Milde Korrektur oder Bärenmarkt? Der Aktienbullenmarkt ist in die Jahre gekommen

David Chapman, MGI Securities, 07.02.2014

Auf Bullenmärkte folgen ganz unvermeidlich Bärenmärkte. Die Frage, die man sich dabei gewöhnlich stellt, ist, wie lange ein Bullenmarkt andauern kann, und wie weiß man, wann der Bärenmarkt beginnt. Der aktuelle Aktienbullenmarkt geht nun in sein fünftes Jahr, wenn man seinen Start mit März 2009 festlegt.

Der aktuelle Bullenmarkt folgte auf einen der schlimmsten Bärenmärkte in der Geschichte, bei dem der Dow Jones Industrials (DJI) um 53,8% fiel. Es war ein historischer Bärenmarkt, der zum zweitschlimmsten Bärenmarkt der Geschichte und nur von dem Bärenmarkt von 1929 bis 1932 übertrumpft wurde, wo der DJI um 86% einbrach. Zugegeben, der Einbruch das NASDAQ von 2000 bis 2002 spielt mit Verlusten in Höhe von 76,5% natürlich in derselben Liga wie der Bärenmarkt des DJI von 1929 bis 1932.

Aber selbst der Bullenmarkt von 2009 bis 2014 (bis heute) wurde 2011 unterbrochen, als der DJI um 16,8% fiel. Der Minibärenmarkt von 2011 war sehr kurz und dauerte gerade einmal 157 Tage, und 2011 endete dann sogar noch mit einem Zugewinn von 5,5%. Was die alljährlichen Zugewinne anbelangt, konnte der DJI nun bereits 5 Jahre in Folge ein Plus verbuchen. Das ist eine ziemlich starke Rally, aber die Performance liegt immer noch weiter hinter der größten Serie an aufeinanderfolgenden Jahresgewinnen. Die gewinnträchtigsten Jahre des Dow Jones fallen auf die Phase von 1991 bis 1999, als der DJI neun Jahre in Folge Zugewinne verbuchen konnte.

Wird der Bullenmarkt nun also weiter anhalten oder ist das Tief vom Januar dieses Jahres ein Signal, dass der aktuelle Bullenmarkt langsam auf Schwierigkeiten stößt? Seit dem Jahr 1900 hat es 36 Bullenmärkte und 35 Bärenmärkte gegeben. Und was den zeitlichen Ablauf anbelangt, so war der Bullenmarkt, der im Oktober 1990 seinen Anfang nahm und im Juli 1998 endete, mit 2.836 Tagen am längsten. Entlang des Weges gab es eine ganze Reihe von kleineren 10%-Korrekturen, aber dabei handelte es sich wirklich nur um Korrekturen innerhalb eines länger anhaltenden Bullenmarkts.

Bei dem Bullenmarkt von 1990 bis 1998 wurde ein Zugewinn von 295% verbucht. Das ist der zweitgrößte Zugewinn aller Zeiten. Diese Rally wurde nur von dem Bullenmarkt von Oktober 1923 bis September 1929 überflügelt, wo der Markt um 345% stieg.

Laut dem „Stock Trader´s Almanac 2014“ gab es acht Bullenmärkte, die 1.000 Tage oder länger anhielten. Nur zwei Bullenmärkte dauerten länger als 2.000 Tage – der Bullenmarkt von 1923 bis 1929 und der Bullenmarkt von 1990 bis 1998.

Kein Bärenmarkt hielt länger als 1.000 Tage an. Der längste Bärenmarkt begann im Juni 1901 und endete im November 1903 – dauerte also insgesamt 875 Tage. Wenn es eine allgemeine Regel gibt, die sich bei Bullenmärkten aufstellen lässt, dann die, dass Bullenmärkte dazu neigen, lange anzuhalten und dabei im Schnitt rund 86% zuzulegen. Sie dauern ungefähr 2 Jahre. Die Bärenmarkte fallen hingegen kurz und hässlich aus. Sie bescheren dem Anleger historisch gesehen im Schnitt aber nur Verluste von 31% und dauern rund 13 Monate.

Doch die Gewinn- und Verlustzahlen können täuschen, da die Zugewinne bei einem Bullenmarkt von 18,4% bis 344,5% und die Verluste bei Bärenmärkten von 13% bis 86% reichen. Diese Zahlen sind für den DJI, andere Märkte entwickeln sich natürlich besser oder schlechter.

Wenn man sagt, dass der aktuelle Bullenmarkt im Oktober 2011 seinen Anfang nahm, dann befindet er sich jetzt in seinem 856. Tag. Wenn man März 2009 als Ausgangspunkt festlegt und den Minibärenmarkt des Jahres 2011 als Korrektur durchgehen lässt, hält der aktuelle Bullenmarkt bereits seit 1.794 Tagen an. So gesehen ist dieser Bullenmarkt schon ziemlich in die Jahre gekommen und nähert sich von der Länge her nun immer schneller dem Bullenmarkt von Oktober 2002 bis Oktober 2007 an, der 1.826 Tage dauerte. Der durchschnittliche Bullenmarkt hielt lediglich 756 Tage an, so der „Stock Trader´s Almanac 2014“.

