Mehr als nur ein Schuldenrisiko: Pulverfass Zypern spielt die Russlandkarte

Zypern ist ein geopolitisches Pulverfass. Dass es jetzt die Russlandkarte spielt, macht das Ganze noch interessanter

Martin Armstrong, Armstrongeconomics.com, 21.03.2013

Die Ereignisse in Zypern sind für das Überleben von Europa von entscheidender Bedeutung. Zwischen Russland und China gibt es einen gewaltigen Unterschied. Russland hat Territorium verloren und muss daher sein „Imperium“ wiedererrichten – und dabei denkt Russland territorial und nicht im Sinne von wirtschaftlichem Einfluss wie China.

Und das bedeutet, dass Russland immer noch den Wunsch hegt, Europa zu besetzen, und dank der Staatsschuldenkrise – bei der unsere Politiker im Westen die Nationalstaaten kastrieren, nur um sich weiterhin persönlich an der Macht zu halten – wird das Russland auch gelingen.

Zypern spielt Russland jetzt gegen Europa und die Vereinigten Staaten aus, um so sein Wirtschafts- und Finanzsystem zu retten, das aufgrund der Verluste aus den griechischen Schulden, die es als Reserven hält, am Abgrund steht.

Zypern hat sich nun also auf die interessante Strategie zurückgezogen, die Russlandkarte zu spielen. Für Russland steht bei dieser Krise viel auf dem Spiel, da die Russen in Zypern große Geldmengen halten. Die zypriotischen Banken sind von den Auswirkungen der Staatsschuldenkrise buchstäblich erschüttert worden.

Das Ganze veranschaulicht das Problem mit dem Euro. Der Einheitswährung fehlen einheitliche, konsolidierte Staatsschulden – und daher haben sich die Staatsschulden aller Euroländer dann auch in Wertpapiere mit Reservestatus verwandelt, was das gesamte europäische Bankensystem in Gefahr gebracht hat.

Die zypriotischen Politiker sind jetzt darauf aus, für weitere Kredite die erwarteten Einnahmen heute noch nicht entwickelter Offshore-Gasförderstätten zu verpfänden. Zypern hofft darauf, sich so zu positionieren, dass es 40% der europäischen Erdgasversorgung stellen kann. Das liegt aber immer noch Jahre in der Zukunft, und Illusionen darüber, dass Zypern in 10 Jahren das Katar des östlichen Mittelmeers wird, könnten bei Zypern dazu führen, dass es sein Blatt überreizt.

Zypern muss sich nun zwischen einem europäischen Rettungspaket und der Hinwendung zum russischen Bären entscheiden. Bei dem Zypern-Rettungspaket werden die Sparer für die Sünden der Politiker abgestraft, die es versäumt haben, die Struktur der europäischen Einheitswährung richtig aufzusetzen – und das würde den gewöhnlichen Zyprioten wie auch die viel reicheren russischen Investoren treffen. Bei der Hinwendung zum russischen Bären, würden die Zyprioten die erwarteten künftigen Gasreserven teilweise oder ganz an Russland verkaufen, um ein Rettungspaket zu erhalten. Natürlich wäre Letzteres ebenfalls an politische Bedingungen geknüpft.

Zypern neigte immer schon dazu, eine komplizierte Insel zu sein, die heute durch einen seit 50 Jahren anhaltenden Konflikt zwischen den griechischen und türkischen Zyprioten gespalten ist. Die aktuelle Finanzkrise hat komplexeste Fragen aufgeworfen, die die Stabilität Europas als Ganzes betreffen werden.

Die Implikationen der Zypernkrise gehen weit über die Insel hinaus, und es besteht die Gefahr von europaweiten Bank-Runs, wenn die Menschen begreifen, dass die Verfechter der Europäischen Union das Geld auf den Bankkonten der Menschen einfach beschlagnahmen werden, um damit für ihre gehirnamputierten Entscheidungen und die Unfähigkeit aufzukommen, den Euro richtig aufzusetzen.

