Währungs- und Anleihencrash: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Michael Pento, King World News, 27.10.2012

Es gehört zu den grundlegenden Verhaltensweisen der Menschen, sich nicht freiwillig selbst Schmerzen zuzufügen. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, wie der Tag der Abrechnung vermieden werden kann, werden sich die meisten Menschen dafür entscheiden, die Realität einfach auszublenden – selbst wenn die letztlich einsetzende Katastrophe durch das Hinauszögern nur noch viel schlimmer ausfallen wird.

Dieses Prinzip gilt auch für ganze Länder, da die Auffassung, Austerität sei etwas begrüßenswertes, der kollektiven Psyche einer Nation entgegensteht. Die spanische Wirtschaft setzt ihren Absturz weiter fort. Die spanische Arbeitslosenrate hat mit über 25% nun abermals ein neues Rekordhoch erreicht, da 5,78 Millionen Spanier Ende des dritten Quartals keine Arbeit hatten.

Der spanische Premierminister Mariano Rajoy ist mit einem Dilemma konfrontiert: Entweder lässt er es zu, dass der drückende Schuldendienst sein Land gänzlich ruiniert, oder er akzeptiert die Austeritätsmaßnahmen der EZB, was hieße, dass der EZB-Präsident Mario Draghi die Kontrolle über die spanischen Zinssätze übernimmt.

Spanien will natürlich, dass die Europäische Zentralbank die spanischen Staatsschulden aufkauft, denn ohne Draghi gäbe es für diese Schuldenpapiere keinen privaten Markt, außer die Renditen würden um hunderte Basispunkte steigen. Und Rajoy findet sich in einer besonders misslichen Lage wieder, da die Austerität auf der iberischen Halbinsel bereits Einzug hält.

Es könnte durchaus sein, dass Rajoy schon bald herausfindet, dass es – selbst wenn er die „Hilfe“ der EZB akzeptiert und die steuerpolitische Hoheit seines Landes an Mario Draghi abtritt – nie ein Happy End gibt, wenn eine Zentralbank bei der Schuldenfinanzierung die Rolle des Privatmarkts übernimmt. Ein ausgeglichener spanischer Staatshaushalt und ein Nein Spaniens zum Aufkauf spanischer Schuldenpapiere durch die EZB – das wären echte Austeritätsmaßnahmen.

Den Vereinigten Staaten steht ein ähnliches Schicksal bevor. Die BSP-Zahlen des dritten Quartals zeigen unmissverständlich, dass die Inflation bedeutend stärker steigt als das Wirtschaftswachstum, das bei gerade einmal 2% vor sich hindümpelt.

Trotz der Tatsache, dass sich die USA in einer Umsatz-, Gewinn- und Kapitalgüterkrise befinden, hat sich die Inflation von 1,5% im zweiten Quartal auf 3% im dritten Quartal verdoppelt. Und jetzt sind die USA auch noch mit der im Januar wirksam werdenden „Fiskalklippe“ konfrontiert, die eine ohnehin bereits anfällige und schwache Wirtschaft in eine tiefe Rezession stürzen würde. Die Frage ist, ob die US-Regierung die US-Wirtschaft tatsächlich freiwillig in den Abgrund rauschen lassen würde.

In Wahrheit stehen die westlichen Industrieländer nun vor einer unglaublich harten Entscheidung, der sie nicht ausweichen können: Entweder schränkt der Westen seine Staatsausgaben jetzt massiv ein, in der Hoffnung, die Schulden/BSP-Verhältnisse auf diese Weise wieder unter Kontrolle zu bekommen, oder er macht mit der Kreditaufnahme und den Staatsausgaben weiter wie bisher, bis der Markt eine vollumfängliche Währung- und Anleihenkrise lostritt.

Das Problem besteht darin, dass, würden die Länder die Austeritätsmaßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt akzeptieren, die sich ohnehin bereits in der Rezession befindenden Wirtschaften noch stärker in den Abgrund stürzen würden.

Der Privatsektor braucht eine gewisse Zeit, um die Arbeitnehmer zu absorbieren, die zuvor bei der Regierung beschäftigt oder für ihren Konsum auf staatliche Transferleistungen angewiesen gewesen sind. Hier kommt noch hinzu, dass den Schaffern von Arbeitsplätzen durch Steuererhöhungen Geld gestohlen wird, das die Regierung dann in ihren Händen hält und fehlinvestiert.

Und während sich die USA zusehends der Fiskalklippe nähern, haben die Märkte bereits damit begonnen, die Folgen einzupreisen. Ein Rückgang bei den Staatsausgaben und Steuerhöhungen von rund USD 700 Milliarden in 2013 würden zur Folge haben, dass die meisten Vermögenswerte im Preis fallen. Ferner würde ein Rückgang bei den Staatsausgaben zu einer Abnahme des Geldmengenwachstums führen.

Privatpersonen und Regierungen können aber auf eine lange Geschichte zurückblicken, wo Austeritätsmaßnahmen um jeden Preis vermieden wurden. Ich bin der Auffassung, dass die USA vor der Fiskalklippe zurückschrecken und sich stattdessen für die Implementierung von Notbehelfsmaßnahmen entscheiden werden, mit denen die aktuellen Steuersätze aufrecht erhalten und die automatisch einsetzenden Ausgabeneinsparungen ausgesetzt werden.

Im Rahmen dieses Planes würde dann wahrscheinlich ein großer Kompromiss ausgehandelt werden: Die Republikaner und Demokraten einigen sich auf eine Kombination aus steigenden Steuereinnahmen und einer Reform bei den staatlichen Leistungen, wodurch in den kommenden zehn Jahren zwischen USD 4 Billionen und USD 6 Billionen eingespart werden.

Washington scheint den Menschen zurzeit zwei Lösungen anzubieten: Jedes Jahr ein Haushaltsdefizit von USD 1 Billion, bis die Währungs- und Anleihenkrise da ist, oder der Sprung über die Fiskalklippe. Aber wenn sich Washington noch nicht einmal auf Austeritätsmaßnahmen einigen kann, nachdem die Regierung bereits USD 16,2 Billionen an Schulden aufgetürmt hat, ja warum sollten sich die Politiker dann darauf einigen, wenn die Restriktionen der Fiskalklippe umgangen worden sind?

Ein weiteres Problem ist, dass die Neuverschuldung innerhalb der kommenden zehn Jahre immer noch um USD 6 Billionen zulegen würde, selbst wenn die USA während dieses Zeitraums tatsächlich USD 5 Billionen einsparen würden. Das hängt damit zusammen, dass die vorgeschlagenen Einsparungen die Schulden nicht reduzieren, sondern lediglich die Wachstumsrate der Neuverschuldung verlangsamen.

Die Wahrheit ist, dass die Austerität für die überschuldeten Industrieländer unvermeidlich ist. Und Austerität ist von Natur aus depressiv und deflationär. Das ist der Grund, warum dieser Weg niemals freiwillig beschritten werden wird. Es ist bedeutend einfacher, mit der Kreditaufnahme und den Ausgaben weiter zu machen wie bisher – und zwar solange, bis die Kreditgeber den Hahn zudrehen.

Ich befürchte, dass man sich für den Weg des geringsten Widerstands entscheiden wird und wir erleben werden, wie es zu einer schnellen Ausweitung der Geldmenge, einem Fall des Dollars und steigenden Preisen bei risikoreichen Vermögenswerten kommen wird, sollten sich die USA abermals dazu entschließen, die Möglichkeit, ihre Schulden anzugehen, nicht zu nutzen.

Weitere Artikel zu diesem Thema