Seit dem bedeutenden Hoch der Märkte im Jahr 2000 hat es zwei Bärenmärkte und zwei Bullenmärkte gegeben. Es gibt hier eine interessante Symmetrie. Vom Hoch von März 2002 bis zum nächsten Hoch von Oktober 2007 lag eine Phase von 91 Monaten. Der aktuelle Markt hält ausgehend vom Hoch von Oktober 2007 bis heute 77 Monate an. Zwischen dem Bärenmarkttief von Oktober 2002 und dem Tief von März 2009 lagen ebenfalls 77 Monate. Zwischen dem Bärenmarkttief von Oktober 2002 und dem Bullenmarkthoch von Oktober 2007 lagen 60 Monate. März 2014 wird ausgehend von dem Tief von März 2009 ebenfalls zum 60. Monat des aktuellen Bullenmarkts werden – also sofern wir davon ausgehen, dass der Markt sein Hoch nicht schon ausgebildet hat.

2014 stehen in den USA Zwischenwahlen an. Traditionell ist das Jahr, an dem Zwischenwahlen stattfinden, das Jahr mit der zweitschlechtesten Performance während des vierjährigen Präsidentschaftszyklus. Das Jahr vor der Präsidentschaftswahl und Jahr 3 des Präsidentschaftszyklus gehören zu den Jahren, wo sich die Märkte am besten entwickeln. Aber es gab auch schon während des dritten Jahres des Präsidentschaftszyklus einige sehr hässliche Bärenmärkte – die bekanntesten fanden 1903, 1907 und 1931 statt. Und es hat auch in den Jahren, wo Zwischenwahlen stattfanden, einige fiese Bärenmärkte gegeben, beispielsweise 1854, 1930 und 1974.

Der 4-Jahrszyklus und der 6-Jahreszyklus der Aktienmärkte (Merriman – MMA-Zyklen) sind weithin bekannt. Diese Zyklen können auf eine durchschnittliche Länge von 5 Jahren geglättet werden. Im Einzelfall können sie aber drei bis acht Jahre dauern, je nachdem, ob es sich nun um einen 4- oder 6-Jahreszyklus handelt.

Seit 1974 kam es beim 6-Jahreszyklus 1980, 1987, 1994, 2002 und 2009 zu Tiefs. Beim 4-Jahreszyklus kam es seit 1974 in den Jahren 1978, 1982, 1987, 1990, 1994, 1998, 2002, 2005 (ganz geringfügig) und 2009 zu Tiefs, während das Tief von 2011 ein klein wenig verfrüht erscheint (zwei Jahre und sieben Monate).

Das nächste Tief des 6-Jahreszyklus würde irgendwann zwischen 2014 und 2017 fällig werden. Wenn 2001 nicht das Tief des 4-Jahrszyklus war, da der Rückgang lediglich bei 16,8% und nicht bei wenigstens 20% lag – so wie gewöhnlich ein Bärenmarkt definiert wird –, könnte es in 2014 zu einem Tief kommen, weil dieser Zyklus dann bereits überfällig wäre.

Wenn man die Tiefs des 6-Jahreszyklus weiter zurückverfolgt, lassen sich in den Jahren 1932, 1938, 1946, 1957, 1962, 1970 und 1974 weitere Tiefs ausmachen. Und Tiefs des 4-Jahreszyklus wurden 1932, 1938, 1942, 1946, 1949, 1953, 1957, 1962, 1966, 1970 und 1974 ausgemacht. Beim 6-Jahrszyklus kommt es während dieser Phase zu Verzerrungen. Die Bärenmärkte 1953 und 1957 waren nicht sonderlich stark, wobei der Bärenmarkt von 1953 mit einer Korrektur von gerade einmal 13% – dem schwächsten Bärenmarkt-Rückgang aller Zeiten – wahrscheinlich noch nicht einmal ein echter Bärenmarkt war, obwohl diese Korrekturphase rund 9 Monate dauerte.