Und dann gibt es da noch den seit langem schwelenden Konflikt zwischen den griechischen Zyprioten im Süden und den türkischen Zyprioten im Norden, der das geteilte Land abermals in einen Militärkonflikt stürzen könnte. Und das würde dann zu bedeutenden geopolitischen Problemen führen.

Vor der aktuellen Finanzkrise hätten sich meisten griechischen Zyprioten noch für engere europäische Beziehungen ausgesprochen – doch das ändert sich nun immer schneller. Die zypriotischen Regierungsvertreter schaffen gerade einen neuen Konflikt, während die Spannungen mit den türkischen Zyprioten zunehmen, die nach einer gemeinsamen Lösung suchen und ihren Teil von den künftigen Erdgaseinnahmen abhaben wollen.

Die Türken, Griechen, Israelis und die anderen Nachbarn entdecken zurzeit entlang ihrer umstrittenen Grenzen neue Erdgasreserven. Das Gebiet der Energiereserven wird also immer größer und geht nun weit über die arabische Welt hinaus.

In Washington und Brüssel kommen unterdessen neue Ängste auf, dass die zunehmenden Spannungen zwischen Zypern und der Türkei zu einer Konfrontation führen könnten, bei der die NATO mit hineingezogen wird.

Vor noch nicht allzu langer Zeit stand Zypern im Fokus der geopolitischen Sorgen. Ein Blick in die moderne Geschichte der Insel zeigt, dass das Osmanische Reich Zypern abtreten musste und es 1878 zu einem Protektorat Großbritanniens wurde. 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde Zypern von Großbritannien annektiert. 1925, nach der Auflösung des Osmanischen Reichs, wurde Zypern zu einer britischen Kronkolonie.

Zwischen 1955 und 1959 war dann die EOKA aktiv, eine griechisch-zypriotische Organisation, die auf die „Enosis“ – die Vereinigung Zyperns mit Griechenland – abzielte. Doch die EOKA-Kampagne führte nicht zu einer Vereinigung mit Griechenland, sondern zu einer unabhängigen Republik.

1960 wurde die Republik Zypern gegründet, aber die türkischen Zyprioten, die größtenteils Muslime waren und gerade einmal rund 18% der Zyprioten ausmachten, waren aufgrund der unfairen Verfassung im Vorteil und wurden mit 30% aller Abgeordnetensitze im Parlament überrepräsentiert.

Diese unfaire Politik führte zu internen Konflikten, die dann schließlich in einem ausgewachsenen Krieg zwischen den türkisch orientierten und den griechisch orientierten Zyprioten mündeten. Das hatte zur Folge, dass UN-Friedenstruppen entsandt wurden, die dort auch heute noch stationiert sind.

1974 führen die griechischen Zyprioten schließlich einen Militärputsch durch, bei dem sie von der griechischen Militärjunta unterstützt wurden. Die Türkei nutzte den Putsch als Vorwand, um in den nördlichen Teil der Insel einzumarschieren – und die türkischen Streitkräfte blieben auch nach dem Waffenstillstand auf der Insel, was eine Teilung Zyperns zur Folge hatte. Die Türken riefen dann 1975 den „Türkischen Bundesstaat von Zypern“ aus. Am 15.11.1983 wurde der Name auf „Türkische Republik Nordzypern“ (TRNZ) abgeändert.

Zigtausenden türkischen Siedlern wurde erlaubt, sich auf dem Gebiet der TRNZ niederzulassen, und man ließ sogar zu, dass sie sich auf griechisch-zypriotischem Gebiet niederließen, in der Hoffnung, so den Anteil der türkischen Bevölkerung zu erhöhen. Der Norden Zyperns wird gemeinhin als besetztes Gebiet der Republik Zypern erachtet. Die Türkei hat die UN-Resolutionen aber einfach ignoriert.

Und genau dieses Pulverfass ist der Hintergrund, vor dem sich alles abspielt; es ist der Grund, warum Zypern ein solches Risiko ist – es besteht die Gefahr eines abermaligen Kriegs zwischen Griechenland und der Türkei.

