Belgien wird zum drittgrößten Auslandsinvestor von US-Staatsanleihen

Ein Rätsel, das noch nicht ganz aufgeklärt ist: Belgien hält derzeit 70% seines BIP in US-Staatsanleihen und ist damit nun nach China und Japan der drittgrößte Halter von US-Staatsschulden

Wolf Richter, Testosteronepit.com, 16.04.2014

Das winzige Belgien – das vor einiger Zeit für drei Jahre meine geliebten Jagdgründe waren – mit einem BIP von USD 484 Milliarden; ein Land, durch das man, wenn man richtig fit ist, an einem Tag mit dem Fahrrad fahren kann; ein Land, das zum Leidwesen einiger Leute dadurch Berühmtheit erlangte, dass es für ein paar Jahre auch ganz ohne eine Nationalregierung bestens zurechtkam – nun ja, dieses winzige Fleckchen Land fängt nun an, einen enormen Berg von US-Staatsanleihen zu halten.

Laut den kürzlich vom US-Finanzministerium veröffentlichten Daten kamen im Februar weitere USD 30,9 Milliarden hinzu, wodurch der belgische Berg an US-Staatsanleihen auf das phänomenale Niveau von USD 342,2 Milliarden oder rund 70% des BIP gestiegen ist.

Dadurch ist dieses Fleckchen Erde mit 11 Millionen Menschen auf Rang drei aufgerückt und rangiert nun hinter der Exportmacht China (USD 1,27 Billionen) und der ehemaligen Exportmacht Japan (USD 1,21 Billionen), also der zweitgrößten und der drittgrößten Wirtschaft der Welt.

Seit August letzten Jahres, als Belgien bereits enorme USD 166,8 Milliarden an US-Staatsanleihen hielt, sind die Bestände noch einmal um 105% in die Höhe geschossen! Woher rührt dieser plötzliche Anstieg?

US-Treasuries-held-in-Belgium

Was ist da los in Belgien?

Belgien hat einen brummenden Exportsektor – so viel vorweg. Mir fallen da die spitzenmäßige Schokolade, die süchtig machenden Biere und viele andere Produkte ein. Aber haben sich die in Dollar denominierten Verkäufe über Nacht und auf wundersame Art gleich vervielfacht? Nein. In Belgien passiert rein Garnichts schnell. Selbst wenn man irgendeine kleine bürokratische Sache erledigen muss, braucht man, wie wir herausfanden, übermenschliche Geduld, ein enormes Maß an Finesse und eine erstaunliche Menge Geld. Also nein, mit Belgiens Realwirtschaft kann es auf keinen Fall etwas zu tun haben.

Damit bleibt noch andere Option – nämlich dass Belgien zum Finanzzentrum für US-Staatsanleihen avanciert ist, die dort für andere Länder gehalten werden, oder Belgien zumindest als eine Art Transitland für US-Staatsanleihen dient.

Im selben Zeitraum, also seit August letzten Jahres, gingen die Bestände von US-Staatsanleihen in Luxemburg – einem echten Finanzzentrum mit einer berüchtigten Undurchsichtigkeit – von USD 143,8 Milliarden auf USD 136,8 Milliarden zurück. In Irland, wo die US-Konzerne große Mengen ihrer Gelder parken, um US-Steuern zu vermeiden, gingen die Bestände seit August ebenfalls von USD 120 Milliarden auf USD 111,4 Milliarden zurück.

Also, warum Belgien? Das Mysterium ist bisher noch nicht gelöst worden. Aber es gibt einige Hinweise …

Einer dieser Hinweise heißt Euroclear. Euroclear ist eine riesige Finanzinstitution. Das Unternehmen hält EUR 24,2 Billionen (USD 33 Billionen) an Vermögenswerten. Zu den Kunden von Euroclear gehören, wie das Unternehmen erklärt, über 2.000 weltweite und lokale Kunden, Broker, Zentralbanken, Geschäfts- und Investmentbanken, Investmentmanager und supranationale Organisationen aus über 90 Ländern. Der Gesamtwert aller Wertpapiertransaktionen, die von Euroclear für die Kunden abgewickelt werden, beläuft sich auf über EUR 570 Billionen pro Jahr. Stolz weist das Unternehmen darauf hin: „Wir wickeln alle sechs Tage Transaktionen ab, die dem Wert des BIP der Europäischen Union entsprechen.“