Es gibt auch noch langfristigere Zyklen, wie den 18-Jahreszyklus. Dieser Zyklus kann im Einzelfall 13 bis 25 Jahre dauern, obwohl es sich meistens um Phasen von 15 bis 21 Jahren handelt. Seit 1974 gab es 1987 und 2002 18-Jahreszyklus-Tiefs. Es lässt sich nun darüber streiten, ob 2009 das 18-Jahreszyklus-Tief war, da es auch in diese Phase fällt. Wenn wir davon ausgehen, dass 2002 das 18-Jahreszyklus-Tief war, wäre das nächste Tief zwischen 2015 und 2021 fällig. Wenn man 2009 als das 18-Jahreszyklus-Tief heranzieht, wäre das nächste Tief erst zwischen 2024 und 2030 fällig …

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Der aktuelle Aktienbullenmarkt hält bereits sehr lange an und ist in die Jahre gekommen. Der DJI ist seit dem 01.01.2014 um 6,8% gefallen, während der S&P 500 um 5% nachgab. Das ist nicht gerade der Jahresstart, mit dem Viele gerechnet hatten. Der bisherige Rückgang ist aber lediglich eine Korrektur und noch kein Bärenmarkt. Das Januar-Barometer legt nahe, dass der Aktienmarkt 2014 auf Schwierigkeiten stoßen könnte. Fünf Jahre an Zugewinnen in Folge ist für einen Bullenmarkt eine sehr lange Zeit, und die Geschichte legt nahe, dass die Tage des aktuellen Bullenmarkts gezählt sein könnten. Die Zyklen bewegen sich nun in eine Phase, wo ein Bärenmarkt denkbar ist.

Doch wie weiß man, dass man in einen Bärenmarkt eintritt? Traditionell handelt es sich bei Bärenmärkten um eine Korrektur von mindesten 20%. Einige Zahlen, die man hierzu im Kopf behalten sollte, da sie uns Hinweise auf einen bevorstehenden Bärenmarkt geben könnten, sind die Folgenden (alles für den S&P 500): Der S&P 500 hat bereits das letzte Wochentief von 1.767 Punkten durchbrochen; das nächste Wochentief, das man im Auge behalten sollte, liegt bei 1.646 Punkten; das Monatstief, das man im Auge behalten sollte, liegt bei 1.560 Punkten, und das Jahrestief von 2013 (Januar 2013) lag bei 1.426 Punkten.

Wenn bedeutende Wochen-, Monats- und Jahrestiefs aus der Vergangenheit unterschritten werden, ist das eine potentielle Bestätigung dafür, dass der Bullenmarkt zu Ende sein könnte. Darüber hinaus liegt der gleitende exponentielle 23-Monatsschnitt des S&P 500 derzeit bei 1.592 Punkten. Ein Schlusskurs unter diesem Niveau wäre ein weiterer Hinweis darauf, dass sich ein Bärenmarkt entwickeln könnte.

Sollte der aktuelle Markt früheren Mustern folgen, könnte es auch nach einer Korrektur von 10% bis 15% zu einem abermaligen Wiederanstieg auf alte Hochs und sogar zur Ausbildung neuer Hochs kommen. Die neuen Hochs würden die vorangegangen Hochs aber nur geringfügig überflügeln. 2007 lag das finale Hoch von Oktober gerade einmal 1,4% über dem Juli-Hoch. Im Jahr 2000 gelang der Rückkehrversuch nicht ganz und das September-Hoch wurde leicht unter dem März-Hoch ausgebildet. Das sind keineswegs ungewöhnliche Muster – entweder werden leicht darüber oder leicht darunter liegende Hochs ausgebildet, denen dann eine Korrektur folgt. Im Jahr 2000 lag die erste Korrektur nach dem März-Hoch bei fast 14%. Und im Jahr 2007 lag die Anfangskorrektur nach dem Juli-Hoch bei rund 12%.

Bitte berücksichtigen Sie auch die aufsteigenden bärischen Keile, die sich bei den Hochs der Jahre 2000 und 2007 gebildet hatten. Der aktuelle Markt scheint dasselbe Muster aufzuweisen. Bitte berücksichtigen Sie auch die Stochastik, die oft eine Serie niedrigerer Hochs ausbildet, bevor sie auf die steigenden Trendlinien wichtiger Tiefs trifft. Werden diese Trendlinien durchbrochen, fehlen dem Markt die Kräfte, um wieder auf die Beine zu kommen. Wenn es für einen Bärenmarkt überhaupt irgendwelche Kursziele gibt, dann vielleicht die untere Linie des bärischen Trendkanals, die beim S&P 500 derzeit bei unter 600 Punkten liegt. Diese Zone wäre der Anziehungsbereich eines Bärenmarkts – ähnlich der Kursentwicklung der Bärenmärkte von 2000 bis 2002 und von 2007 bis 2009.

Bullenmärkte halten nicht ewig an. Die Marktstimmung ist weiterhin sehr bullisch. Der Hebel bei den Aktieninvestments liegt aktuell auf Rekordniveaus. Die meisten Marktanalysten sind der Meinung, dass es sich bei der aktuellen Entwicklung lediglich um eine milde Korrektur handelt. Vielleicht haben sie Recht. Aber noch einmal: Die Geschichte hat gezeigt, dass die meisten Analysten dabei scheitern, den nächsten Bärenmarkt zu antizipieren.

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