2002 begannen die Verhandlungen über die Wiedervereinigung. Bis 2004 hatten sich beide Seiten auf einen Plan zur Wiedervereinigung der Insel geeinigt. Dieser Plan wurde auch von den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und den USA unterstützt. Die Nationalisten auf beiden Seiten machten gegen den Plan mobil. Die türkische Seite akzeptierte ihn trotzdem, während die griechische Seite ihn ablehnte.

Danach wurde Zypern 2004 EU-Mitglied und übernahm den Euro am 01.01.2008 als Landeswährung. Das zypriotische Pfund wurde aufgegeben. Der illegal besetzte Norden verwendete aber weiterhin die türkische Lira …

Zypern geht davon aus, dass sich in zypriotischen Gewässern rund 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Wert von rund USD 80 Milliarden befinden (aktueller Marktpreis). Dieses Erdgas wäre ausreichend, um rund 40% des jährlichen europäischen Bedarfs zu decken. Die Zyprioten planen, dass der Export dieses Erdgases 2018 beginnt, aber das könnte sich langfristig vielleicht als ein wenig zu optimistisch herausstellen.

Die zypriotischen Regierungen haben engere Beziehungen zu Europa immer als zentralen Bestandteil ihrer Strategie erachtet, um die Türkei zurückzuhalten und wirtschaftlich als ein regionaler Akteur zu prosperieren. Die aktuelle Finanzkrise ist aber, gelinde gesagt, interessant, da Europa bei seinen eigenen Schandtaten nun über ein echtes Pulverfass gestolpert ist.

Nicht nur, dass die Europäische Union der Welt gezeigt hat, dass sie bereit ist, das Vermögen der Menschen zu stehlen, um für die Schulden der Banker aufzukommen – auch ihr Mangel an Sensibilität gegenüber historischen Konflikten, die ohne weiteres in einer Revolution münden könnten, zeigt, wie armselig das Management der europäischen Politiker ist.

Darüber hinaus haben sie immer noch nicht begriffen, dass Zypern für Europa der entscheidende Faktor ist, um sich von den politisch manchmal unzuverlässigen russischen Energieexporten unabhängig zu machen. Russland könnte die Energieversorgung im Rahmen einer militärischen Unterwerfung Europas jederzeit kappen.

Und das Ganze hat auch militärische Implikationen für die USA. Zypern ist ein logistischer Knotenpunkt für die Unterstützung der Operationen im Irak und in Afghanistan. Und es gibt dort zwei unabhängige Basen, die als Spionagezentren fungieren und die Kommunikation im Nahen Osten abfangen.

Russland tritt unterdessen zunehmend aggressiver auf. Einige dürften begriffen habe, dass das Risiko eines Zypern-Rettungspakets darin besteht, dass der Einfluss Moskaus auf der Insel und in anderen Gebieten Europas zurückgehen könnte. Aber Zypern ist mit Sicherheit nicht das erste verschuldete europäische Land, das sich nach Moskau wendet, um Hilfe zu erhalten. 2008 wandten sich auch die Isländer an Russland, als ihre Währung und ihr Bankensystem kollabierten.

Das verärgerte die Alliierten, die dabei zusehen mussten, wie ein NATO-Land versucht, sich an russische Interessen zu verkaufen. Und genau das ist der Punkt, auf den ich hier hinweisen will. Russland könnte aufgrund des inkompetenten Wirtschaftsmanagements der Europäer in Europa einmarschieren und dort die Kontrolle an sich reißen. Zypern hat lange und enge Beziehungen zu Russland, die auf wirtschaftlichen Interessen beruhen, und beide Länder teilen Vorbehalte gegenüber der Türkei und haben mit dem orthodoxen christlichen Glauben eine gemeinsame Religion.

Es wäre für Russland ein Leichtes, das Schicksal Europas zu besiegeln, indem es sich die Kontrolle über die zypriotischen Gasreserven aneignet. Das würde sicherstellen, dass sich Europa aus der Abhängigkeit von russischen Energieexporten nicht befreien kann. Sie sollten Zypern im Auge behalten. Hier geht es um weit Wichtigeres als um ein instabiles EU-Land.

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