein Gefühl des Unbehagens. Man will Opfer sein, und zwar ausschließlich Opfer. Etwas gereizt belehrt uns daher der Vorsitzende des Koordinierungsrates der Muslime, Ali Kizilkaya: Wenn über Antisemitismus geredet werde, müsse gleichermaßen über Islamfeindlichkeit gesprochen werden, denn beides sei menschenfeindlich. Soll wohl heißen: Auch die Angreifer seien doch eigentlich Opfer gewesen, gell?

Und wessen Opfer? Dreimal dürfen Sie raten. Somit wäre laut Kizilkaya die Attacke auf den Rabbiner eigentlich ein Anlass gewesen, gemeinsam auf die Straße zu gehen gegen die Ignoranz und den Rassismus der Deutschen, wobei viele Deutsche gewiss gern mitmarschiert wären, die bei so etwas immer gern dabei sind. Wenn das nächste Mal ein Jude von einem Moslem attackiert wird, wissen wir also, gegen wen wir „Gesicht zeigen“ müssen: die „deutsche Mehrheitsgesellschaft“.

Da werden schließlich immer noch genügend Nazis hervorgebracht, die es theoretisch auch hätten sein können. Wie sehr sich unser Staat bei der Produktion von Neonazis ins Zeug legt, tritt anhand der NSU-Akten immer eindrucksvoller zu Tage.

In dem vom Verfassungsschutz-Agenten Tino Brandt gegründeten „Thüringer Heimatschutz“ tummelten sich 40 Staatsagenten, bei einer Gesamtmitgliederzahl von (in den besten Zeiten) allerhöchstens 140. Von jenen „Kameraden“, die fließend lesen und schreiben konnten, dürfte also in etwa jeder zweite sein Geld vom Staat erhalten haben. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass auch NSU-Hausmütterchen Beate Tschäpe zu den Staatsnazis zählte. Die drei NSU-Figuren hatten im „Heimatschutz“ bekanntlich Nationalsozialismus gelernt.
Uns hat diese ganze „Terror-Trio“-Geschichte ein unheimliches Mysterium hinterlassen: Wer steckt nun eigentlich wirklich hinter den „Zwickauern“? So richtig raus ist das immer noch nicht. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard sind ja tot, die können niemandem mehr antworten. Und brisante Akten wurden rechtzeitig, Verzeihung, wurden aus Versehen vernichtet.

Immerhin kommen die Medien ihrer Pflicht ebenso vorbildlich nach wie bei der Erstickung der „Deutschenfeindlichkeit“-Debatte. Für sie ist klar, dass die drei Zwickauer auf eigene Rechnung unterwegs waren und nicht etwa mit den „Diensten“ vernetzt. Alles, was nicht in dieses Bild passt, wird unter der Rubrik „Noch eine Panne beim Verfassungsschutz“ mit leichter Hand weggetüncht. Auf diese Weise ist ein Bild von so betörender Eindeutigkeit entstanden, dass die vielen Risse und Löcher gar keiner mehr wahrnimmt.

Um sein Weltbild in Schuss zu halten, ist es wichtig, dass man auch mal wegsieht. Beim Nachbarn Frankreich ist eine sozialistische Regierung gerade dabei, reihenweise illegale Zigeunerlager auseinanderzujagen. Reaktionen in Deutschland: Ein paar kurze Berichte, einige Pflichtappelle von Institutionen, die für solche Appelle mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, ein bisschen politisches Gegrummel von den hinteren Rängen, sprich: nichts von Belang. Man stelle sich vor, die Zigeuner-Vertreibung hätte noch unter dem „Rechten“ Sarkozy stattgefunden – da hätten wir was draus gemacht!

Also zurück nach Deutschland: Trotz allen Einsatzes treuer Medien haben die Bemühungen des deutschen Staates um die Hege und Pflege der nationalsozialistischen Bedrohung etwas gelitten. In letzter Zeit ist recht wenig passiert, man hat einfach zu wenig Zeit bei den Ämtern, die sind mit Aktenschreddern und Spuren verwischen beschäftigt, vor allem aber mit Legendenbildung unter der Überschrift „Schonungslose Aufklärung“.

Daher müssen wir uns bei der Skandalisierung des deutschen Rassismus mit kleineren Brötchen begnügen, oder um ehrlich zu sein, mit jedem trockenen Krümel. Ein Schaffner hat zu einer dunkelhäutigen Frau gesagt: „In Afrika fahren die Züge nicht so schnell.“ Endlich! Wie hungernde Kojoten stürzen sich die Rassistenjäger auf den „Skandal“: „Rassismus bei der Deutschen Bahn!“ schnauben sie sich durch die  Internetforen. Der gute Schaffner weiß gar nicht, welches Geschenk er uns gemacht hat.

Dass etwas ein Skandal werden kann, hängt von den exakten Umständen ab. Hätte ein nigerianischer Busfahrer zu einem weißen Fahrgast gesagt: „In Europa sind die Straßen nicht so lang wie in unserem großen Afrika!“ wäre gar nichts passiert. Und hätte ein New Yorker einem Gast mutmaßlich europäischer Herkunft verkündet: „In Europa sind die Häuser nicht so hoch!“, dann hätten weder wir noch sonst jemand in der Welt irgendwas Verdächtiges erkennen können. Aber nun war es ein deutscher Schaffner, auf ihn mit Gebrüll!

Richtig angezapft ist der Rassismusvorwurf unerschöpflich. In der nächsten Umdrehung kann man den Spieß sogar glatt umdrehen gegen die Empörer: Wieso ist der Hinweis auf Afrika eigentlich rassistisch? Deutet das nicht da­rauf hin, dass man Afrika pauschal mit „rückständig“ gleichsetzt? Geschnappt! Das ist das Tolle an solchen Sachen: Egal, wie man sich zu dem Vorfall verhält, der Rassismus-Vorwurf ist einem sicher. Und der wiegt tonnenschwer.

Gut, und wozu das alles? Ganz einfach: Die Leute müssen doch irgendwie beherrscht werden! Verunsicherte Menschen sind so wunderbar gefügig, also: Mach ihnen Angst, stelle sie permanent unter Verdacht, so lange, bis die Idioten sich sogar selber verdächtigen. Das hat schon der gute alte Stalin so gehalten und ist hervorragend damit gefahren.

Außerdem müssen die Bürger abgelenkt werden. Man stelle sich vor, die Deutschen hätten der Euro-Politik jene Aufmerksamkeit geschenkt, die ihr der Bedeutung nach gebührt? Niemals wären wir soweit voran gekommen.

Schließlich sollen die Bürger geradezu glücklich darüber sein, dass sie nichts zu sagen haben: Wo doch bei uns im Volk überall braune Elemente hausen, vielleicht sogar in mir selbst, da bin ich doch froh, dass es da diese weise Führung gibt, die mich und die Meinen vor mir und den Meinen beschützt.

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