Ja, und der Hauptsitz ist in Belgien. Es könnte durchaus sein, dass ein Staat diese Mega-Organisation genutzt hat, um seine US-Staatsanleihebestände dem Zugriff der USA zu entziehen. Und in der Tat erklärte das Unternehmen gegenüber der Financial Times, dass das Volumen der von ihm gehaltenen US-Staatsanleihen in den letzten Monaten „dramatisch gestiegen ist.“

Und es gibt einen Verdächtigen, sozusagen. Das US-Finanzministerium zeigt in seiner Übersicht der großen ausländischen Halter von US-Staatsanleihen, dass Russlands Bestände Ende Februar bei USD 126,2 Milliarden lagen und somit im Vorjahresvergleich um 23,5% zurückgegangen sind. Das ist ein ordentlicher Rückgang. Logisch, dass Präsident Vladimir Putin die Nase voll hat. Schrittweise und vorsichtig diversifiziert er die ausländischen Devisenreserven. Und gelegentlich verkauft die russische Zentralbank auch einen Teil davon ab, um zu versuchen, den Rubel zu stützen.

Eine andere Übersicht des US-Finanzministeriums weist plötzliche und extrem volatile Schwankungen aus: Es ist die Übersicht, aus der hervorgeht, welche Menge an US-Staatsanleihen von der US-Notenbank treuhänderisch für ausländische Staaten und internationale Investoren gehalten werden.

US-treasuries-held-in-custody-at Fed-for-foreign-official-accounts

Während das US-Haushaltsdefizit bis auf über USD 1 Billion pro Jahr anwuchs, gehörten andere Länder zu den größten Käufern von US-Staatsanleihen. Daher kletterten die von der Fed für andere Länder gehaltenen Bestände am 18.12.2013 auf das Rekordhoch von USD 3,02 Billionen und sind somit in gerade einmal sechs Jahren um über 150% in die Höhe geschnellt. Doch danach gingen diese Bestände Woche für Woche zurück und brachen schließlich Anfang März auf das jüngste Tief von USD 2,855 Billionen ein – aber nur, damit genau diese Staatsanleihen wenige Wochen später wieder auftauchten, was für jede Menge Volatilität sorgte.

Dieses Rätsel – ein Rekordberg an US-Staatsanleihen, die plötzlich verschwinden und jetzt wieder auftauchen – ist bisher nicht gelöst worden. Im Mai, wenn wir die Märzdaten des Treasury International Capital System (TIC) erhalten, dürften wir mehr erfahren. Das Einzige, was wir bisher wissen, ist, dass irgendjemand panikartig einen Haufen US-Staatsanleihen von der Fed abgezogen hat und diese Titel dann zu irgendeiner anderen Organisation transferierte.

Diese Organisation könnte Euroclear sein, das Unternehmen würde als Treuhänder fungieren und hätte also unter seinem Namen einen Teil der Staatsanleihen wieder bei der US-Notenbank geparkt. Jetzt, wo die Papiere nicht mehr länger unter russischem Namen gehalten werden, bekommt die US-Regierung wohlmöglich Schwierigkeiten, sie im Rahmen ihrer Sanktionsspirale wegen der Ukraine einzufrieren – wohlmöglich könnte die US-Regierung noch nicht einmal glaubhaft drohen, diese Vermögen einzufrieren.

Und dadurch wird ein anderes, größeres Thema aufgeworfen: Wenn unbequeme Halter von US-Staatsanleihen wie Russland von der US-Regierung oder dem US-Kongress belästigt werden, welche Lehre werden dann die Chinesen daraus ziehen? Und was werden sie unternehmen?

Die Chinesen arbeiten bereits daran: Als die Bundesbank mit der chinesischen Zentralbank die „Absichtserklärung zum Renminbi-Clearing“ unterzeichnete, fand sich darin das Wort Dollar nicht ein einziges Mal. Präsident Xi Jingping und Kanzlerin Merkel sahen bei der Unterzeichnung zu. Das war eine ernste Angelegenheit. Jeder wusste, worum es dabei ging. Das musste niemand erst aussprechen.

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