Spaniens Arbeitslosigkeit ist ein Pulverfass

Wolf Richter, Testosteronepit.com, 25.04.2013

Die spanische Arbeitslosenquote ist Ende des ersten Quartals auf 27,2% gestiegen. Im vierten Quartal 2012 lag sie noch bei 26,0%. Ende März war die Rekordzahl von 6.202.700 Spaniern arbeitslos, eine Zahl, die innerhalb von 12 Monaten um 563.200 gestiegen ist. Die Zahl der arbeitenden Spanier ist während desselben Zeitraums um 322.300 auf 16,6 Millionen Menschen gesunken.

Im spanischen Privatsektor wurden 251.000 Stellen gestrichen, im Staatssektor waren es 71.400 Stellen. Durch die Austeritätsmaßnahmen konnte der aufgeblähte Staatssektor also tatsächlich zurückgebaut werden. Doch anstatt diese Stellenverluste zu kompensieren, vernichtete der Privatsektor die Arbeitsplätze fast vier Mal so schnell wie die spanische Regierung!

Es gab 1,9 Millionen spanische Haushalte, in denen überhaupt niemand einer Arbeit nachging. Gegenüber dem vierten Quartal 2012 stellt das einen Anstieg von 72.400 Haushalten da. Im Hinblick auf den Zusammenhalt der spanischen Gesellschaft ist diese Zahl von außerordentlicher Bedeutung: Viele Haushalte setzen sich aus mehreren Generationen zusammen, und die Familienmitglieder sind aufeinander angewiesen.

Ende der 90er Jahre lebte ich für eine Weile in solch einem Haushalt in Mirasierra, einem Vorort von Madrid mit mittelgroßen Mehrfamilienhäusern, die durch breite Straßen oder Fußgängerzonen und Grünanlagen voneinander getrennt sind. Die Familie brauchte ein Zusatzeinkommen; da kam ich ins Spiel. Der Vater hatte in Santander als Doktor gearbeitet, war dann aber in Schwierigkeiten geraten.

Der elegante Hausherr und ich machten sonntags immer unsere Spaziergänge. Ab dem Vormittag gingen wir im Zentrum Madrids spazieren und zogen von Bar zu Bar, um Bier zu trinken und Tapas zu essen. Aber trotzdem hatte er mir nie gesagt, warum er nicht mehr länger als Arzt arbeiten konnte und warum er die meiste Zeit zuhause herumhing.

Die Mutter arbeitete auch nicht. Sie hatte vier Kinder. Das jüngste Mädchen, das gerade ein Jahr in den USA verbrachte, war immer noch auf der Hochschule. Die älteste Tochter war Mitte dreißig und arbeitete als Krankenschwester. Der Sohn arbeitete als Ingenieur in einer Beratungsfirma. Und die andere Tochter hatte einen Teilzeitjob bei einer Autovermietung. Und sie lebten alle zuhause, um ihre Eltern und ihre jüngste Schwester zu unterstützen.

Die Krankenschwester und der Sohn lebten bereits alleine, als dem Vater sein mysteriöses Debakel widerfuhr. Also verließen die Eltern Santander und kauften sich eine Etagenwohnung in Mirasierra, die groß genug für alle war. Es war zwar beengt, aber ich habe nur gute Erinnerungen an die Zeit, auch an die phänomenalen Mahlzeiten, die in den frühen Abendstunden stattfanden, wo sich alle – sie kamen von Arbeit nach Hause – um den Küchentisch zwängten, der mit köstlichen Speisen bedeckt war. Und es gab auch immer Chorizo vom Bauernhof ihrer Familie.

Ich war sehr beeindruckt, dass eine Familie über einen so langen Zeitraum hinweg zusammenhalten und Verantwortung füreinander übernehmen würde – nicht nur ein oder zwei Jahre. Aber die Kinder gaben mir zu verstehen, dass das normal sei. Nur ein Mal hatte ich das Gefühl, dass es eine Art von Opfer sei: Während die älteste Tochter und ich auf dem Balkon saßen, Sangria tranken und uns die Lichter der Stadt ansahen, rutschte ihr heraus, dass sie ihre kleine Wohnung sehr geliebt hat und sie vermissen würde.

So, und mittlerweile haben wir fast zwei Millionen Haushalte, in denen überhaupt niemand arbeiten geht. Und das rüttelt an den Grundfesten der spanischen Gesellschaft.

Die niedrigsten Arbeitslosenraten – die trotzdem immer noch astronomisch hoch sind – finden sich in den nördlichen Regionen Spaniens. País Vasco (das Baskenland), das an der Atlantikküste liegt und an Frankreich grenzt, war mit einer Arbeitslosenrate von 16,2% noch am besten dran. Andalusien, die südlichste der autonomen Regionen und gleichzeitig auch die bevölkerungsreichste, erzielte den entsetzlichen Rekord von 36,8%. Das sind Pulverfass-Ausmaße.

Unter den Ausländern lag die Arbeitslosenquote bei 39,1%. Viele von ihnen sind aus Afrika oder Lateinamerika gekommen, um während der Eigenheimblase in der Baubranche zu arbeiten. Als die Blase platzte, ging der gesamte Bausektor in Flammen auf, und die Arbeitsplätze gleich mit. Von den Spaniern, die in dieser Branche tätig sind, sind derzeit 25,1% ohne Arbeit.

Die Jugendarbeitslosigkeit – also die der Unter-25-Jährigen – verwandelt sich gerade in eine Langzeit-Tragödie: Sie stieg von 55,1% im vierten Quartal auf 57,2%. Es ist die am höchsten gebildete Generation, die Spanien jemals hervorgebracht hat, und das Land hat ein Vermögen in sie investiert. Und trotzdem haben die allerwenigsten von ihnen überhaupt eine Chance, eine Karriere zu beginnen und zur Wirtschaft beizutragen.

Die geschäftstüchtigsten, ambitioniertesten und hoffnungslosesten unter ihnen verlassen Spanien auf der Suche nach saftigeren Weiden in Richtung Deutschland, Argentinien und USA … Es ist ein echter Brain-Drain, aber es bringt Spanien auch um seine Energie; sie sollten eigentlich die Wirtschaft zu neuem Leben erwecken, sofern ihnen jemals die Möglichkeit dazu gegeben würde.

Die Hoffnung ist, dass das Fiasko letztlich doch ein Ende finden wird, dass irgendetwas Klick macht und eine Aufwärtsspirale einsetzt, bevor das Unaussprechliche passiert. Aber bisher ist es immer nur noch schlimmer geworden. Und umso mehr Zeit vergeht, desto stärker verwandeln sich die vorübergehenden Probleme in strukturelle Probleme und sind dann noch schwieriger zu lösen.

Ausgehend vom jetzigen Niveau, dürfte eine milde Wirtschaftserholung auf dem Papier zwar gut aussehen, aber von den Spaniern kaum wahrgenommen werden. Die Frustration steigt. Und mit ihr die gesellschaftlichen Risiken. Die ganze Zeit über hat sich der Euro wie eine Schlinge immer straffer um Spaniens Hals gezogen – und man fragt sich, was als nächstes kommt.

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